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20.01.2017, 13:33 Uhr
Fridolin Schley
AutorInnen-Blog
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Christopher Buckley

Das Chaos zieht ins Weiße Haus: Ein 30 Jahre alter Roman ist das Buch der Stunde

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Am 20. Januar 2017 wird Donald Trump als amerikanischer Präsident vereidigt. Die weltweiten Folgen erscheinen kaum berechenbar. Wenn die politische Besorgnis derart groß ist, schlägt die Stunde der Satire. Das passende Buch stammt von Christopher Buckley – und ist schon 30 Jahre alt. 2014 ist es im Louisoder Verlag erstmals auf Deutsch erschienen. Buckley verarbeitet in seinem Erstlingsroman seine Erfahrungen als Redenschreiber von George Bush senior. Auch Chaos im Weißen Haus beginnt mit einer Wachablösung des amtierenden US-Präsidenten. Nur dass dieser sich halt einfach weigert, zu gehen. Und das ist erst der Anfang eines Feuerwerks zwischen Anarchie und Hysterie auf den Korridoren der Macht.

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Kissenschlacht auf absteigendem Ast

 

Besser könnte ein satirischer Roman über Macht und Politik kaum eröffnen: Es ist der Tag der Amtsübergabe von US-Präsident Ronald Reagan an seinen Nachfolger Thomas Nelson Tucker (‘TNT’), die Weltöffentlichkeit wartet. Doch es kommt zu Verzögerungen, denn, nun ja, der abgewählte Präsident weigert sich, aus dem Weißen Haus auszuziehen. Stattdessen möchte er erst einmal gemütlich im Pyjama frühstücken – und löst damit eine veritable Krise aus. Das Militär wird in Alarmbereitschaft versetzt, eine Nachrichtensperre verhängt, der Aktienmarkt droht einzustürzen, Sowjet-Bomber steigen auf. Die Berater ziehen sogar einen eiligen Mord an Reagan in Erwägung, um zur Tagesordnung übergehen zu können. Schließlich trickst man den Renitenten aber nur aus, indem man den atomaren Notstand ausruft.

So delirierend dieser literarische Fiebertraum, dessen Muster aus subversiver Menschlichkeit und augenblicklicher Eskalation den ganzen Roman bestimmt, auch zunächst erscheinen mag, seine einzelnen Strukturelemente liegen der Realität gar nicht so fern. Erst die Geschwindigkeit, mit der sie wie in einer einzigen großen Hyperventilation durch die Seiten flattern, und der überscharfe Blick auf den Menschen als die unberechenbare kleinste Einheit im politischen Größenwahn, lässt sie ins Komische kippen. Es geht Schlag auf Schlag in diesem Buch, zwischen Pomp und Peinlichkeit, Trauma und Triumph liegen kaum einmal mehr als fünf Minuten. Das fühlt sich beim Lesen an wie in der Kindheit, wenn zwischen Mittag und Abend ein ganzes Leben passen konnte – und alles andere eh. Wie frisch eingeschult wirkt auch die neue Mannschaft um Präsident Tucker. Buckleys Satire bedient sich dabei eines einfachen wie bewährten Kniffs: Sie duckt sich, lässt vermeintliche Riesen mit sich schrumpfen; sie überhöht nicht, sondern untergräbt, denn je näher man dem Boden der Tatsachen kommt, auf dem wir täglich wandern, desto verwunderter nimmt man wahr, was darauf an Seltsamkeiten alles herumliegt.

