Thomas von Steinaeckers Rede zum Carl-Amery-Preis

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Foto: Literaturportal Bayern

Der Preis, der alle zwei Jahre vom Verband deutscher Schriftsteller in Bayern verliehen wird, soll an den Münchner Schriftsteller Carl Amery (1922-2005) und sein Lebenswerk erinnern. 2017 erhält den Preis Thomas von Steinaecker, der mit Romanen wie Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen (S. Fischer Verlag, 2012) und Die Verteidigung des Paradieses (S. Fischer Verlag, 2016) auf, wie die Jury urteilt, „einzigartige Weise die Beobachtung von gesellschaftlicher Gegenwart und das Möglichkeitsdenken der Literatur verbindet“. Bei der Verleihung im Literaturhaus München hielt Thomas von Steinaecker diese Rede über Dystopien, seine Sicht auf Carl Amery und die Notwendigkeit und Problematik öffentlichen Engagements.

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Apokalypse des Jetzt

Vor nicht allzu langer Zeit war ich wie oft an Samstagvormittagen mit meinem Sohn in der Kinder- und Jugendabteilung einer Buchhandlung in Augsburg. Ich war auf der Suche nach neuen Büchern zum Vorlesen; gerne Werke, die ich selbst aus meiner Kindheit kannte; ich war aber auch offen für Neues. Das ist ja ein schöner Nebeneffekt am Eltern-Sein: Man durchlebt eine Art zweite Kindheit unter den Vorzeichen einer anderen Gegenwart und kann sich vorstellen, wie sich die Bücher, die nun das eigene Kind liest, die Filme, die es sieht, in seinem Gedächtnis in ein zukünftiges Referenzreservoir verwandeln. Bei mir rufen zum Beispiel heute Astrid Lindgren, Ottfried Preußler oder auch Die drei ??? sofort heimatliche Gefühle hervor – unter dem trügerischen Motto: „Ach, die 1980er Jahre, was waren das doch für schöne, unbeschwerte Zeiten …“

Was für Bücher also würden dem heute entsprechen? Ich strich an dem Regal vorbei, in dem sich die Werke befanden, die ich aus meiner Kindheit kannte; auch Michael Ende, natürlich, und trotzdem eine Ironie des Schicksals, da ich mich noch an die Kontroversen erinnerte, die vor knapp 30 Jahren seine Romane als vermeintlich unliterarische und pädagogisch zweifelhafte Fantasy auslösten. Dann stand ich plötzlich vor einem prall gefüllten und offensichtlich gut frequentierten Regal mit Titeln, die mir alle nichts sagten. Ja, mehr noch: Sie irritierten mich. Für einen Moment kam ich mir vor, als befände ich mich im Lesesaal der Zeugen Jehovas: „Artikel 5“, „Die Auserwählten“, „Die Auslese“, „Die Elite“, „Vertraue Niemanden“, „Watcher – Ewige Jugend“, „Hunger-Spiele“ – okay, die Verfilmung unter dem Titel „Die Tribute von Panem“ kannte ich. Und auf dem Schild, welches das entsprechende Genre bezeichnete und auf dem früher vielleicht „Detektive“ oder „Mädchen“ gestanden hätte, las ich zu meinem Erstaunen, während mir das helle Lachen der Kinder um mich in den Ohren klang: „Dystopien“.

Als Autor wusste ich natürlich, dass sich negative Utopien seit längerem in der Erwachsenen-Belletristik einer erstaunlichen Konjunktur erfreuten. Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ hatte 2006 da etwas in Gang gesetzt, was man nicht einmal als Comeback bezeichnen kann, da es dieses Genre in der sogenannten Hochliteratur vorher nicht gegeben hatte, nun aber von gestandenen Autoren wie Reinhard Jirgl in „Nichts von euch auf Erden“ (2012) bis zu gleichaltrigen Kollegen wie Heinz Helle in „Eigentlich müssten wir tanzen“ (2015) geschrieben wurde. Diese etwa ein Dutzend Romane waren weit davon entfernt, ganze Regale zu füllen, wie in der Jugendbuchabteilung. Ich würde auch nicht einmal von einem Trend sprechen. Dazu hoben sich diese Bücher doch zu sehr ab von der Flut an Berlin-, Provinz-, Migrations- und Familien-Romanen. Aber offensichtlich gab es hier ein neues Thema, das auch von klassischen Lesern wie Kritikern in Deutschland, wo es popkulturelle Motive in der Literatur traditionellerweise schwer haben, plötzlich ernst genommen wurde.

