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15.08.2017, 08:00 Uhr
Birgit Müller-Wieland
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© Andrea Huber

Nominiert für den Deutschen Buchpreis: der neue Roman von Birgit Müller-Wieland

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Birgit Müller-Wieland, 1962 in Oberösterreich geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und promovierte anschließend über Die Ästhetik des Widerstands bei Peter Weiss. Die Autorin von Gedichten, Prosa, Essays und Libretti erhielt für ihre Veröffentlichungen zahlreiche Förderungen wie den Rauriser Förderpreis, das Adalbert-Stifter-Stipendium und das Stipendium des Berliner Senats und wurde unter anderem mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis, dem Harder Literaturpreis und dem Tübinger Würth-Preis ausgezeichnet. 2015/16 erhielt sie das Projektstipendium des Bundeskanzleramtes für ihre Lyrik. Birgit Müller-Wieland lebt in Berlin und München. Ihr aktueller Roman Flugschnee wurde soeben für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ein Auszug.

*

Berlin, Dezember

Lucy

 

Nein, es ist kein Spaß, wenn einem bewußt wird, daß alles bisher falsch war.

Vergeudet.

Ich wünschte, ich wüßte, wie es sein sollte. Vermutlich von allem mehr:

mehr Nähe, mehr Lachen, mehr Raum. Die Einsicht, daß ich in meinem bisherigen Leben noch keine einzige wirklich gute Beziehung hatte, bleibt etwas Niederschmetterndes, auch wenn ich satt bin.

Ich schiebe einige T-Shirts und Pullover mit der Fußspitze auseinander und sinke zu Boden. Etwas ist hart und knackt, ich ziehe es unter mir hervor.

Ein abstraktes Kunstwerk auf Porzellan. Neben dem Sprung, den ich soeben hinzugefügt habe, durchziehen den Teller rötlichbraune Spuren. Ich bin zu trübsinnig, mir vorzustellen, ob ein Teil des Kunstwerks – ich schätze, es handelt sich um eingetrocknetes Ketchup - nun auf meinem Jeanspo klebt. So in Bodennähe fällt mein Blick schräg unters Bett und ich bemerke zudem, daß es nicht gut riecht in meinem Zimmer.

Auch das noch. Okay. Ich habe eine Aufgabe.

Ich werde das Schlimmste beseitigen.

Später.

Lisa sagt, das Wesen der Liebe sei, von jemandem erkannt zu werden. Gesehen.

Das sagte sie an jenem Abend, nachdem Sven an den Trauerweiden mit den gelbgrünen Schleppen im Wasser vorbei- und aus meinem Leben herausgestiefelt war.

Seitdem, wird mir soeben klar, kann ich den Lietzensee nicht mehr ausstehen.

Und bevor mir noch mehr Orte einfallen, die durch Sven unwiderruflich kontaminiert sind, muß ich zwangsläufig an das denken, was nach diesem Abend geschah.

 

3

 

Alles danach passierte, weil Lisa wegfahren mußte, nur einige Tage lang, auf ein Seminar.

Wäre sie hier gewesen, dessen bin ich sicher, wäre nicht so viel schiefgelaufen. Ich wäre nicht hineingeschlittert in diese Nacht, an deren Ende ich in einem fremden Bett aufwachte.

Mit einem Erinnerungsloch.

Ich hätte diese Truppe von Leuten nicht kennengelernt, mit denen ich schließlich im Morgengrauen in irgendeinem Altbau landete, einer Wohnung, in der eine ewig kichernde „Tamar-ohne-a“, wie sie sich auf der Toilette des Clubs vorgestellt hatte, zu kochen begann.

Einige Leute lungerten in dieser kleinen Küche um sie herum, andere tranken und rauchten in den anderen Zimmern, und ich beobachtete, wie Tamar-ohne-a ein geheimnisvolles Gesicht machte und eine Dose aufschraubte. In ihrem Nasenflügel glitzerte es, auch auf einem ihrer Schneidezähne, und aufgrund ihres offenbar heiteren Gemüts sah man permanent ihr gut durchblutetes Zahnfleisch.

Sie angelte irgendwelche Kräuter oder ähnliches aus der Dose, warf ihre hennaroten Rastalocken über die Schultern und nahm den Topf von der Flamme.

Ich hatte Hunger und dachte, es sei Suppe, was da gebraut wurde, aber, wie sich bald herausstellte, handelte es sich um Wasser.

Und die Kräuter waren eigentlich Pilze.

„Zauberpilze“, wie Tamar-ohne-a gluckste.

Also tranken wir, glaube ich, alle Tee.

Zuerst hatte ich noch das Gefühl, ich müßte jetzt dann doch mal den Weg aus dieser Wohnung finden, ein Taxi aufspüren, eine S- oder U-Bahn-Station, um vor Tagesbeginn zu uns zu gelangen.

