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21.03.2017, 08:00 Uhr
Birgit Müller-Wieland
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© Andrea Huber

Ein Auszug aus dem neuen Roman von Birgit Müller-Wieland

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Birgit Müller-Wieland, 1962 in Oberösterreich geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und promovierte anschließend über Die Ästhetik des Widerstands bei Peter Weiss. Die Autorin von Gedichten, Prosa, Essays und Libretti erhielt für ihre Veröffentlichungen zahlreiche Förderungen wie den Rauriser Förderpreis, das Adalbert-Stifter-Stipendium und das Stipendium des Berliner Senats und wurde unter anderem mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis, dem Harder Literaturpreis und dem Tübinger Würth-Preis ausgezeichnet. 2015/16 erhielt sie das Projektstipendium des Bundeskanzleramtes für ihre Lyrik. Birgit Müller-Wieland lebt in Berlin und München. Ihr aktueller Roman Flugschnee erscheint im April 2017 im Otto Müller Verlag. Wir veröffentlichen vorab einen Auszug mit der freundlichen Genehmigung der Autorin und des Verlags.

*

 

Flugschnee

 

10

Denke ich an das Haus in Ohlstedt, habe ich Gerüche in der Nase.

Genauer: eine Abfolge davon.

Vor der Eingangstür Steingeruch, der sich sofort mit dem Gefühl von Hochsommer, nackten Füßen auf kaltem Untergrund verbindet, mit dem Holzdunst aus dem um die Ecke liegenden Schuppen.

Im Eingangsbereich dann die merkwürdige Melange aus Gerüchen, die in den Schuhen, Jacken, Mänteln, Mützen, Tüchern der Großeltern nisteten.

Ein Durcheinander aus Leder, Baumwolle, zartem Schweiß.

Manchmal triumphierte der Lavendel, das Anti-Mottensäckchen, bis es schwächer wurde und sich wieder mischte mit dem Filzgeruch von Großvaters Hüten oder dem leichten Fliederduft aus Großmamas Tüchern.

Zweimal im Jahr wurde alles verpackt, weggebracht und winter- oder sommerfest gemacht.

Und noch Wochen danach kam man sich, öffnete man den Garderoben-Schrank, wie in einer chemischen Reinigung vor

Ob Großmama oder Großvater wie die Weltmeister den Schrank geputzt hatten, wußten wir nicht, vielleicht aber war es auch Jolanta, die polnische Putzfrau, gewesen.

 

Überall zog es in der kalten Jahreszeit, als hätte das Haus eine dünne, rissige Haut, und manchmal waren auch Sommertage schlimm, wenn draußen der Regen gegen das Haus peitschte und die Feuchtigkeit in die Wände kroch.

Waren wir länger als drei, vier Tage da, fingen wir zu schniefen an, alle vier.

Ich weiß noch genau, wie unsere Eltern abends im Bett stritten.

Es ging, glaube ich, darum, daß das Haus keine richtige Dämmung hatte.

Und die Großeltern kein Geld dafür.

Oder ihr Geld für etwas anderes verwendeten, ich weiß nicht.

Auf jeden Fall fiel immer wieder mal die Heizung aus, und wir trugen drei Schichten übereinander, was die Großeltern, abgehärtet wie sie waren, übertrieben fanden.

 

Wir aber mieden die gewissen Ecken, in denen es besonders zog, und Vera bekam ihre rote spitze Nase gar nicht mehr weg.

Dennoch freuten wir uns immer auf das Haus, du und ich.

 

Bogen wir in den Brunskrogweg ein, herrschte Stille im Auto, obwohl wir während der Fahrt von Berlin nach Hamburg viel gestritten hatten – und Vera und Arnold auch, die beide genervt waren von den Staus, von uns beiden hinter ihnen, ich glaube aber rückblickend, am meisten voneinander.

Warum sie still wurden, weiß ich nicht, weiß nur, daß ich meinen Lolli im Mund vergaß auf den letzten Metern, denn erst als das Knirschen des Kiesweges bei der Einfahrt zum Haus zu hören war, schluckte ich den süßen Speichel ...

Schon bewegte sich der Vorhang im Bibliothekszimmer!

 

Dann eilten sie heraus, die Großeltern, bei jedem Wetter, und wie immer fein zurechtgemacht, uns zu Ehren.