Das war und ist etwas Erstaunliches und ziemlich Neues. Als Carl Amery, immerhin zusammen mit Grass, Walser, Böll Dauermitglied der ehrwürdigen Gruppe 47 sowie zeitweise Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller, in den 1970er Jahren knallharte Science-Fiction-Romane veröffentlichte, noch dazu in der SF-Reihe (!) des Heyne Verlags (!), war das, gelinde gesagt, eine Irritation für den Literaturbetrieb. Mit Science-Fiction durfte eventuell ein damals eher bekopfschüttelter als bewunderter Außenseiter wie Arno Schmidt hantieren. Aber ein Autor, der fest im Betrieb verwurzelt war: Das widersprach dem Zeitgeist. Allerdings lediglich dem hochliterarischen.

Denn eigentlich entsprach es ihm bei näherer Betrachtung voll und ganz und war die logische Fortschreibung eines anderen Alleinstellungsmerkmals Amerys: das des öffentlichen Intellektuellen. Amery war nicht nur ein ebenso scharfer wie scharfsichtiger Kritiker der katholischen Kirche, er begründete Ende der 1970er die Partei Die Grünen mit; daneben hielt er unzählige Vorträge zu gesellschaftspolitischen Fragen, eindrucksvoll gesammelt unter anderem in dem Band „Arbeit an der Zukunft“, wo zum Beispiel in einem wütenden Aufsatz über die USA die Amery-typischen Sätze zu lesen sind:

Was könnte Europa tun, um sich wirklich, nicht nur mit verbalem Florettgefuchtel, aus einer lebensgefährlichen Allianz [mit den USA, Anm. von TvS] zu lösen? Solange es auf dem geltenden Design des Wirtschaftens und der Sozialisierung durch den Totalen Markt beharrt: NICHTS. Es wird weiterhin als vielleicht unwilliger, aber letzten Endes braver Soldat Schweijk hertrotten hinter den Todesmaschinen der planetarischen Interessenswahrung, wird weitermarschieren in die Armageddon-Wüste. Was es gälte: einen Zivilisationsentwurf zu finden, der wirklich universalisierbar ist, und die dafür notwendigen, durchaus nicht immer erfreulichen Schritte einzuleiten.

Geschrieben 2003 im Angesicht der von George W. Bush angezettelten Kriege. Und wie aktuell klingt das erst heute!

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Diese Rolle des öffentlichen Autors (eben nicht nur Intellektuellen, sondern Schriftstellers fiktionaler Werke!), diese Rolle, die Carl Amery mustergültig ausfüllte, gab und gibt es so nur in Deutschland und war allein durch das geistige Vakuum möglich, das sich durch den Zweiten Weltkrieg nach 1945 im Bürgertum auftat. Eine Generation von Künstlern, die einerseits als Deutsche nicht vom Holocaust traumatisiert, andererseits aber auch nicht ins Exil gegangen waren, sondern als jugendliche Opportunisten oder auch klar Andersdenkende den Horror des Dritten Reichs am eigenen Leib erlebten, diese Generation von Künstlern spürte einen klaren moralischen Auftrag. Sie sahen sich als Schriftsteller-Missionare. Gesellschaftliche Einmischung, das war für Böll, Grass und Co. Pflicht und ging sogar so weit, dass einer wie Enzensberger Ende der 1960er Jahre den „Tod der Literatur“ zugunsten des öffentlichen Protestes verkündete.

Ihre politische Position war dabei stets klar definiert: links, später auch grün. Dass das nicht ohne Eitelkeiten abging und viele natürlich den Glamour und die Aufmerksamkeit genossen, die ihnen als politisierenden Schriftstellern zukamen, versteht sich von selbst. Damit jedoch solche Einmischungen überhaupt funktionierten, brauchte es nicht nur Men (es waren nie Women) on a Mission, sondern auch eine Gesellschaft, die dafür empfänglich war. Es brauchte Öffentlichkeit. Für diese galt bis etwa in die 1980er – ich würde sagen bis 1984, bis zur Einführung des Privatfernsehens – das Buch als das unbestrittene bürgerlich-intellektuelle Statussymbol in einer überaus überschaubaren Medienlandschaft aus wenigen elektronischen Bildmedien, aber vor allem Rundfunk und Zeitung.