So scheint etwa der Erzähler Herbert Wadlough für seinen Führungsposten im Stab des Präsidenten gar nicht recht qualifiziert zu sein. Eigentlich ist er ja eher ein Hinterwäldler mit einer „Leidenschaft für Buchhaltung“. Entsprechend bedeutet sein Krisenmanagement fast immer: noch mehr Krisen. Dabei wirkt er, vielleicht auch wegen seiner englischen Abstammung, zwischen all den Schaumschlägern und Neurotikern, die Buckleys Bühne bevölkern, etwas etepetete, ein bisschen pedantisch (sein Spitzname lautet Tante Herbert) und wohltuend brav, wenn auch, wie sich bald zeigt, im besten englischen Sinne des Wortes – brave. Ähnlich wie später im Bestseller Danke, daß Sie hier rauchen wählt Buckley für sein Romandebüt einen Protagonisten, der zwar direkt aus dem Zentrum der Macht berichtet, dort aber selbst eher ein Randläufer ist, eine geschickte perspektivische Entscheidung, denn der Zaungast sieht bekanntlich stets mehr als der Tonangeber im Mittelpunkt. Gerne tupft Herb seine Sätze französisch ein, ihm läuft schon mal ein „frisson“ den Rücken hinunter, aber er ist eben nicht unehrlicher als unbedingt nötig. Was nicht wenig ist in der Politik. Als Leser verdreht man oft schmunzelnd seine Augen über ihn wie über eine etwas prüde Gouvernante und hört ihm trotzdem gerne zu, wie er bei den Versuchen, all die auflodernden Feuer zu löschen, mit hochgezogener Augenbraue dem ach-so-verschachtelten politischen Gewölbe immer wieder ein menschlich zugängliches Fundament einzieht.

Krise als Erzählprinzip

Großpolitik spielt sich hier nämlich buchstäblich in den eigenen vier Wänden ab, das macht den Roman trotz all der Backpfeifen, die er verteilt, letztlich zutiefst human. Denn zwischen Ereignissen, die die Welt bedeuten, und den kleinen Revierkämpfen und eitlen Sticheleien im Stab besteht keine grundsätzliche Trennung. Vielmehr geht das eine aus dem anderen hervor. Außenpolitische Spannungen spitzen sich zu, weil die Ehekrise im Weißen Haus alle Aufmerksamkeit braucht; als die Tuckers getrennte Schlafzimmer beziehen, handelt es sich im wahrsten Sinne um eine Staatsaffäre. Herb vermittelt in bewährter Pendeldiplomatie, wobei Ost- und Westflügel des Weißen Hauses natürlich auch für die beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stehen. Währenddessen spielen sich andere Mitarbeiter bereits die nächsten Streiche, setzen das FBI aufeinander an, entfachen Medienskandale, selbst wenn es nur um die besten Parkplätze geht. Es ist wie in einem Wimmelbild: Wo man auch hinschaut, irgendwas ist immer. Eine Grammatik des Spiels bestimmt hier die Politik, wenn auch bisweilen eines schmutzigen.

Doch gute Satire verharrt nicht bei der Bagatellisierung, betrachtet ihren Gegenstand nicht nur unter einem Brennglas, bis alles zu einem Grinsen zerschmilzt, sondern verfährt auch umgekehrt, klärt auf. Nicht allein das Verzerren ist ihr Geschäft, sondern ebenso das Schärfen. Sie vermenschlicht abstrakte Prozesse und macht sie dadurch realer. Denn auch wenn man es in Zeiten allgegenwärtiger Beschleunigung immer öfter vergessen könnte, Politik ist immer noch ein Gesellschaftsspiel unter Menschen, kein Algorithmus. (Und ist die Tatsache, dass Helmut Kohl und Boris Jelzin das Ende des Kalten Kriegs in der Sauna ausgeschwitzt haben, vielleicht keine Realsatire, die sich nicht mal Buckley besser hätte ausdenken können?) Es sind Menschen, die Krisen auslösen und bändigen. Menschen neigen zur Überforderung, sie passen in keine Excel-Tabelle, sie gehen unter dem Strich nicht auf. Die Krise ist ihnen inhärent. Dass Buckley in seinen Romanen die Krise immer wieder zum Erzählprinzip kürt, ist demnach kein Zufall. Denn aus existentialistischer Sicht wird der Einzelne erst in der Krise zum selbstbestimmten Subjekt. Sie bedeutet stets auch die Möglichkeit der Wende, im wüstesten Chaos pulsiert ein reinigendes Moment; und tatsächlich erschien Buckleys Krisenroman ja zeitgleich mit den ersten Anzeichen der Wende im Kalten Krieg, mit Perestroika und Glasnost, ihrerseits Werke weitsichtiger Menschen, keiner Maschinen. Vielleicht weiß der Satiriker einfach besser mit dieser Ambivalenz zu leben: dass der Mensch seine eigene größte Gefahr ist – und seine letzte Hoffnung. Oder, wie es Herb Wadlough ungleich subtiler sagt: „Demokratie kann verdammt anstrengend sein, müssen Sie wissen. Ich hatte zugenommen.“

