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07.04.2017, 15:26 Uhr
Elmar Tannert
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© Cris Civitillo

Ein Auszug aus dem neuen Roman von Elmar Tannert

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Elmar Tannert, geboren 1964 in München, wuchs in Nürnberg auf und arbeitete nach dem Abbruch seines Studiums u.a. als Buchhändler. Seinen ersten Roman Der Stadtvermesser veröffentlichte er 1998, seit 2003 ist er freier Schriftsteller. Er erhielt 1999 den Kunstförderpreis des Freistaats Bayern. Sein neuer Roman Ein Satz an Herrn Müller (ars vivendi) handelt von einem Raumgestalter, der vor die fast unlösbare Aufgabe gestellt wird, eine Wohnung für einen Schriftsteller zu dekorieren. Dieser schildert ihm in einem einzigen langen Satz die Ansprüche an sein ideales Domizil. Ein uferloses Unterfangen: denn wie vermögen noch so perfekt gestaltete Räume wirklich Erlösung zu bringen? Wir publizieren den Anfang des Romans.

*

Ein Satz an Herrn Müller

 

Ich hasse das, was du sagst, aber ich gäbe mein Leben dafür, daß du es sagen kannst.

Evelyn Beatrice Hall

 

Die Poesie ist die Aussicht aus dem Krankenzimmer des Lebens.

Jean Paul

 

Vor diesem Text habe ich Angst, ich fürchte mich vor ihm.

Bohumil Hrabal

 

