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11.05.2017, 11:47 Uhr
Renée Rauchalles
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(c) Folker Schellenberg

150 Jahre Ludwig Thoma (6): Wie Ludwig Thoma über Else Lasker-Schüler herzieht

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Porträt Else Lasker-Schülers von 1907, aus Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café, Ullstein-Verlag

Anlässlich seines 150. Geburtstages präsentieren wir eine kleine Blogreihe zu Ludwig Thoma. In der sechsten Folge, die auch in der aktuellen Ausgabe der  Literatur in Bayern erscheint, schreibt Renée Rauchalles über Ludwig Thomas problematisches Verhältnis zu Else Lasker-Schüler.

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Im Grabe würde er sich umdrehen, der Ludwig Thoma, dass die „Sprach-Syphilis“ der von ihm so geschmähten jüdischen Dichterin, Erzählerin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler nicht tot zu kriegen ist, im Gegenteil, durch ihre ungewöhnlichen und neuartigen lyrischen Wortschöpfungen Blüten treibt bis heute, die ausgiebigst gepflegt werden mittels zahlreicher Veranstaltungen durch die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal sowie weltweite Veröffentlichungen, Vertonungen und Aufführungen ihrer Theaterstücke.

Für Thoma, den weit über Bayern hinaus populären und literarisch äußerst produktiven Schriftsteller mit widersprüchlichem Charakter zwischen zarter Beseeltheit und erschreckender, gemeiner Unmöglichkeit, auch Frauen gegenüber (siehe Martha Schad: Ludwig Thoma und die Frauen), war Else Lasker-Schüler, exotische Erscheinung wie aus Tausendundeiner Nacht, ein rotes Tuch. Karl Kraus (Gründer der Zeitschrift Die Fackel), der sie nach der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann Herwarth Walden (beide gaben die Zeitschrift Der Sturm heraus) finanziell unterstützte, nannte die am 11.2.1869 in Wuppertal-Elberfeld geborene und in Berlin lebende Lyrikerin die „stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland“. Sie pflegte Kontakte zu namhaften Schriftstellern und Künstlern, bevor sie 1933 (1932 erhielt sie den Kleist-Preis) wegen des Hitler-Regimes nach Zürich und schließlich nach Jerusalem emigrierte, wo sie 1945 starb. Längst nicht so einsam und verarmt, wie oftmals geschrieben wird.

Else veröffentlichte ihre Gedichte auch in Zeitschriften, so in der Satire-Zeitschrift Simplicissimus. Den Chefredakteur Ludwig Thoma lernte sie wohl nie persönlich kennen, obwohl sie sich 1911 in München aufhielt und wie Thoma im „Simpl“, der legendären Schwabinger Künstlerkneipe, verkehrte. 1919/20 erschien eine erste, zehnbändige Gesamtausgabe ihrer Werke. Sie, wie auch ihre auffällige Person, inspirierten zu Parodien. So geschehen in Die Weltbühne, einer Berliner politisch-literarischen Wochenzeitschrift mit wechselvoller Geschichte, in der unter anderem Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Erich Mühsam, Carl von Ossietzky (ab 1927 Herausgeber des Blattes, 1935 Friedensnobelpreis), Kurt Tucholsky sowie Else Lasker-Schüler veröffentlichten.

Am 7. Juli 1921 brachte die Zeitschrift eine Parodie des Buchhändlers Reinhold Stahl (Freund ihres Sohnes Paul) über eine fiktive Begegnung zwischen ihr und Hedwig Courths-Mahler. Empört schrieb die Dichterin an den Theaterkritiker und Gründer der Zeitschrift, Siegfried Jacobsohn, dass sie sich wie eine Verrückte geschildert sieht, was auch als Parodie höchst geschmacklos sei. Das Ganze schade nicht nur ihr allein, sondern allen Juden. Sie bat darum: „Wollen Sie meine Antwort abdrucken wörtlich?“ Jacobson veröffentlichte sie tatsächlich am 14. Juli in Die Weltbühne und löste damit noch Schlimmeres aus. Am 22. Juli reagierte Ludwig Thoma darauf mit einer unflätigen anonymen Hetzschrift im Miesbacher Anzeiger unter der Überschrift Unsere Muttersprache, die ihn, wie weitere seiner ca. 166 meist anonymen Beiträge in 1920/21, als üblen Antisemiten entlarvte: „Wir wissen kaum, wer Lasker-Schüler ist, und unsere Leser werden es auch nicht wissen, aber der Jacobsohn in Berlin sagt, dass sie die größte Dichterin Deutschlands ist, und der Judassohn sagt es auch. [...] Die erste Dichterin Deutschlands scheint zu besitzen nichts von der Sprache Deutsch. [...] Wir drucken es ab, damit der wirkliche Deutsche sieht, wie die Saubande sogar mit seiner Sprache Schindluder treibt. ...“

Peinlicherweise hatte Thoma wohl vergessen, dass in der von ihm mit Hermann Hesse 1907 gegründeten linksliberalen Zeitschrift März Arbeiten der Dichterin und Rezensionen ihrer Bücher abgedruckt waren. Weiter wetterte er: „... unzählige Fehler, Sinnwidrigkeiten, Häßlichkeiten, sind durch das Pressegesindel in unsere Muttersprache eingeschmuggelt worden. Seit zehn und mehr Jahren benützt die Bande ihre Zeitungsmacht, um den ganzen Bau der deutschen Sprache zu zerstören und an ihre Stelle das jiddische Gauner- und Verbrecherkauderwelsch zu setzen.

Nach der Revolution stürzten sich die Zigeuner mit ihren Schlampen über unsere ehrwürdige Muttersprache her, rissen sie in Fetzen und diese 'größte Dichterin Deutschlands' zum Beispiel macht es sich zur Aufgabe, als Oberschlawinerin Satzstellung und Wortstellung zu verlausen. In Berlin hockt das Gesindel zu hunderten beisammen, das die Sprach-Syphilis einführt. ...“

Seit der Reichsgründung 1871 hatte der Antisemitismus in Deutschland wieder zugenommen. Im Juni 1922 wurde der jüdische Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau, ermordet. Fast ein Jahr vorher, am 26. August 1921, kurz nach dem Erscheinen des Else-Schmähartikels, hatte den 54-jährigen Judenhasser Thoma, der sich 1918 ausgerechnet in die verheiratete Halbjüdin Maidi von Liebermann verliebte, sein Magenkrebs dahingerafft. Maidi wurde sogar Haupterbin seines Hauses in Tegernsee, genannt „Die Tuften“ sowie aller Verlags- und Urheberrechte. Nach neuerlichem Bekanntwerden der antisemitischen Hetzkampagnen wurde der Ludwig-Thoma-Preis ab 1990 eingestellt.

 

Renée Rauchalles ist Autorin, Künstlerin und Dozentin und lebt in ihrer Geburtsstadt München, wo sie Grafik, Malerei, Operngesang und Schauspiel studierte und u.a. am Residenztheater München tätig war. 17 Jahre stellte sie in ihrer ZEITfürKunst-GALERIE in selbstkonzipierten zahlreichen Lesungen vorwiegend Lyrikerinnen vor, die teilweise auch Eingang fanden in ihre Lyrik-Anthologie Mir träumte meine Mutter wieder – Autorinnen und Autoren über ihre Mütter. Sie veröffentlicht eigene Lyrik, Prosa, Essays sowie Sachliteratur. Ihr bildnerisches Werk ist regelmäßig in Ausstellungen zu sehen.


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