Ronald Reagan und George Bush 1984 im Oval Office

Wie in der Politik, so macht auch in der Literatur meist der Ton die Musik, und der besondere Tonfall des Erzählers Wadlough ist eben nicht der eines Wad-Lough, einer Lachsalve oder Knallcharge, sondern der eines ehrlichen Illusionisten. Komik entsteht hier nicht nur aus dem Geschilderten, sondern aus der Schilderung selbst, wenn noch das größte Durcheinander in bemüht-sachlichem Duktus ausgebreitet wird. Das ist Slapstick mit steifer Hemdbrust – eine Sprache, die nicht über sich selbst lacht, sondern noch um Haltung ringt, während sie längst entblößt dasteht. Nicht umsonst lautet die wichtigste Regel für jeden angehenden Komiker: Immer ernst bleiben! So scheint auch Herb all den Inszenierungen, an denen er Teil hat, seinerseits verwundert aufzusitzen, und was gibt es seit Don Quixote Schöneres in der Literatur, als einem etwas naiven Emphatiker beim Scheitern zuzusehen? Dass man, noch während man über Herb lacht, bereits um ihn bangt und ihm über Hunderte von Seiten am liebsten beispringen will, ist dabei nicht die geringste Leistung Buckleys. Denn allzu oft sind Satiriker einem ja nur für die Dauer von ein paar schnellen Lachern vor dem Schlafengehen lieb, länger aber will man sie in ihrem häufigen Hang zur Selbstgefälligkeit dann doch nicht um sich haben, geschweige denn mit in die Badewanne nehmen.

Anarchie ist nur eine andere Form von Ordnung

Die Wärme, mit der Buckley spottet, ist umso erstaunlicher, als er, der als Redenschreiber von George Bush senior selbst eineinhalb Jahre lang im Kraftraum des politisches Betriebs gearbeitet hat, dieses Buch mit dem Mute des Verzweifelten geschrieben haben muss; desjenigen, dem das zynische Machtspiel all seine hehren Vorstellungen ausgetrieben hat. Darüber nicht selbst zum Zyniker zu werden, verdient fast den Friedensnobelpreis (der ja schon für Geringeres vergeben wurde). Denn Chaos im Weißen Haus ist keine Abrechnung geworden, das wäre auch langweilig und zu bequem. Buckley weiß, dass jeder Widerstand mit Aneignung beginnt und dass man nur auf hohem Niveau durch den Kakao ziehen kann, wozu man sich irgendwo auch hingehörig fühlt. Alle seine literarischen Kosmen haben daher autobiografische Bezüge (bei Gott ist mein Broker zum Beispiel Buckleys Erziehungsjahre in einer Klosterschule), nur so stellt sich ein Ton, eine innere Notwendigkeit ein, die über sauber recherchiertes Texthandwerk hinausgehen.

Chaos im Weißen Haus ist ein Insider-Roman, geschrieben mit dem kindlich-staunenden Blick des Outsiders, der heimlich durchs Fenster guckt und sich zwischen den anderen auch selbst erblickt. Vielleicht liefert Buckley deshalb nicht jene blindlings der Häme aus, über die er seinerseits Macht hat, sein literarisches Personal. Er achtet es vielmehr wie ein wohlwollendes Familienoberhaupt, ja liebt es mit seinen Schwächen und Beschränktheiten. Wie Herb lässt er auch alle anderen Figuren im Tümpel des spektakulär Mittelmäßigen planschen, aber darin eine gewisse Souveränität behaupten. (Tucker will sich etwa im Wahlkampf das Rauchen nicht verbieten lassen und qualmt wie ein Schuljunge heimlich auf dem Klo.) Das gilt für beide Seiten des politischen Spektrums. Links und rechts sind bei Buckley nur unterschiedliche Begriffe für die immer gleiche Kluft zwischen dem glänzenden Äußeren und dem maroden Inneren des Politsystems. Bipartisanship, wie die Amerikaner die selten gewordene parteiübergreifende Zusammenarbeit nennen, wird hier durchaus zelebriert, nur eben ex negativo: Nach alter Partisanentaktik watscht Buckley bei Bedarf einfach beide Seiten ab. Als satirischer Romanautor überspannt er ebenso alle Lager wie als eigensinniger Freigeist und Kommentator, der bis heute für etliche renommierte Zeitungen und Magazine schreibt – wenn auch nicht mehr für die konservative National Review, die einst Buckleys Vater gründete. Dort war man not amused, als der Junior plötzlich öffentlich den Wahlkampf Obamas unterstützte. Buckley lebt seine Romane, frei nach dem Motto: Anarchie ist nur eine andere Form von Ordnung.

