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14.03.2017, 12:15 Uhr
Julia Zange
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(c) Christian Werner

Ein Auszug aus dem neuen Roman von Julia Zange

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Julia Zange, geboren 1983, hat u.a. in München studiert und lebt seit 2006 in Berlin. 2005 gewann sie den Literaturwettbewerb Open-Mike, 2008 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Die Anstalt der besseren Mädchen. Neben dem literarischen Schreiben arbeitet sie als Journalistin. Auch als Schauspielerin hat sie sich einen Namen gemacht, u.a. in der Web-Serie Translantics. In Philip Grönings Film Mein Bruder Robert, der 2017 Kino-Premiere feiert, hat sie als Hauptdarstellerin debütiert. Am 17. März liest sie beim Wortspiele Festival in München aus ihrem neuen Roman Realitätsgewitter (Aufbau Verlag). Darin erzählt sie von Marla, deren perfekt maskiertes Berliner Szeneleben immer brüchiger wird. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst. Wir publizieren den Anfang des Romans.

*


Lucky Dragon


Der einzige Mensch, den ich heute Abend sehen möchte, ist Ben. Das Problem ist nur, dass er mich nie sehen will.

Draußen sind es 14 Grad plus, obwohl es einen Tag vor Heiligabend ist. Die Krokusse und Hyazinthen sind verwirrt aus der Erde geschossen, ohne einen blassen Schimmer davon, dass sie in ein paar Wochen für diesen Leichtsinn erfrieren werden. Die Rosen in den Vorgärten am Landwehrkanal sind gar nicht erst verblüht. Die Stadt ist so still, dass es sich anfühlt als wäre alles mit einer dicken unsichtbaren Schneeschicht überzogen. Nur ein paar Penner mit zusammengerollten Schlafsäcken unter dem Arm streunen durch die Straßen, zwei, drei türkische Teenager und händchenhaltende späte Spaziergänger. Die Restaurants und Bars sind dunkel.

Meine Mitbewohnerin Jenna ist über die Feiertage zu ihrer Familie nach Finnland gefahren, was mich nicht besonders stört. Ich fühle mich mindestens genauso einsam, wenn sie in der Wohnung ist. Vielleicht sogar noch einsamer. Überhaupt macht mir die Gegenwart von Menschen meine Lage nur bewusster. Alleine ist es eigentlich ganz okay

Nur Ben schafft es immer, meine Beklemmung kurz zu lösen. Ich texte ihm, möglichst unverbindlich in der Wortwahl, damit ich nicht zu euphorisch rüberkomme: »Hey Ben, what’s up?«

Er antwortet tatsächlich. »Hey! Um zehn nach dem Fitnessstudio?«

Die Sentimentalität der Weihnachtszeit hat ihn wohl dazu verleitet, mir einen festen Termin zu geben. Natürlich bedeutet das, dass ich zu ihm fahren muss. Er kommt nie zu mir.

Ich lackiere meine Nägel in mehreren Schichten und verlasse zittrig die Wohnung. Ben wohnt im 5. Stock eines Hochhauses in der Nähe der Prinzenstraße. Auf seiner Klingel steht immer noch der Name des Vormieters: FARIBAH. Ich vermute, dass das Absicht ist. Er wird das Klingelschild niemals austauschen, denn er hat sich diese Wohnung nicht der guten Aussicht, sondern der unaufgeregten Anonymität wegen ausgesucht. Er lebt zwischen hundert anderen kleinen Apartments, die alle den gleichen Schnitt haben, die gleichen Balkons und die gleichen billigen, weißen Elektroherde in der Küche. Das Licht im Fahrstuhl ist gleißend.

Ich komme mir fremd vor im Spiegel. Ein Mädchen mit entschlossenem Kinn und kurzen blonden Haaren, ein riesiges schwarzes Kapuzen-Sweatshirt und schicke Silberohrringe, an denen ein glitzernder synthetischer Edelstein baumelt. Die Ohrringe habe ich mir heute selbst zu Weihnachten geschenkt, aus der Juwelierabteilung bei Karstadt für 29 Euro.

Im fünften Stock ist die Tür schon angelehnt, wie immer, wenn ich komme. Was nicht oft passiert. Auf dem Schild an Bens Tür steht nur eine Nummer mit Bleistift: 540107-03. Die offizielle Nummer der Wohnungsbaugenossenschaft

Drinnen ist es ganz warm, ein Raum mit einem Bett, das immer mit weißer Bettwäsche überzogen ist, ein kleiner Tisch, auf dem dutzende Töpfe mit Sukkulenten und Kakteen stehen, unter einem gerahmten Poster mit den Worten: SOUND HAS NO PARENTS. Das ist von einer Partyreihe, die ein Freund von Ben veranstaltet hat.

Ben kommt frisch und dampfend, ein Handtuch um die Hüften gewickelt, aus dem Badezimmer und versucht dabei auszusehen wie ein italienischer Mafia-Boss, der gerade seiner privaten Saunalandschaft entstiegen ist.