Dieses Vorhaben verflüchtigte sich jedoch im Dampf, im Rauch dieser Küche, und fern schien mir unsere WG schließlich, galaxienweit entfernt.

Und sowieso sinnlos, ohne Lisa.

Eine wundersame Leichtigkeit hob mich allmählich hoch wie ein Karussellsitz, langsam auf und ab, und als ich wieder saß, bemerkte ich, mit welch märchenhaften Wesen ich es hier zu tun hatte: Alle glänzten von innen heraus.

Ein Mädchen mit Sommersprossen, reiner Goldstaub, strich mir mit elfengleicher Geste übers Haar.

Ein dunkelhaariger Typ mit beeindruckendem Kiefer, der mir zuvor arrogant erschienen war, küßte meine Hand und fragte, von welchem Indianerstamm ich die Königin sei.

Ich sah plötzlich so scharf wie noch nie in meinem Leben.

Alles hatte eine ungeheure Dimension.

Wie lachten, aber nicht nur wir Menschen. Die ganze Küche lachte.

Ich sah den Tisch vor mir, dessen Holz sich zu dehnen begann, zu knacken, als wäre ihm seine Haut zu eng und der mir in seiner Holzsprache erzählte, wie sehr es ihn freue, Teil dieser Küche zu sein. Auch ich konnte plötzlich die Holzsprache und ihm höflich antworten, daß es mir ebenso gehe.

Daß ich auch die Plastik-, die Blumen-, die Edelstahlsprache und vor allem die Weinflaschensprache beherrschte, wunderte mich nicht mehr im Geringsten.

Ich hatte immer gewußt, daß alles eine Seele besitzt. Auch Atomkraftwerke.

Wir begannen zu tanzen, und niemals zuvor hatte ich mit solch schönen Menschen getanzt.

Alle Farben pulsierten an ihnen, die Kleidung, die Haare, die Augen.

Wir bewegten uns wie Wasserpflanzen, zuvorkommend und sanft.

Ich sah, wie meine Haut wogte, das gesamte Universum atmete in mir.

Wir berührten uns an den Schultern, Wangen, Bäuchen. Zwischen meinen Oberschenkeln wanderten Hände, und meine Finger wühlten in Haaren, erkundeten das Wunder einer Halsbeuge, die Eleganz einer Po-Ritze.

So also war die wahre Liebe. So mußte es sein, wenn es echt war: 

Wesen, die einander durchdringen. Verschmelzen. Ein Verstehen ohne Worte.

Etwas, das so tief lag wie der Erdkern und so herrlich war wie der Garten Eden, ohne Schlange.

 

Und dann kam irgendwer auf die Idee, aufs Dach zu steigen.

„Ko-omm“, trällerte Tamar-ohne-a und faßte meine Hand.

Wir legten die Zeigefinger auf die Lippen, jemand wischte die Musik weg.

Beim Hinausschwingen sah ich durch den Spalt einer anderen Tür ein nacktes Hinterteil, das sich rhythmisch zwischen zwei Knien bewegte.

Wir schlichen aus der Wohnung - eine Prozession grimassierender Gläubiger, die versuchten, in ihre Armbeugen hineinzulachen. Hinter irgendeiner Wohnungstür begann ein Hund zu kläffen.

Das Mädchen mit dem Goldstaub auf den Wangen wollte zu ihm.

Andere hielten sie davon ab an der Tür zu läuten. Wir prusteten und fanden alles ungeheuer witzig.

Am Ende des Flurs halfen wir uns gegenseitig die wackelige Treppe hoch.

Ich fühlte, wie Hände von unten gegen meine Oberschenkel drückten.

 

Vielleicht war es das Übermaß an frischer Luft.

Die anderen lachten, breiteten die Arme aus oder umarmten einander, ein Junge rezitierte ein Gedicht, in dem es um den Morgen und die Revolution ging.

Aus irgendeinem Grund war der graue Himmel über mir plötzlich eine Daunendecke, die sich auf mich senken würde. Mich ersticken.

Tamar-ohne-a drehte sich zu mir, ich prallte zurück. Ein Wurm wand sich in ihrem Nasenflügel, und als sie die Lippen zum Grinsen verschob, auch auf den Zähnen. Schwarz war ihr Zahnfleisch, faulig. Entsetzt sprang ich beiseite, lief. Hexengelächter suppte hinter mir her.

Ich sah nicht nach oben, wo die Daunendecke immer weiter herabsank.

Die anderen schien es nicht zu kümmern. Sie hatten sich in Zombies verwandelt, die schattenhaft und grausam auf dem Dach balancierten.

Und nun realisierte ich das Schlimmste:

Schnee.

 


Externe Links:

Homepage von Birgit Müller-Wieland

Otto Müller Verlag


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