Bei all seiner offensichtlichen Nicht-Perfektion kreiert das Chaos im Weißen Haus also auch eine in sich perfekte Welt, eine analoge, übersichtliche Weltbaustelle, auf der der Stabschef den Präsidenten schon mal ein Arschloch nennen kann, nur um von der First Lady, die kühl und anmutig ist wie Grace Kelly, höchstpersönlich vor der Entlassung bewahrt zu werden. So funktioniert das Buch wie ein intellektueller Kindheitstraum, die Mächtigsten der Welt – eine Rasselbande, die doch nur spielen will. Da ist es durchaus konsequent, dass der vierjährige Präsidentensohn sich irgendwann um die nationale Sicherheit sorgt und mit Wachsmalstiften einen Brief an den sowjetischen Premier schreibt, der auch direkt in der russischen Tageszeitung gedruckt wird. Innerhalb des narrativen Rahmens ergibt das durchaus Sinn. Wenn Satire so etwas schafft, dann hat sie Kraft.

Es ist vor allem die Kraft von Entfesselung und Versöhnung, die Buckleys Literatur auszeichnet. Sein Washington ist wie die ganze Welt: kindisch, dumm und unmöglich. Aber trotzdem liebenswert. Diese Widersprüchlichkeit treibt Buckleys Romane voran, denn ihr wohnt ein starker Befreiungsimpuls inne. Er schreibe, hat er einmal gesagt, um an der Gesellschaft nicht zu verzweifeln, Satire sei eine Gegenstrategie zur Absurdität des Lebens. Am Ende soll der Leser denken: Scheiße, stimmt, wir sind das Letzte. Auf geht’s! Buckleys Bücher erwecken, sie sind Aufstände des Lachens, denn nie – das ist sogar neurologisch belegt – ist der Mensch so frei, wie wenn er lacht. Selbst wenn es ein Lachen über sich selbst ist oder ein bitteres oder trauriges.

Auch Trauer ist ja meist bereits Ausdruck einer Selbstbefreiung, und so überrascht es nicht, dass Buckley eines seiner schönsten Bücher, Losing Mum and Pup, geschrieben hat, um Frieden zu schließen, Abschied zu nehmen von den verstorbenen Eltern, mit denen ihn eine, sagen wir, komplizierte Innigkeit verband. Der Vater, ein angesehener politischer Kommentator und Bestsellerautor von Agententhrillern, die Mutter, eine geistreiche Königin der New Yorker Gesellschaft; beides überlebensgroße Charaktere, deren äußerer Glamour nicht ohne das Toben innerer Dämonen zu haben war, ohne die Selbstlügen der Mutter, ohne die Medikamentensucht des Vaters, der schon mal liegend aus einem fahrenden Auto pinkelte. Wie soll man als Sohn solch schillernden wie erdenschweren Schatten anders entkommen, als in die luftigen Höhen der Satire aufzusteigen – noch dazu wenn man selbst ausgerechnet am Heiligen Abend geboren wurde? Man muss sicherlich nicht Dr. Freud heißen, um zu ahnen, warum Lossagungen aller Art und First Ladys eine so große Rolle in Buckleys Werk spielen. Womit der Bogen zurück zum Chaos im Weißen Haus gespannt wäre.