Seiner Körpertemperatur nach zu urteilen muss er sehr lange in der heißen Badewanne gelegen haben. Ich habe zwei Bier mitgebracht, die ich in der Küche öffne und er holt tatsächlich zwei runde Kork-Untersetzer, damit sie keine Spuren auf dem nackten Glas seines Nachttisches hinterlassen.

Ich mache wie immer ein paar Bemerkungen zu den Pflanzen und der Aussicht. Ich sage, dass ich gerne umziehen würde. Er drückt mich, während ich rede, zieht meine Jacke aus und unterbricht meine Sätze mit Küssen. Ich hole jedes Mal Luft, um weiterzureden. Aber er drückt jetzt eine Hand gegen meine Brust. Und dann kann ich mich schon wieder nicht wehren, weil ich so selten angefasst werde, dass mein Körper sofort explodiert. Er zieht mir alles aus, liebevoll, aber auch irgendwie professionell und wirft mich aufs Bett. Wenn wir Sex haben, ist alles ganz selbstverständlich und er vollkommen selbstbewusst, aber das ist er eben nur beim Sex. Wir küssen uns wie zwei verlorene Kätzchen.

»Schlaf bitte mit mir!«, flüstere ich.

»Ich hab keine Kondome.«

Also wühle ich durch meinen Rucksack, aber finde nichts außer einer Packung Aspirin Plus C. Wir kommen gleichzeitig, nebeneinanderliegend, die Hand zwischen den Beinen des anderen.

Ich stehe auf, gehe nackt zum Fenster und schaue über die Stadt, die sich ständig sanft bewegenden Lichter. Ben zieht unterdessen die Bettwäsche ab und steckt sie in die Waschmaschine. Ich fasse in die Federdecke.

»Die ist aber auch ganz nass«, sage ich

Er schaut mich leicht panisch an: »Wo denn?«

»Hier!« Ich lache ihn aus. Er macht einen Schritt nach hinten und wirft dabei mein alkoholfreies Bier um, welches sich in einem riesigen Schwung über die weiß verputzte Wand ergießt und dann auf dem Boden landet. »Verdammt. Marla. Du bringst Unglück!«

Er ist jetzt richtig wütend, holt den Computer und googelt »Bierflecken Wand entfernen«.

Ich bin verletzt, lasse mir aber nichts anmerken. Ich weiß, dass er es nicht so meint. Ben ist Amerikaner. Er hat auf einer Ivy-League-Uni in den USA Filmwissenschaft studiert, dann kam er nach Berlin und fing an, mit Drogen zu dealen. Er ist total verliebt in das Bild des halbstarken, halbkriminellen Italo-Mannes. Und war immer stolz darauf, nichts Intellektuelles zu machen, sondern eher so eine Art Handwerk. Nachdem ihm das Dealen zu aufreibend wurde, eröffnete er einen Strip-Club, der jetzt nach drei legendären Jahren dichtgemacht hat. Mittlerweile organisiert er nur noch sporadisch Privat-Partys für vermögende Unternehmer, die, vom Leben gelangweilt, sich etwas Avantgardistisches mit Kunst und Techno wünschen. Er trägt immer ein dickes Silberarmband, auf dem sein Name eingraviert ist: Ben D’Aiello. Und einen Ring aus Silbergliedern und einer kleinen Plakette mit seinen Initialen. Wir hatten uns vor ein paar Monaten kennengelernt, als er auf Craigslist jemanden mit Deutschkentnissen suchte, der ihm beim Ausfüllen seiner Visa-Papiere helfen konnte.

»Bleibst du über Weihnachten auch in Berlin?«, frage ich, hoffend, dass er mir anbietet, Heiligabend zusammen in seinem kleinen weißen Bett zu verbringen.

»Ja, klar. Glaubst du, ich fliege heut Nacht noch über den Atlantik? Ich war schon seit sieben Jahren nicht mehr bei meiner Familie ...«

»Warum nicht?«

»Lange Geschichte. Willst du dich nicht lieber selbst interviewen? Du stellst zu viele Fragen, Marla.«

»Was hast du mit deinen Händen gemacht?« Seine Fingerknöchel sind von Schürfwunden überzogen. Ich sehe das erst jetzt. Ben lacht dröhnend, es klingt leicht metallisch, weil es kein echtes Lachen ist.

»Lange Geschichte ... Nicht besonders interessant.«

»Sehen wir uns morgen Abend? Es ist Weihnachten!«

»Nein, auf keinen Fall. Ich bleibe zu Hause.«

»Ja, Ben. Wie immer ...« Ich werfe ihm einen vielsagenden Blick zu. Da ist nichts zu machen. Da wird nichts mehr passieren. Das ist ganz klar. Ben bringt mich zur U1, damit ich die letzte Bahn nach Hause nehmen kann.

»Komm doch mit zu mir!«, flehe ich augenflatternd.

»Nein, ich kann nicht, ich habe noch Bettwäsche in der Waschmaschine ...«

Zu Hause angekommen setze ich mich auf das neue geblümte Schlafsofa, das meine Mutter mir vor einiger Zeit geschenkt hatte. Wir hatten es im Onlineshop zusammen ausgesucht und sie hatte es bezahlt.

Durch die Tränen schaue ich aus dem Fenster.

 


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Wortspiele Festival


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