Neben dem lebenslang wahlkämpfenden Günter Grass war das extremste Beispiel dafür, welche Wirkung in der alten Bundesrepublik ein öffentlicher Autor erzielen konnte, vielleicht der Fall Heinrich Böll mit seinem Spiegel-Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ Zur Erinnerung: 1971 veröffentliche die BILD-Zeitung wie so oft übelste Fake News. Ohne Beweise abzuwarten, wurde der Baader-Meinhof-Gruppe ein bewaffneter Banküberfall angelastet. Böll, damals noch nicht Nobelpreisträger, sondern vor allem Bestseller-Autor, wollte mit seinem Text nach eigener Aussage dazu beitragen, die „irrsinnig hysterische Atmosphäre“ in Deutschland zu entspannen; in den Vorverurteilungen der Springer-Presse sah er eine Aufforderung zur Lynchjustiz und beanspruchte zugleich den Schutz des Rechtsstaates für die Mitglieder der RAF, die ihn in den Augen der Mehrheit durch ihre Verbrechen verwirkt hatten. In der Folge wurde Böll von vielen Zeitungen sowie im Fernsehen als „Sympathisant“ der Terroristen bezeichnet. In den „Tagesthemen“ wurden ihm falsche, diffamierende Zitate in den Mund gelegt; Franz Josef Strauß, nach dem unser Flughafen benannt ist, verkündete lautstark, das Volk wisse schon, wie es mit „Ratten und Schmeißfliegen“ à la Böll und all den anderen schädlichen Intellektuellen umzugehen habe; schließlich durchsuchte die Polizei Bölls Haus und die BILD-Zeitung suggerierte in einem denunziatorischen Artikel, Bölls Sohn mache gemeinsame Sache mit den Terroristen, Beschreibung seines Aussehens und Angabe seiner genauen Adresse inklusive.

Für seine Romane wählte Böll, bei dem politisches Engagement und schriftstellerische Tätigkeit Hand in Hand gingen, einen realistischen, manchmal dokumentarischen Stil, sein bevorzugtes Genre war der Gesellschaftsroman. Carl Amery, in vielem vergleichbar mit seinem Freund Böll, entschied sich scheinbar für das genaue Gegenteil: für Science-Fiction. Paradoxerweise haben aber beide, Science-Fiction und realistischer Gesellschaftsroman, dieselbe Stoßrichtung. In der Zuspitzung und der Form der Parabel werden jene Entwicklungen der Zeit sichtbar gemacht, die dem Autor als bedenkenswert und bedenklich erscheinen. Schon die erste Utopie, Thomas Morus‘ „Utopia“, bildete 1516 lediglich den zweiten Teil eines Buches, das in seiner ersten Hälfte die katastrophalen gesellschaftlichen Zustände im zeitgenössischen England beschreibt, sodass der nachfolgende Entwurf eines idealen Staates zur direkten Reaktion darauf wird.

Dass derartige klassische Utopien als Staatsentwürfe, wie sie nach Morus Campanella und Francis Bacon schrieben, im 20. Jahrhundert nicht mehr überzeugten, leuchtet ein: Die Dystopie hat ihren Ursprung in drei Romanen, die nicht zufällig zwischen 1920 und 1948, vor dem Hintergrund der Weltkriege also, in Russland, den USA und England entstanden: Jewgenij Samjatins „Wir“, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und George Orwells „1984“. Dem negativ konnotierten „Wir“ des Staates wird das „Ich“ des Individuums entgegengesetzt. Dieses ist zwar wie Winston Smith gegenüber dem übermächtigen Big Brother chancenlos; formuliert aber in seinem aussichtslosen Kampf dennoch klare Ideale: (romantische) Liebe, Sexualität, künstlerischer Ausdruck, Freiheit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnt dann die Dystopie, bisher lediglich negative Staatsutopie, eine entscheidende neue Variante hinzu: die der Postapokalypse. Die Welt ist untergegangen. Und am Beispiel ihres Untergangs sollen wir Heutige gewarnt werden, die Gefahren, die dazu führten, rechtzeitig zu erkennen, zum Beispiel den Atomkrieg in Arno Schmidts „Schwarze Spiegel“, in „Das letzte Ufer“ von Nevil Shute oder in einer der traumatischsten Lektüren meiner Schulzeit, Gudrun Pausewangs „Die letzten Kinder von Schewenborn“. Amery wiederum schreibt seinen bis heute bekanntesten Roman „Der Untergang der Stadt Passau“ 1974 unter dem Eindruck der Ölkrise und der Endlichkeit der Ressourcen.