Windschiefe Wunschbiografie

Auch mit einem Abstand von über drei Jahrzehnten (Buckleys Erstling erschien 1986) hat der Roman nichts von seiner befreienden Kraft eingebüßt. Das liegt in erster Linie daran, dass echte Komik – jene, der nach Walter Benjamin ein Wahrheitswert zukommt – immer zeitlos ist, aber auch an dem speziellen Gestus des Nachträglichen, der hier ohnehin schon vorherrscht. Der naive Neuling Tucker beschäftigt sich bereits am ersten Tag der Präsidentschaft mit seinem Nachruhm, wie er überhaupt oft Rat und Anleitung in den Memoiren großer Präsidenten sucht, als wären diese nicht schon per Definition Selbstbeweihräucherungen im Kampf um die geschichtliche Deutungshoheit. (Für gewöhnlich bestehen sie aus zwei Aussagen: 1.) Ich konnte nichts dafür. 2.) Ohne mich wäre alles nur noch schlimmer gekommen.) Das Futur Zwei ist Tuckers strategisches Tempus. Indem er die permanenten Krisen stets aus ihrer zukünftigen Vergangenheit heraus betrachtet, rücken sie bereits von ihm ab, und auch Herb schildert uns das ganze Tohuwabohu mit der besänftigenden Ruhe des Rückblickenden, was den Leser das Feuerwerk aus Pleiten, Pech und Pannen überhaupt erst als synchrones Kunstwerk am Himmel wahrnehmen lässt.

So wird man nicht geblendet; nicht der grelle Effekt dominiert, sondern tiefe Ironie. Denn der größte Clou Buckleys besteht darin, dass sein Buch selbst in jenem Regal verplapperter Politikermemoiren seinen Platz hat. Auch Herb ist ein unzuverlässiger Erzähler par excellence und das Buch, das wir in Händen halten, formal die windschiefe Wunschbiografie eines politisch Subalternen und Abgewrackten, die ihre eigene Überflüssigkeit zwischen den Zeilen durchgehend mitformuliert. Dieses Buch gehört fiktionsintern in die Tonne getreten – fiktionsextern ein brillanter Kunstgriff, der der Komik die wichtige Skepsis gegenüber den eigenen Mitteln an die Seite stellt, vor allem den der Sprache. „Feeley hatte sich einen militärischen Tonfall angewöhnt – zu viel Umgang mit Admirälen und Generälen – und stolzierte mit seinem ausfahrbaren Zeigestock herum wie ein englischer Oberst. Ständig wiederholte er den Satz: ‚Amerikaner lieben Krisen‘.“ So wie die politische Sprache fadenscheinig über allerlei Fallstricke und Abgründe hinweg laviert – bei Tuckers Militärs etwa heißt Bombardieren „Verkomplizieren“ – ist Buckleys Roman insgesamt von einer profunden Sprachskepsis durchdrungen, schon allein dadurch, dass die Form des ‚Memoirs‘ einer massiven Manipulation durch den Erzähler gleichkommt – einer Manipulation nicht nur von fiktiver Öffentlichkeit und uns Lesern, sondern vor allem seiner selbst und sogar seines Schöpfers Buckley, dem Herb auf der letzten Seite für die „editorische Hilfe“ dankt. Ach, die Achtziger! Postmoderne rules.

