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23.02.2017, 10:59 Uhr
Fridolin Schley
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(c) Juliane Brückner

150 Jahre Ludwig Thoma (2): Fridolin Schley über die Lausbubengeschichten

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© ARD Degeto

Anlässlich seines 150. Geburtstages präsentieren wir eine kleine Blogreihe zu Ludwig Thoma. In der zweiten Folge, die auch in der nächsten Ausgabe der  Literatur in Bayern erscheint, schreibt Fridolin Schley über die erste einschneidende Leseerfahrung seines Lebens – die von Ludwig Thomas Lausbubengeschichten – und eine bleibende Beunruhigung.

*

Der gesprungene Spiegel

Über das Dunkle in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten

Die Vergangenheit pocht in uns wie ein verräterisches zweites Herz. Wenn ich jetzt, nach mehr als dreißig Jahren, die Lausbubengeschichten  noch einmal zur Hand nehme, fasst mich für einen kurzen Moment wieder jenes Unbehagen an, das ich als achtjähriger Junge jedes Mal beim Lesen empfunden haben muss. Obwohl ich das Buch eigentlich gern hatte und natürlich wusste, dass es witzige Geschichten waren, und sogar versuchte, die Schelmereien gegenüber Eltern und Lehrern nachzuspielen, gab es daneben immer noch eine andere Seite, eine dunklere, zwiespältige, die ich bis heute mehr mit Thoma verbinde als all den Spaß an den listigen Streichen.

Als wären gerade diese eben nicht Sprossen einer leichten und sorglosen Kindheit, sondern probten spielerisch schon die großen Kümmernisse eines immer beschwerlicheren Lebens, lauerten für mich in fast allen Geschichten unter der heiteren Oberfläche gefährlich geschlungene Fallstricke, pulsierte unter der hellen Melodie ein kaum hörbarer düsterer Ton, der mich früh lehrte, dass jeder gelungene Humor auf dünnem Eis tänzelt, oft über tiefem schwarzem Wasser.

Doppelgänger im Schatten

So lief ich beim Lesen neben dem Lausbub Ludwig her wie ein Doppelgänger im Schatten. Anstatt mich im beschaulichen, bescheidenen Leben seiner Familie in Weilbach geborgen zu fühlen, stellte ich mir beunruhigt bereits ihren sozialen Abstieg vor, und diese Befürchtung steigerte sich noch, als plötzlich eine vornehme Familie aus Preußen im Dorf auftaucht – mit Gepäck aus Juchtenleder und dem Knaben Arthur, der Pumphosen trägt und feine Manieren hat. Dass der Ludwig ihm gleich sein teures Dampfschiff um die Ohren sprengt, wäre mir bestimmt eine Genugtuung gewesen, hätte mich die Vorstellung der tosenden Explosion nicht ebenso erschreckt wie das Ansengen von Tante Friedas Papagei mit Zündpulver, über das ich nicht richtig lachen konnte. Vielleicht weil mir meine Großmutter da bereits vom Krieg erzählt hatte, vom Feuer, das eines nachts vom Himmel fiel. Vielleicht war es auch der früh empfundene Erwartungsdruck, der in Wahrheit auf mir lastete, wenn ich mich mit Ludwig durch seinen quälenden Nachhilfeunterricht wand, und vielleicht bangte ich so mit ihm um die geliebte Fanny Moser und ihre roten Zöpfe, weil etwas in mir vorausahnte, dass mir als längst erwachsenem Mann einmal eine rothaarige Frau das Herz im Leibe umdrehen würde.

© Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH / Bertelsmann Club GmbH / Buchgemeinschaft Donauland Kremayr & Scheriau]

Geprägt aber wurde dieser Eindruck des Bedrohlichen mit Sicherheit schon durch das Umschlagbild meiner kleinformatigen Buchausgabe. Die Zeichnung des Lausbuben darauf, der sich in einem gesprungenen Spiegel betrachtet, war mir von Anfang an zutiefst unheimlich – der finstere schwarze Rücken, die davor verschränkten Hände und der feiste Nacken puterrot geschwollen wie bei einer teuflischen Gestalt, auch das Gesicht im Spiegel seltsam verquollen, der Haaransatz unpassend hoch, als wäre der Junge auf geheimnisvolle Weise zu früh gealtert und trage auch deshalb diese viel zu große Uniform. Am gruseligsten aber war der gespaltene Spiegel, waren die Risse, die sich als tastende Spinnenbeine über das Glas zogen und in der Mitte zu einem dunklen Loch zusammenliefen, das dort genau im Gesicht des Jungen klaffte wie eine schreckliche schwarze Wunde, es grausam zerschnitt und wohl hinabführte in einen Abgrund: in das darunter liegende Buch.

Heute, da ich mehr über die zerrissene Persönlichkeit Ludwig Thomas weiß, erscheint mir diese seltsam düster geratene Illustration von Eduard Prüssen durchaus treffend. Damals hinterließ sie nur einen Schauer bei mir, der vermutlich noch dadurch verstärkt wurde, dass es nach Bilder- und reinen Kinderbüchern das erste richtige Buch war, das ich überhaupt besaß und bei heißem Kakao auf der grünen Eckbank in der Küche las, also eines, dessen Buntheit, verschrobenen Figuren und all die lustigen Situationen tatsächlich aus nichts anderem erwuchsen als aus 26 schwarzen, nach einer geheimnisvollen Ordnung eng auf weiße Seiten gedruckten Buchstaben. Dass sie in mir wie durch Zauberhand einen lockenden, weiten Raum öffnen konnten, der zugleich so unermesslich war, dass, so fühlte ich deutlich, man auch leicht für immer darin verloren gehen konnte, war eine ungeahnte Erschütterung aus ineinander greifender Angst und Lust, eine erste große innere Bewegung durch Literatur, die bei fast allem, was mir seither an Gelesenem oder Geschriebenem wertvoll war, gewissermaßen nachvibriert.

Geschichten von früher

Wahrscheinlich lag mein leises Unbehagen gegenüber dem Bändlein aber vor allem an meiner Großmutter, die es mir geschenkt hatte, und an ihren großen, knotigen Händen, die an den Gelenken verdickt und auf den Handrücken von braunen Flecken und wulstigen, grün-bläulichen Adern überzogen waren. Mit diesen Händen hatte sie mir eine Widmung in das Buch geschrieben, Für Fridolin im März 1985, die ich stets mit feierlichem, aber auch dem leicht beklommenen Gefühl betrachtete, sie übertrage mir eine bestimmte, mir noch unbekannte Bürde, zumal ich mir immer einbildete, manche Buchstaben seien so spitz und eckig geraten, als hätte es die Großmutter viel Kraft oder sogar Schmerzen gekostet, sie noch aufs Papier zu bringen.

© Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH / Bertelsmann Club GmbH / Buchgemeinschaft Donauland Kremayr & Scheriau]

Das undurchsichtige Eigenleben ihrer nie ruhenden, verwachsenen Hände beobachtete ich jedenfalls mit kindlicher Mischung aus Neugier und Ekel oft stundenlang, während wir auf dem Sofa saßen und sie mir vorlas oder „Geschichten von früher“ erzählte, meist aus ihrer Kindheit in Berlin, und es muss in meine beunruhigte Wahrnehmung der Lausbubengeschichten eingegangen sein, dass mir die Großmutter etwa zur gleichen Zeit, als sie mir das Buch schenkte, begann, vom Krieg zu erzählen, erst nur von Dingen, die mich faszinierten, wie die alten Spritzenwägen oder die abertausenden Flugblätter, die nachts wie gewaltige Schneeflocken auf die Stadt niedertaumelten – dann aber auch vom Kreischen der Sirenen, den Fackeln lodernder Bäume und wie sie auf der Flucht, mit nichts als zwei Kindern auf dem Arm, bei Beelitz von der Roten Armee eingeholt wurde, ein Soldat sie in Richtung einer Scheune stieß und nur von ihr abließ, weil ihr kleiner Sohn, mein Vater, der sonst ein ziemlich furchtloser Lausbub war, plötzlich vor greller Angst schrie und schrie und schrie.

 


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