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150 Jahre Ludwig Thoma (7): Bayerische Rauflust

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Hugo Kauffmann (1844-1915): Rauflustig, Holzstich 1872

Anlässlich seines 150. Geburtstages präsentieren wir eine kleine Blogreihe zu Ludwig Thoma. In der sechsten Folge, die auch in der aktuellen Ausgabe der  Literatur in Bayern erscheint, schreibt Gernot Eschrich über Ludwig Thomas bayerische Rauflust.

*

Iwerdahea!

Was das heißt? Mir fiel der Satz – um einen solchen handelt es sich nämlich – bei der Lektüre von Ludwig Thomas Roman Der Ruepp wieder ein, und zwar im Zusammenhang mit dessen Maulheldentum. Was ihm an innerer Kraft abgeht, versucht der finanziell und moralisch sich immer weiter dem Abgrund nähernde Mann ja fortwährend durch großmäulige Einschüchterungsversuche zu kompensieren.

War es oder ist es anderswo in Deutschland und auf der Welt unter Buben wesentlich anders als in Landshut-Süd, wo ich in den Vierzigerjahren aufgewachsen bin? Da war es, wenn man auf der Straße einen unbekannten Buben traf, jedenfalls der Brauch, sich erst einmal verbal aufzumanndeln: “Iwerderhea!“ oder „Mogst raffa?“ (‚Ich werde dir Herr‘, ‚Magst du raufen?‘)

Die Älteren redeten die Jüngeren gern despektierlich als „Xaverl“, „Xare“ oder „Büawe“ (‚Bubi‘) an.

Rau und gar nicht herzlich ist auch der Ton schon auf den ersten paar Seiten des Ruepp, wenn der betrunkene, Streit suchende Titelheld am sonntäglichen Wirtshaustisch einen Klein- und einen Großbauern aufs Übelste provoziert. Herabsetzend redet er beide mit „Manndei“ an, heißt den einen von ihnen „Falschhauser“, „Feinspinner [...] schlitzohreter“, muss vom anderen „Leutbetrüaga“ und „Lump“ hören und schließlich einen Faustschlag auf die Nase einstecken, der ihn außer Gefecht setzt.

Sakrisch geht's auch schon gleich am Anfang zu, wenn es von den Burschen heißt:

„Vor einer die Kugel auf den Laden setzte, fluchte er; warf er wenig Kegel um, fluchte er, und warf er viele um, fluchte er auch.“ Das hört sich dann so an:

„‚Da Seppi hat an Kranz g'schoben.‘

‚Ah, Herrgottsaggera, der Bluatshund, der miserablige ...‘“

Gibt es eigentlich eine vergleichende Untersuchung über die Häufigkeit und Intensität von Flüchen, verbalen Drohgebärden und realen Schlägereien in deutschen Romanen? Nimmt dergleichen bei bayrischen Erzählern nicht etwa mehr Raum ein als bei Autoren anderer Stammesgebiete? Woher diese Rauflust in Wort und Tat kommt, wird nicht so leicht zu klären sein, aber der Eindruck, dass sie etwas Bayrisches ist, drängt sich schon auf. Oder ist es Zufall, dass der Politische Aschermittwoch, an dem alle Parteien „holzen“ müssen – oder dürfen , in mehreren Städten Niederbayerns stattfindet?

 

Bayern leicht entflammbar?

Aber auch wenn der Altbayer nicht aggressiver sein sollte als die Bewohner anderer Landstriche, so hatte doch der Autor, der seine Leute so treffend und lebensvoll dargestellt hat, Ludwig Thoma, bekanntlich selber ein erhebliches Aggressionspotenzial. Und darin liegt vielleicht der gemeinsame Grund für die – scheinbare – Diskrepanz zwischen der scharfen Kritik am Wilhelminismus vor dem Ersten Weltkrieg und an der Weimarer Republik danach. Es könnte sich hier um die Persönlichkeitsstruktur leicht entflammbarer Menschen handeln, deren emotionsgeladene Meinungsbildung und Lust an der „klaren Aussprache“ sie dazu verführt, relativ schnell zwischen konträren Positionen zu wechseln. Man erinnere sich an einen prominenten bayerischen Politiker, gern als Urgestein bezeichnet, der nach dem Zweiten Weltkrieg sagte, jedem, der noch einmal ein Gewehr in die Hand nehme, solle der Arm abfallen, und einige Jahre später die Bundeswehr am liebsten mit Atomwaffen ausgerüstet hätte.