Zukunftsliteratur wird so zu einer der effektivsten Beschreibungen der Gegenwart. Sie funktioniert als Seismograf unterirdischer gesellschaftlicher Erschütterungen. Die Frage ist nur: Wenn dem so ist, was bedeutet dann die Konjunktur des Dystopischen in unserer gegenwärtigen Kultur? Woher kommen die Regale voller Romane und DVDs mit Weltuntergängen für Jugendliche? Und woher kommt die Angstlust an der Dystopie im 72. deutschen Friedensjahr?

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Das scharfe Profil der Parteien machte es den Intellektuellen früher einfach, auf einer und zwar der vermeintlich richtigen Seite zu stehen, nämlich der roten und später grünen der Opposition. Dieses Profil ist diffus geworden. Schwarz ist rot ist gelb ist grün. Die Große Koalition regiert nach den für viele desillusionierenden Jahren von Rot-Grün seit einer gefühlten Ewigkeit. Diese Entwicklung hin zu einer Egalität mag in anderen Ländern in Nuancen anders aussehen. Allgemein gilt jedoch für die westliche Welt: Selten war das Vertrauen in die Effektivität traditioneller Parteien und ihre Politiker wie in Politik allgemein so hoffnungslos gering wie in unserer Gegenwart. Wird schon schiefgehen. Geht schon schief.

Interessanterweise steht in den neueren Dystopien denn auch nach dem Ideal des Staates in den klassischen Utopien und der Freiheit des Individuums in den Dystopien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Lebensgemeinschaft hoch im Kurs, die lange, spätestens seit den 68ern, als ziemlich uncool galt: die Familie. In Cormac McCarthys „Die Straße“, dem Gründungstext der neueren Dystopien, sind es ein Vater und sein Sohn, die die titelgebende Straße durch eine Landschaft der Totalverwüstung entlangziehen und nur noch sich selbst haben. Die neuen Dystopien sind konservative Bücher. Im Unterschied zu den überfüllten Städten bei Samjatin, Huxley und Orwell spielt sich die Handlung in den leeren Weiten der Postapokalypse ab. In diesen Situationen, in denen es um nichts als das nackte Überleben geht, stellt sich umso dringlicher die Frage: Auf was überhaupt können wir uns in einer Umgebung der Lebensfeindlichkeit noch verlassen? Was ist es wert, auf die letzte Reise mitgenommen und bewahrt oder eben anders: konserviert zu werden? Was zählt am Ende? Das zeugt zugleich von Schicksalsergebenheit: Der Untergang konnte und kann nicht verhindert werden. Jede Warnung kommt zu spät. In der Fiktion helfen da am Ende nur wenige oder sogar nur die eine Auserwählte aus (es sind tatsächlich häufig Mädchen), die dann oftmals eine neue Ur-Gemeinschaft begründet. Für die unhappy masses in der Wirklichkeit jedoch, die sich zu nichts berufen fühlen, führt diese Erkenntnis zu lähmender Ohnmacht. Und das, obwohl es eben schon irgendwie da ist, dieses Gefühl, dass man doch unbedingt etwas machen müsste.