Rückblick auf die Zukunft

Doch das Nachträgliche greift noch weiter auf uns über. Dass ein Buch aktueller ist denn je – das sagt man so schnell. Bei Buckley bekommt es aber fast etwas Unheimliches, Prophetisches (das ja schon immer nah am Wahnwitz lag), und müsste man nicht ständig kichern, könnte es einem schon zu denken geben, dass hier eine irre literarische Groteske tatsächlich von der Wirklichkeit ein- und überholt wurde. Denn Chaos im Weißen Haus liest sich häufig wie ein Rückblick auf die Jahre, die bei seiner Entstehung noch weit in der Zukunft lagen. Wüsste man es nicht besser, man würde schwören, die Präsidentschaften Bill Clintons, George W. Bushs und Barack Obamas hätten sich Tuckers Regierungswirrwarr mit heißer Nadel eingeschrieben. Wer würde nicht an die zermürbenden Haushaltsstreitigkeiten um immer weitere Kürzungen von Obamas Staatsausgaben denken, wenn Präsident Tucker in löchriger Bettwäsche schlafen und schließlich eine neue Garnitur aus eigener Tasche bezahlen muss? Oder an die Drohnendebatte und den Mythos vom klinisch-sauberen Töten, wenn Tucker den marxistischen Aufstand in Bermuda kurzerhand mit Gas einschläfern lässt. (Was in Bushs Irakkrieg die ‚Kollateralschäden‘ waren, ist bei Buckley das Opfer Mrs Outerbridge, das über ein Waffeleisen gebeugt betäubt wird und mit einem Gesicht „wie ein Kreuzworträtsel“ wieder erwacht.) In Bill Clintons öffentlichem Striptease wiederum hallen Tuckers Sex- und Eheeskapaden nach und die Infrarot-Übertragung der Bermuda-Operation ins Weiße Haus in der realen Live-Hinrichtung Bin Ladens, der Obama und sein Stab bekanntermaßen mit lecker Käffchen vor sich beiwohnten.

Nicht zuletzt findet die Realität über ihren eigenen Verlust Eingang in den Roman. Über Marvin, den Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates, der als befreite Geisel immer noch glaubt, Verhandlungen mit den Revolutionären zu führen, während er in Wahrheit längst einen Kriegseinsatz ausgelöst hat. Oder über Präsident Tucker, der nicht im Park spazieren gehen kann, ohne dass hinter seinem Rücken eine sicherheitstechnische Großinitiative gestartet wird – bis er, ohne es selbst zu merken, zuletzt niemandem mehr begegnet außer seinen eigenen Agenten. Augenzwinkernder und zugleich trauriger könnte man die heute zur Normalität gewordene Terror-Allgegenwart kaum beschreiben sowie den Realitätsverlust, der in den politischen Elfenbeintürmen geradezu zwangsläufig grassiert. Als herrschte dort Sauerstoffmangel. Vom entrückten Obama zum senilen Reagan, der das Weiße Haus nicht mehr verlassen will, scheint es da plötzlich nicht mehr allzu weit zu sein. Von Trump wollen wir da gar nicht erst reden ...

Der Respekt vor der Realität, die man angreift, ist also die eine Bezugsgröße, ohne die keine gelungene Satire auskommt. Die Komik ist die andere. Doch Buckley ist nicht etwa ein simpler Scherzkeks oder Hau-drauf. Er beschwört eher klassische Comic-Novels und die leicht überkoffeinierten Stimmungen von P. G. Wodehouse oder Evelyn Waugh herauf, den Humor von Screwball und Burlesque, der nicht mehr braucht, als das Unwahrscheinliche zur Regel zu machen. Vordergründig mag sich der Erzähler Herb entlang einer Vielzahl von schrillen Anekdoten durch die Präsidentschaftsjahre hangeln, doch das Gesamtgefüge vollzieht nach, was sich auch an jedem einzelnen Kapitel zeigt, Buckleys untrügliches Gespür für Steigerung und Eskalation. Beides bedarf vor allem der schlanken Präzision, wobei Buckley seine Erfahrung als Journalist zu Gute kommt, als der er sich einst das Credo verordnete: Just. Write. Clearly. Seine genaue Sprache erzählt keine Witze, die voyeurhaft nur auf den schallenden Erguss zusteuern, ohne zu berühren, und ebenso schnell vergessen sind. Sie baut vielmehr Satz für Satz Konstellationen auf, um diese fast gleichzeitig schon wieder zu entkleiden, bis nur noch ein Bild oder ein letztes entscheidendes Wort nötig sind, um eine Situation kippen zu lassen. Konstruktion und Dekonstruktion liegen in einer Hand, die, mal gütig, mal wütend, die Figuren umarmt und würgt – in nur einer fließenden, sehr komischen Bewegung. Die Sätze haben Rhythmus, als bekäme jeder einzelne einen eigenen Atemzug; der große Allen Ginsberg hat Buckley das einst eingebläut. So ist kein billiger, zerstörerischer Witz am Werk, sondern swingender, beflügelnder Aberwitz, ein Humor, der nichts komplett zum Einsturz bringen muss, um zu funktionieren, sondern die erzählte Welt wie einen Bretterverschlag im Wind wanken lässt – sie aber eben auch trägt; und uns erst dadurch berührt, anstatt nur plump nach uns zu grabschen.

