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29.03.2017, 13:21 Uhr
Norbert Göttler
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Dr. Norbert Göttler

150 Jahre Ludwig Thoma (3): Ein Haberfeldtreiber? Über Ludwig Thomas Hetzschriften

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Haberfeldtreiben, Zeichnung von Oskar Gräf, 1895

Anlässlich seines 150. Geburtstages präsentieren wir eine kleine Blogreihe zu Ludwig ThomaNorbert Göttler ist Bezirksheimatpfleger von Oberbayern und arbeitet u.a. als Regisseur, Redakteur der Literatur in Bayern sowie als Autor. Er ist Mitglied der Münchner Turmschreiber. 2004 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Neben Romanen, Erzählungen und Lyrik hat er auch Bücher zu kulturhistorischen Themen verfasst. Zuletzt veröffentlichte er die fünf Theaterstücke Bayerische Schicksale auf der Bühne, darunter eines über Ludwig Thoma. Die Premiere von Thoma – eine Selbstzerstörung findet am 31.3.2017 im Ludwig-Thoma-Haus Dachau statt. Und wie Thoma lebt auch Nobert Göttler in der Amperstadt.

*

Wir Arier

Das „Haberfeldtreiben“ hat im bayerischen Oberland des 19. Jahrhunderts solche Auswüchse angenommen, dass sich immer wieder Gendarmerie und Staatsanwaltschaft einschalten mussten. [1] Ausgehend von mittelalterlichen Feme- und Scherbengerichten richtete sich dabei eine meist vermummt und anonym auftretende Meute gegen einzelne Personen der ländlichen Gesellschaft. In der Überzeugung, die Moral gepachtet zu haben, stellten sich die Haberfeldtreiber über die staatlichen Organe und bedrohten Einzelpersonen mit Verhöhnung, Bandschatzung und Gewalt. In die Tradition des oberbayerischen Haberfeldtreibens schien sich auch Ludwig Thoma stellen zu wollen, als er 1920 und 1921 seine rund 180 anonym verfassten, antidemokratischen und antisemitischen Hetzartikel im Miesbacher Anzeiger veröffentlichte. [2]

Mit wüsten Worten zieht er dort über das „Affenwerk von Weimar“ her, über den „Blödsinn einer parlamentarischen Regierung“, wo „Rindviecher am Werk sind, die nur Parteibroschüren gefressen haben“. Berlin geißelt er als „Mischung aus galizischem Judennest und New Yorker Verbrecher-Viertel“. „Wir Arier“, so Thoma, „haben es am Ende nicht nötig, ruhig zuzusehen, wie schmierige Lausbuben, Tango- und Spinatburschen [Homosexuelle, d. Verf.] zu Christenpogromen hetzen“. (Nota bene: Einige Jahre vorher war Thoma selbst wegen Beleidigung der Evangelischen Kirche in Stadelheim eingesessen!) Die Sprache des „Miesbacher Ochsenfiesels“, die der „Knute“, sei die einzige, die die „charakterschwachen Hosenscheißer“ in Berlin verstünden. Den politisch motivierten Mord am bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner bzw. die Attentate von rechtsgerichteten Schlägerkommandos auf Gustav Landauer und andere Juden kommentiert Ludwig Thoma folgendermaßen:

„In München haben wir doch mit der Hinrichtung des Eisner und der Prügelstrafe gegen den Magnus Spinatfeld den Nachweis geliefert, daß es uns nicht an Temperament fehlt. Die Berliner werden auch dankbar anerkennen müssen, daß wir ihnen den Landauer durchgetan haben. Immerhin waren das nur Vorspiele zu größeren Kuren, die wir uns gelobt haben, für den Fall, daß sich die Beschnittenen bei uns noch einmal mausig machen. Dann geht´s aus dem Vollen.“ [3]

Eine grauenhaft richtige Prognose des sogenannten Bayerndichters! Die Auflage des Miesbacher Anzeigers stieg während der vierzehn Monate von Ludwig Thomas Pamphleten übrigens von 4.000 auf 18.000.

Auszug aus einem antisemitischen Hetzartikel vom 21. März 1921, in dem Thoma die Berliner Reichsregierung attackiert. Vgl. HLB

 

 

[1] Georg Queri: Bauernerotik und Bauernfehme in Oberbayern. München 1911

[2] Wilhelm Volkert: Ludwig Thoma. Sämtliche Beiträge aus dem „Miesbacher Anzeiger“ 1920/21. München 1989

[3] ebd., S. 222


Externe Links:

Artikel zum Miesbacher Anzeiger im Historischen Lexikon Bayerns

Website Ludwig-Thoma-Gemeinde Dachau, e.V.

Website Norbert Göttler

Ankündigung des Thoma-Stücks im Thoma-Haus Dachau

SZ-Bericht über Norbert Göttlers Thoma-Stück

 


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