Jenes Datum, das in unserer jüngeren Geschichte vielleicht am ehesten mit der apokalyptischen Zäsur vergleichbar wäre, ist für mich der elfte September 2001. Seitdem befinden wir uns in einem permanenten globalen Ausnahmezustand, was nicht so sehr an einer realen Bedrohung liegt, sondern an Aufmerksamkeit heischenden Dauer-Breaking-News, in denen der Weltuntergang und das nicht für möglich Gehaltene jederzeit möglich erscheinen. Aber was macht das mit der Psyche und der Gedankenwelt eines Menschen, wenn die Grundstimmung der westlichen Welt seit nun mittlerweile sechzehn Jahren vorrangig aus Paranoia und Hysterie besteht? Wie seltsam noch dazu, wenn dies in einem Land der Fall ist, in dem eine materielle Sorglosigkeit herrscht wie nie zuvor in seiner Geschichte: Deutschland. Denn der selbstverständlich gewordene Wohlstand und das Wissen um globale Zusammenhänge gehen paradoxerweise mit einer erstaunlichen Verdrängungsleistung einher. In der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg hätte man diese Stimmung als Dekadenz bezeichnet, im heutigen Jargon heißt das „Bio-Biedermeier“: In unserem herrlich saturierten Leben ziehen wir in China unter dubiosen Umständen zusammengeschraubte Smartphones aus den Taschen unserer von unterbezahlten Minderjährigen genähten Hosen, um uns mit unseren besten Freunden in dem sympathischen neuen Café um die Ecke, das ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt von überfüllten Flüchtlingslagern liegt, auf einen veganen Burger und Bio-Latte mit künstlichem Haselnussgeschmack zu verabreden. Beim Warten blättern wir noch schnell in einer Zeitschrift mit Stills des jüngsten IS-Enthauptungsvideos. Aber da sind ja schon Linus und Brigitte. Sie wollen uns diese neue App erklären, die anzeigt, welche Bewegungen mit welchen Körperteilen wir stündlich machen müssen, damit unser Körper optimal funktioniert und Bestleistungen erbringt.

Und was ist aus der Figur des engagierten Autors in dieser Situation geworden? Die Widersprüche, mit denen heute Autoren konfrontiert sind, die sich in das aktuelle Zeitgeschehen einmischen wollen, lassen sich meiner Ansicht nach am besten an einer Figur wie der Juli Zehs zeigen. Juli Zeh ist neben Navid Kermani und Ilja Trojanow sicherlich die politisch wachste und engagierteste Autorin Deutschlands und noch dazu eine der populärsten. 2009 veröffentlichte sie den dystopischen Roman „Corpus Delicti“, der in einer Gesundheitsdiktatur spielt. Im selben Jahr erschien der zusammen mit Ilja Trojanow herausgegebene Thesenband „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Im Zuge des NSA-Skandals, bei dem ans Licht kam, dass der US-amerikanische Geheimdienst jahrelang auch in Deutschland Privatpersonen ausspionierte und sogar das Handy der Bundeskanzlerin angezapft hatte, schrieb Juli Zeh dann vier Jahre später, 2013, wieder zusammen mit Ilja Trojanow sowie ihrer Kollegin, der Bestseller-Autorin Eva Menasse, einen offenen Brief an Angela Merkel. Darin forderte sie eine klare Haltung der Kanzlerin ein, die damals bei einer Pressekonferenz die Ermittlungen mit dem für sie typischen Satz kommentiert hatte: „Ich warte da lieber.“ Juli Zehs offener Brief endet mit den Worten:

Wir fordern Sie auf, den Menschen im Land die volle Wahrheit über die Spähangriffe zu sagen. Und wir wollen wissen, was die Bundesregierung dagegen zu unternehmen gedenkt. Das Grundgesetz verpflichtet Sie, Schaden von deutschen Bundesbürgern abzuwenden. Frau Bundeskanzlerin, wie sieht Ihre Strategie aus?

Der Aufruf wurde von insgesamt 67.000 Menschen unterzeichnet, auch von mir. Die Feuilletons berichteten. Eine Antwort der Kanzlerin freilich blieb, fast will man sagen: logischerweise, aus – auch nachdem ein paar Monate später Juli Zeh zusammen mit etwa zwanzig Kollegen die Unterschriften in leeren Pappkartons symbolisch im Bundespresseamt übergab und noch einmal vor ein paar Kameras laut ihren Brief vorlas. Seitdem ist sie regelmäßig Gast in den Talkshows des Landes und äußert sich zu wechselnden aktuellen Themen, von Politik bis Vegetarismus. Damit hat sie in gewisser Weise als weibliches Pendant die Nachfolge eines öffentlichen Intellektuellen wie Heinrich Böll oder auch Carl Amery angetreten. Bewundernswert ist ihre Souveränität im Umgang mit bräsigen Moderatoren und den üblichen Verdächtigen als Studiogästen sowie ihr Beharren darauf, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Es tut gut, solche klugen und mutigen Kollegen zu haben. Dennoch weckt eine derart konsequente Medialisierung per se in mir zwiespältige Gefühle.