In Thoma, der sich mit der Pfeife im Mund gern als festen Mann sah und stilisierte, rumorte auch etwas Vulkanisches. In seiner Doktorarbeit rechtfertigte er grundsätzlich die Notwehr, die er dann aus verzweifelter Sorge ums Vaterland im ersten Miesbacher Artikel (vom 15. 7. 1920) wieder empfiehlt. „Ich war immer heißblütig dabei für unser Deutschland ...“, schreibt er am 21. 4. 1921 an Maidi v. Liebermann. Man weiß, wie zweischneidig solche politische Leidenschaft ist.

Starke Gefühle können einen Autor stark machen, ohne Empathie bleiben Bücher blass. Thoma hat wie Gerhart Hauptmann und Carl Zuckmayer die Gabe, man möchte sagen, lebensechter zu schreiben, als das Leben selber ist. In diesem Sinne „wahr“ sind nicht nur die heftigen Szenen im Ruepp, sondern auch so zarte, liebevolle wie die Gespräche zwischen dem schüchternen Michael und der ihm wohlgesinnten Stasi. (Hier hat er also am Ende doch noch eine kleine Liebesgeschichte geschafft.)

Und starke Gefühle machen aus dem späten Thoma eine tragische Figur, denn nicht alles, was er nach dem Ersten Weltkrieg denkt und äußert, ist falsch: Was er über die Großmannssucht Wilhelms II. und die Fehler der deutschen sowie österreichischen Außenpolitik schreibt, ist brillant, wenn auch teilweise einseitig – dargelegt im hervorragenden Nachwort der Allitera-Ausgabe des Ruepp. [1] Hier analysiert Bernhard Gajek detailliert die Zusammenhänge („Subtext“) zwischen dem Roman, der Zeitgeschichte und Ludwig Thomas persönlicher Katastrophe: die von ihm als verzweifelt empfundene politische und wirtschaftliche Lage nach dem Krieg, das Bewusstsein des Wortbruchs gegenüber dem Ehemann Maidi v. Liebermanns (S. 205) und dazu deren Sich-Zurückziehen (S. 203), die Krebserkrankung, die er nicht wahrhaben will (S. 204), sowie womöglich finanzielle Sorgen [2] (S. 197).

Im Licht dieser Misere – Gajek spricht sogar von Todessehnsucht [3] − möchte man dem oft unglaublich bösartigen Journalisten Ludwig Thoma mildernde Umstände zubilligen und statt nur Abscheu auch Mitleid empfinden, auch wenn Ausfälle gegen Juden und schreibende Frauen schon für die Zeit vor dem Simplicissimus bezeugt, also für ihn charakteristisch sind. Er wurde jetzt dem allen, insbesondere sich selber, einfach nicht mehr Herr. Wäre ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen, hätte er, zumal unter dem Eindruck der Nazi-Barbarei, vielleicht noch, ähnlich Thomas Mann, eine Kehrtwendung vollzogen.

[1] Ludwig Thoma: Der Ruepp. Hg. und Nachw. von Bernhard Gajek. Allitera, München 2015.

[2] S. 197-205.

[3] S. 211.

 

Gernot Eschrich wurde 1938 geboren und wuchs in Landshut auf. Er studierte die Fächer Deutsch, Latein und Griechisch in München und Freiburg. Von 1964 bis 2001 war er Gymnasiallehrer in Tegernsee und Gilching.


Sekundärliteratur:

Ludwig Thoma: Der Ruepp. Hg. und Nachw. von Bernhard Gajek. Allitera, München 2015.

Externe Links:

Website Literatur in Bayern


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