Seit ich vor vielen Jahren Ihre nähere Bekanntschaft gemacht habe, lebt in mir der unerfüllbare Wunsch, der Traum, mir von Ihnen eine Wohnung einrichten zu lassen,
unerfüllbar nicht, weil es mir an Geld fehlen würde, obwohl es mir ja tatsächlich an Geld fehlt, doch wenn nur dies der Grund wäre, würde ich ohne Skrupel alten Damen die Handtaschen entreißen, bis ich den nötigen Betrag beisammenhätte,
unerfüllbar auch nicht, weil ich Ihnen, Herr Müller, nicht vertrauen, Ihnen nicht zutrauen würde, meinen Traum zu erfassen und ihn auf Ihren nächtlichen Fahrten über Land Gestalt werden zu lassen,
ganz wie der Märchenkönig, denke ich oft, wenn ich an Sie denke, wie der Märchenkönig, der in mondhellen Nächten die Pferde vor die Kutsche oder den Schlitten spannen ließ, über Land fuhr und von den Schlössern träumte, die er noch bauen würde,
manchmal stelle ich mir vor, daß Sie es dem Märchenkönig gleichtun, morgens um drei an der Haustür eines Einödhofs klopfen und um ein Glas Milch ersuchen, das Sie anderntags den braven Leuten durch einen livrierten Boten königlich vergüten,
oder frage mich, ob Sie, während Sie in Wahrheit an einer Tankstelle stehen, wo die Vision der schlichten weißen Milch von Tausenden bunt verpackter Dinge überstrahlt wird, wenigstens davon träumen, aus der Hand einer schlaftrunkenen Magd ein Glas Milch zu empfangen,
in einer nächtlichen Tankstelle würden Sie stehen, unseren Gesprächen nachsinnend, wenn ich Sie beauftragt hätte, mir die ideale Wohnung, den idealen Arbeitsraum zu gestalten, wie Sie es immer tun, wenn Sie einen schwierigen Kunden haben, einen anspruchsvollen, würden an unsere Gespräche denken,
in einer Tankstelle würden Sie stehen und sich gewiß daran erinnern, daß wir zum ersten Mal nachts an einer Tankstelle zusammengetroffen sind, wo Sie vor vielen Jahren mein Kunde waren,
damals waren Sie noch nicht der Paradiesvogel, der Sie heute sind, damals fuhren Sie in einem Geländewagen vor, damals trugen Sie Jeans, Springerstiefel und eine grüne Bomberjacke und kamen zu mir in die Tankstelle, um ein Paar Würstchen zu essen,
lange Zeit hatte ich damals darüber nachgedacht, was wohl Ihr Beruf sein könnte, und selbst heute noch scheue ich mich, Ihnen zu sagen, was für einen Verdacht manche Kunden aussprachen, nachdem Sie die Tankstelle wieder verlassen hatten,
manchmal kauften Sie auch vier Magnum-Eis und brausten weiter durch die Nacht, und erst Jahre später gestanden Sie mir, daß Sie, entgegen meiner Vermutung, es befänden sich Freunde in Ihrem Wagen, stets allein unterwegs waren und die vier Magnum-Eis alle selbst aßen,
schon wenige Monate aber, nachdem wir uns kennengelernt hatten, erzählte ich Ihnen von meinem geheimen Leben, und Sie sagten mir, ich solle einen Blick in die neueste Ausgabe der Zeitschrift Madame werfen, um zu erfahren, was Ihr Beruf ist,
und ich las, daß Sie die Wünsche und Sehnsüchte, die Vorlieben und Abneigungen Ihrer Kunden aufspüren und erspüren, las nachts in der Tankstelle, daß Sie versuchen, in ihre Seelen zu blicken, in sie hineinzulauschen, um ihnen ihr Traumhaus oder ihre Traumwohnung zu entwerfen, und sich mit Vorliebe nachts durch die Welt bewegen, wenn sie von Träumen durchflattert wird, die Sie erhaschen können,
tagsüber dann bringen Sie Ihre Beute zu Papier und lassen Ihrem Kunden ein eigenes Reich entstehen, in dem alles, vom Lichtschalter bis zum Bücherregal, von der Hausbar bis zur Badewanne, vom Gemälde bis zur Zeichnung an der Wand, sorgsam von Ihnen ausgewählt, komponiert und installiert wird,
ich frage mich nur, wann Sie überhaupt schlafen, Herr Müller,
und dort, in der Tankstelle, würde Ihnen bewußt, daß ich nicht nur schwierig bin, sondern der schwierigste Kunde, dem Sie jemals seine geheimsten Wünsche abgelauscht haben, dort würde Sie die Vision von der einzigen Möglichkeit, meinen Traum zu erfüllen, überfallen, die zugleich eine Unmöglichkeit ist, weil Sie erkennen würden, daß ich kein Wohner bin, sondern ein Wohnungsflüchter, was in aller Deutlichkeit Ihnen zu sagen ich bisher nicht gewagt habe, und das, obwohl ich in meiner Wohnung ein Arbeitszimmer habe, mithin in meiner Wohnung bleiben und arbeiten sollte, um nicht restlos zu verelenden,
doch dient mir dieses sogenannte Arbeitszimmer nur dazu, einen Teil der Miete und der Nebenkosten steuerlich absetzen zu können, für das Finanzamt habe ich meine gesamte Wohnung ausgemessen und einen Plan gezeichnet, aus dem sich ein Anteil von 27,78 % für das Arbeitszimmer ergab, in dem ich nie arbeite,
nur als Kulisse für Fotografen erfüllt es einen gewissen Zweck, alle paar Jahre kommt ein Fotograf vorbei, der den Plan gefaßt hat, Schriftsteller zu porträtieren, um die Fotos in Ausstellungen und Büchern zu veröffentlichen, ein frevelhaftes Unterfangen, wie ich finde,
weil die Fotografen etwas einfangen wollen, was nicht einzufangen ist, weil sie eine Lüge festhalten, wenn sie den Schriftsteller dazu nötigen, sich in einem Akt der Scheinentblößung an den Schreibtisch zu setzen und zu schreiben,
jeder halbwegs intelligente Mensch, der das Foto betrachten wird, kann sich ja denken, daß darauf kein Augenblick der Inspiration festgehalten ist, sondern die Hand auf dem Papier im Augenblick der Fotografie nur Kringel oder Schlangenlinien malt, die Hände auf der Tastatur nur sdajüiojgasdfoigjfaüi oder nbvpasfdjkgunvpwerzg hineinhacken,
bei Raymond Chandler wären solche Schriftstellerfotografen an den Richtigen geraten,
Chandler konnte Schriftstellerfotos nicht ausstehen, die meisten Schriftsteller, hat er geschrieben, sind gräßlich aussehende Menschen, und schon oft habe ihn ein Schriftstellergesicht auf dem Buchumschlag so sehr abgestoßen, daß er das Buch nicht lesen konnte,
ich bin mir sicher, nur wegen der allgemeinen Fotografier- und Bildersucht konnte es soweit kommen, daß attraktive junge Frauen mit magersüchtigen Plagiatsgeschichten zu Stars werden,
ich bin mir sicher, Chandler hätte Journalisten, die ihn mitsamt Kameraleuten für ein Interview heimsuchten, sofort hinausgeworfen, wenn sie an ihn das Ansinnen gerichtet hätten, ihn beim Schreiben zu filmen,
ich habe das Schreiben nie bereut, Herr Müller, hingegen das Publizieren des Geschriebenen mitsamt seinen Begleitumständen bestimmt schon millionenmal, und frage mich, wie oft ich es noch ertragen muß, mein eigenes Gesicht abgedruckt zu sehen,
wie oft ich es noch ertragen muß, Fotografen in der Wohnung zu haben, aus deren Gesicht ich sofort ablesen kann, daß meine Dinge nicht mehr meine, sondern ihre Dinge sind, die sie nach ihrem Belieben in die Hand nehmen und umplazieren und umarrangieren dürfen, weil meine Wohnung vorübergehend ihr Atelier geworden ist,
»das also ist Ihr Arbeitszimmer«, sagt der Fotograf, sagen die Fotografen und Kameraleute und sehen sich um, betrachten den großen Arbeitstisch in der Mitte, auf dem ich eine malerische Unordnung kultiviere, die einem IKEASpezialisten nicht besser gelingen könnte, Bleistifte, Notizhefte, Bleistifte, Notizbücher,
Bleistifte, ungeöffnete Post in Kuverts mit amtlichem Aussehen, Bleistifte, bunte Klebezettelchen, Bleistifte,
dabei ist ihnen anzumerken, daß sie sich vorstellen, wie es aussieht, wenn ich an diesem Tisch sitze und arbeite, nein, nicht nur das

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