V.l.n.r.: Tim Allhoff (Klavier), Thomas von Steinaecker (Preisträger), Fridolin Schley (Laudator) und Arwed Vogel (VS Bayern). Foto: Literaturportal Bayern

Ich glaube, man darf sich nichts vormachen. Autoren haben nicht aufgehört, sich zu engagieren; die Medien, und damit meine ich vor allem die Presse und den Hörfunk, fragen weiter geradezu reflexartig bei aktuellen Themen Schriftsteller nach ihrer Meinung.  Als Autor steht man immer noch unter dem Generalverdacht, eine außerhalb der Norm stehende Beobachterrolle einzunehmen, die Zusammenhänge angeblich klarer durchdringt als dies beispielsweise andere Künstler wie Musiker oder Maler tun. Da schwingt noch sehr viel deutsche Romantik mit vom idealisierten Dichter als Seher wie Hölderlin oder Kleist. Beide politisch extrem engagiert mit, vorsichtig gesagt, extremen Positionen, sodass sie ohne weiteres im Dritten Reich vereinnahmt werden konnten.

Jene Bedingungen aber für einen engagierten Autor, die im Deutschland der Nachkriegszeit so ideal waren wie nie zuvor, haben sich heute grundlegend geändert. Der Stellenwert des Buches und damit der Einfluss von Autoren ist vor allem zugunsten des Fernsehens und eines Celebrity-Kults stark geschrumpft. Aus einem Land, in dem das gedruckte Wort den höchsten Stellenwert genoss, ist eine medial aufgefächerte, global agierende Gesellschaft geworden, die zudem ein entscheidend anderes Bedürfnis nach Aktualität hat. Wo die Diskussion über Bölls SPIEGEL-Geschichte für heutiges Empfinden gemächlich über Wochen und Monate durch die Medien wanderte, ändern sich heute die Welt und die Meinungen innerhalb kürzester Zeit. Ein Tag nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, ein Donnerstag, wurde ich von einer Tageszeitung gefragt, ob ich zusammen mit einer Comiczeichnerin einen Kommentar dazu für die Wochenendausgabe verfassen wolle. Ich sagte ab, überlegte aber insgeheim, wie ich wohl mein Statement formuliert hätte. Nichts anderes als eine Solidaritätsbekundung voller Trauer und Wut wäre denkbar gewesen. Am Samstag jedoch waren die „Je suis Charlie“-Bekundungen, die allerorts zu sehen waren, inklusive erstem Charlie Hebdo-Merchandise, derart inflationär geworden, dass mein Beitrag nicht nur beschämend überflüssig, sondern auch hoffnungslos veraltet gewesen wäre, begann doch nun bereits die Metadiskussion, die kritische Analyse der Solidarisierungen. Möglich wurde dies durch eine Medienlandschaft, in der Internet und Twitter das Tempo vorgeben und Rundfunk, Fernsehen und die Zeitungen sowieso immer hintendran sein werden und trotzdem Schritt zu halten versuchen.

Die enorme Kurzlebigkeit in den neuen Medien geht mit einer anderen neuen Entwicklung einher: Operierten die Medien früher gesellschaftsübergreifend, fördern sie nun die Ausbildung von Parallelgesellschaften, deren Mitglieder selten miteinander und immer öfter aneinander vorbeireden. Innerhalb dieser einzelnen medialen Gesellschaften findet freilich ein enormer Meinungsaustausch statt. Hier die unüberschaubare Anzahl von Blogs, dort die täglichen Talk-Shows, in denen das aktuelle Weltgeschehen durchdiskutiert wird. Meistens geschieht dies mit immer denselben Kandidaten, die, ob sie wollen oder nicht, vorher von der Redaktion festgesetzte Rollen ausfüllen mit zeitlich knapp bemessenen Wortbeiträgen. Naturgemäß bleiben da knappe und radikale Aussagen besser im Gedächtnis als lange, differenzierte.