Sie konnten noch erstaunlich eilen.

Ja, Simon, das war nicht ihr Problem gewesen, das nicht.

Sie sahen edel und alt aus, und Großmamas goldene Ohrringe hinterließen nach dem Umarmen zarte Abdrücke auf unseren Wangen.

Großvater fragte nach der Fahrt und dem Wetter, und Vera und Arnold spielten fröhliches Ehepaar. Sie konnten sich hervorragend zusammenreißen.

Obwohl, wenn ich es recht bedenke, hielten sie diesen Zustand auch noch einige Zeit nach dem Besuch in Ohlstedt aufrecht, auch zu Hause noch, manchmal einige Wochen lang.

Als hätte das Beispiel der Großeltern auf sie abgefärbt.

Manchmal sangen wir sogar im Auto zurück nach Berlin.

 

Wenn wir in den wärmeren Monaten im ersten Stock oben die Tür zum Nordzimmer aufstießen, leuchtete sie den ganzen Raum aus, die Goldulme.

Sie stand im Vorgarten vor dem Holzzaun und erhellte ihre Umgebung wie ein blättriger Scheinwerfer.

Wir begrüßten sie jedes Mal, warfen unsere Sachen aufs Bett, konnten es nicht erwarten, gleich darauf im ganzen Haus herumzulaufen, die Türen aufzureißen, in jedes Zimmer zu stürzen, „Hallo!“ zu rufen, „Da sind wir wieder!“

Mit schnellen Blicken versuchten wir einander zuvorzukommen, wir schrien: „Vorhang!“ oder „Tischtuch!“ oder „Blumenstock!“, und spielten unser Ding-Spiel, bis irgendjemand von den Erwachsenen uns zum Essen rief oder:

„Genug gebrüllt! Ihr habt ja gar keine Stimmen mehr!“

Den Keller begrüßten wir nicht.

Das war der einzige Ort im Haus, den wir nicht mochten.

Ich kann mich nicht erinnern, je ganz unten gewesen zu sein.

Öffnete man die knarrende Tür, wand sich die Steintreppe unter einer niedrigen Decke hinab in etwas Katakombenartiges, und eine fremde Luft füllte die Nase, eine strenge Feuchtigkeit von etwas, das mich zurückweichen ließ.

 

Einmal haben wir zugesehen, wie Tim, der Nachbarsjunge, mit Großvater hinunterging, um irgendwelches Zeugs zusammenzuzimmern, Kaninchenställe oder alte Stühle.

 

Wir taten so, als würden wir es nicht bemerken, und danach ist es auch nicht mehr vorgekommen.

Jedenfalls weiß ich noch, wie du dir an jenem Nachmittag, als Großvater mit Tim in den Keller hinuntergegangen war, draußen im Garten ein riesiges Schwert aus Holz bautest und mich verächtlich anschriest: „Mädchen! Mädchen!“

 

11

Unten schlägt eine Tür, unser Nachbar. Nebenan rauscht die Wasserleitung.

Also gut. Ich werde mit Vera sprechen, auch wenn ich mir ihr Gesicht schon vorstellen kann: dieses Weggleiten, dieses Vage.

War sie immer so? Oder kam das erst später, im Lauf der Zeit, als die Dinge schiefzulaufen begannen mit ihr und Arnold?

Vielleicht nimmt sie ja auch Tabletten. Keine Ahnung.

Ich stehe am Fenster, ich schaue hinaus.

Durch die Ritzen des Holzes spüre ich den kalten Luftzug, und meine Nase wittert: Schneeluft.

Also haben sie doch recht behalten, die Wetterfritzen.

Sie haben Schnee angesagt. Nicht viel. Eine nächtliche Episode, die ich hoffentlich verschlafen werde.

In vielen Wintern, Simon, hatten wir Glück, und es schneite nur kurz, unerheblich.

Und wir wußten, es war nicht wirklich, wenn es gerade mal so für eine dünne, weiße Decke reichte.

Einen flüchtigen Brautschleier für die Stadt.

Wie jetzt, an diesem Dezembertag, in den ich starre und warte.


Externe Links:

Homepage von Birgit Müller-Wieland

Otto Müller Verlag


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