Auch geht es letztlich eher darum, bereits vorhandene Meinungen des Zielpublikums zu bestätigen als in Frage zu stellen. Die für alle überraschenden Erfolge von Trump, Le Pen oder der AfD, bei denen nicht zuletzt überrascht, wie sehr sie uns alle überraschten, sind auch durch neue mediale Plattformen möglich geworden, auf denen radikale, menschenverachtende Aussagen getroffen und bei Bedarf im nächsten Augenblick zurückgenommen werden können, ganz nach dem Motto: „Mal ausprobieren, ob das irgendjemand liked.“ Und wenn nicht, war es halt nicht so gemeint oder wurde missverstanden. Die ständige Korrigierbarkeit von Meinungen lässt eine Mentalität des Opportunismus entstehen und hilft, die Tatsache zu verdrängen, dass mediale Inhalte im Textverarbeitungsprogramm des Computers leichter zu löschen sind als die damit erzeugten Gefühle im menschlichen Gehirn. Denn darum geht es letztlich immer: um Gefühlmanipulation.

Was dabei täglich in einem mich erstaunenden Maß auf dem Spiel steht, sind die Eckpfeiler dessen, was eigentlich die Arbeit eines Autors ausmacht: allen voran die Sprache, die Erzählung und, nicht unerheblich und auch metaphorisch zu verstehen, der Stil. Das rasant geschwundene Ansehen von Politikern, nicht allein in Deutschland, rührt ja von einem dramatischen Verlust an Glaubwürdigkeit, in das sich das Stammtisch-Gefühl mischt, dass „die ohnehin das machen, was sie wollen, egal, was sie vorher gesagt haben.“  Stärker noch als bei sogenannten Experten-Runden im Fernsehen verkommen in den meisten Fällen Aussagen in der Politik zu Wort- und Affekthülsen. Das vielleicht aber noch gefährlichere Zauberwort, das dem jahrzehntelang gepflegten drögen Polit-Jargon entgegengesetzt wird, lautet schon seit längerer Zeit in allen Bereichen des Lebens: Authentizität. An ihr bemisst sich zugleich die Glaubwürdigkeit eines Charakters und seiner Aussagen – völlig zu Unrecht und höchst gefährlich. Ist und bleibt doch Authentizität ein geschicktes Konstrukt, das zum größten Teil auf biografischen, gestischen, aber eben auch sprachlichen Strategien beruht. Wer das nicht glaubt, dem sei eine Folge von „Deutschland sucht den Superstar“ empfohlen, wo Jugendliche alles tun, um Dieter Bohlens Ausruf: „Ich will da was fühlen!“ Folge zu leisten.

Authentisch ist aber auch der Verlust von Stil, der durch die Zensurlosigkeit des Internets verstärkt wurde. Authentisch sind diese Posts, die unter einem Bericht über einen satirischen Reisebericht der Autorin Stefanie Sargnagel in der „Kronen“-Zeitung erschienen: „Diese Drecksau“ gehöre „zwangssterilisiert“, in ein „Arbeitslager“ geschickt oder gleich hingerichtet, was wiederum natürlich Verurteilungen und – ja, auch die gibt es – Beschimpfungen der anderen Seite zur Folge hat, was von dieser wiederum dankbar angenommen wird. Liegt doch ein Geheimnis des Aufschwungs der Neuen Rechten darin begründet, dass sie es geschafft haben, sich die Populärmythen der Gesellschaft nutzbar zu machen und dort jenen Platz zu besetzen, der bislang traditionellerweise für die linken und grünen Intellektuellen reserviert war: jener der Rebellen; der Einzelgänger, der gegen die Lügen eines übermächtigen, gehirngewaschenen Systems ankämpft. Gleichzeitig ist das Narrativ, beispielsweise das von Donald Trump oder Marine Le Pen, stets dasselbe, nämlich das der, wie wir gesehen haben, sehr zeitgemäßen und immer effektvollen Apokalypse. Das angeblich von Feinden umzingelte oder bereits unterminierte Land, das seinem Untergang entgegengeht, sofern es nicht von einer aufrechten Schar Auserwählter gerettet wird. Ein Volk, das sich wieder auf sogenannte „echte Werte“, auf das vermeintlich Gute, Wahre besinnen soll.

Das letzte global folgenreiche Narrativ, das dem entgegengesetzt wurde, war das der Utopie, lautete „Yes, we can“ – und wurde vorhersehbarerweise von den meisten Menschen nach acht Jahren als Lüge empfunden. Richtig gute postapokalyptische Narrative beinhalten aber immer auch ein utopisches Moment. Und jede Utopie beginnt in der Sprache; in einer Sprache, die das herzustellen vermag, was wir heute in meinen Augen am schmerzlichsten vermissen lassen: Einfühlungsvermögen. Und damit meine ich eben nicht Gefühlskonsens mit Gleichgesinnten, sondern Einfühlungsvermögen auch Menschen gegenüber, die eigentlich sonst von unseren Filter-Instanzen abgewehrt werden, damit die Idylle in unseren Konsens-Blasen nicht gestört wird. Eine stillose und letztlich selbstgefällige Sprache der gegenseitigen Verachtung, wie sie in den medialen Parallelgesellschaften gepflegt wird, von welcher Seite auch immer, wird nur weiter isolieren und Fronten verhärten. Gerade aber die Literatur – mehr noch als die Malerei, die Musik, vielleicht auch mehr als der Film, weil sie eine größere Innenschau ermöglicht – gerade die Literatur hält für uns das unschätzbare Angebot bereit, uns zu verwandeln. In Form von Geschichten. Durch sie können wir letztlich zu allem werden, zu Gegenständen, zu Tieren, zu Menschen, die uns als Freunde ein Leben lang begleiten, wie meinetwegen Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, aber auch zu Charakteren, die wir eigentlich verabscheuen und am Ende vielleicht doch verstehen lernen wie Annie Wilkes aus Stephen Kings „Sie“. In dieser Kraft der Verwandlung in das andere, das Fremde per se, liegt für mich ihr Zauber, ihre ethische Grundierung und damit auch ihre absolute gesellschaftliche Notwendigkeit. Übrigens, ökonomisch betrachtet und nebenbei gesagt, ein ziemlich guter Deal, da sehr günstig zu haben und verhältnismäßig lange haltbar.

Foto: Literaturportal Bayern

Also los, tun wir’s zum Abschluss. Verwandeln wir uns. Sagen wir, in einen Außerirdischen.

Zum ersten Mal legt er seine acht Augen an sein neues Teleskop. Millionen von Kilometern entfernt, im schwarzen, tödlichen Raum erblickt er ein Sonnensystem, explodierende Gasnebel, Planeten in schillernden Farben, zwischen denen Meteoriten hindurchrasen. Irgendwo, eher unauffällig, ein blaues Sandkorn, in gemächlicher Geschwindigkeit rotierend. Der Außerirdische ist überrascht. Durch einen völlig unerklärlichen Zufall hat sich dort eine Atmosphäre gebildet; winzige Wesen mit lediglich vier für den Außerirdischen beängstigend dünnen Gliedern laufen dort herum. Allerdings erscheint dem Außerirdischen ihre Lage völlig aussichtslos. Jeder von ihnen wird in absehbarer Zeit nach einer relativ kurzen Lebensdauer sterben, auch ihr Stern. Der Außerirdische ist dennoch fasziniert. Regelmäßig beobachtet er seine Bewohner jetzt. Immer wieder muss er schlucken. Er ist gerührt. Wie sie trotz allem immer weitermachen. Wie sie leben. Sich gegenseitig umbringen. Sich versöhnen. Wie sie traurig sind, wenn einer von ihnen stirbt, den sie geliebt haben. Wie sie ihn nicht vergessen können. Wie sie einander helfen. Wie sie hoffen. Wie sie sich Geschichten erzählen, die nicht wahr sind. Wie sie träumen.

Wie absurd. Wie überflüssig. Wie menschlich. Und: wie wunderschön. Trotz allem.

Trotz allem.


Externe Links:

Preisverleihung 2017

Thomas von Steinaecker im S. Fischer Verlag

Thomas von Steinaecker


Kommentare

Arwed Vogel am 09.05.2017 um 05:57

Vielen Dank für die Veröffentlichung der Rede. Sie ist im Original auch zu hören im Literaturradio Bayern unter folgendem Link: https://www.machdeinradio.de/radiobeitrag/vs-die-verleihung-des-carl-amery-literaturpreis-2017-im-literaturhaus-muenchen-teil-3.html



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