Kunst der Übertreibung

In dieser fragilen Bruchbude namens Weltpolitik wohnen Normalität, Hysterie und Paranoia Tür an Tür. Unnötig hinzuzufügen, dass die meisten Mitarbeiter des Weißen Hauses unter dem Einfluss beruhigender Medikamente stehen. Marvin spricht trotzdem irgendwann nur noch in kryptischen Kodes und verteilt vor Insidergesprächen Blätter mit Chiffrierungsschlüsseln. Der Präsidentenvertraute Mike Feeley droht bei jeder Kleinigkeit mit Rücktritt, an manchen Tagen sogar zweimal. Der Presseattaché bekommt schwere Windpocken und steckt aus lauter Angst, entbehrlich zu werden, prompt den Präsidenten an. Der wiederum aalt sich nachts gern nackt mit der Gattin im Pool, während die Secret-Service-Agenten als Büsche verkleidet beiwohnen. Ach ja, und sein Bruder (der „First Bruder“) ist Bhagwan-Jünger und versucht, sich öffentlich zu verbrennen, woraufhin man die Operation ‘Dringende Wäsche’ auf ihn ansetzt. Klar, normal ist das alles nicht, aber was heißt das schon, wenn man in einer Zwangsjacke steckt? Was von außen wie der Irrsinn eines aufgescheuchten Hühnerhaufens aussieht, fühlt sich für die Betroffenen zutiefst real an. So mögen sie komisch wirken, aber nie lächerlich, denn wir blicken weniger auf sie herab als durch Herbs Augen aus ihnen heraus. Auch wenn die Schrauben des Wahnwitzes Pointe für Pointe enger gezogen werden, erscheint es nie angestrengt, nie äußerlich, weil sich Buckley ganz auf Herbs Tunnelblick stützen kann. Eine verblüffende Leichtigkeit weht dadurch die Seiten um. Kein Satz renkt sich die Buchstaben aus nur eines schnellen Schenkelklopfers wegen. Buckley beherrscht die Kunst der Übertreibung – und beherrschen ist hier wörtlich gemeint, er zügelt sie im richtigen Moment. Er übertreibt die Übertreibung nicht. Er wahrt immer die fiktionale Form, stellt seinen Einfallsreichtum nicht über den Horizont seiner Hauptfigur. Eher beschneidet er eine Szene, noch bevor sie durch die Decke geht, als dass er seinen Erzähler übervorteilt.

Oscar Wilde, 1882

Wie bei Oscar Wilde, den Buckley bewundert wie sonst niemanden, wird auch der untergründige Ernst dieser flirrenden staatspolitischen Bankrotterklärung keineswegs vom lauten Lachen übertönt, wie Buckley sich überhaupt meist Angriffsziele in Politik und Medien sucht (zum Beispiel in Hohes Gericht oder Florence von Arabien), die nicht nur lachhaft sind, sondern gleichermaßen gefährlich. In Tuckers Regierungszirkus stößt die brachiale Härte des Betriebs immer wieder lakonisch durch die Zeilen – etwa wenn ein Redenschreiber mit Alkoholproblem in einem mexikanischen Ashram endet. Das Achselzuckende und Weiterblätternde rührt dabei nicht von einer teilnahmslosen Erzählhaltung her, sondern von der Quelle selbst, dem politischen Haifischbecken, in dem es keine Träume geben darf, sondern nur Ziele, keine Probleme, sondern nur Lösungen.

Truggeschichte seiner selbst

Als ganz und gar unlösbare Aufgabe erweist sich allein Buckleys schönste Schöpfung: Jessica Heath, die First Lady, heimliche Hauptperson und Heldin des Romans. Sie ist das subversive Element in dieser politischen Familiengeschichte, die, wie es sich für eine Schauspielerin mittleren Ranges gehört (einst spielte sie in Minnesota Hots mit) in wechselnder Kostümierung alles zugleich ist, Femme Fatale, Mutter Courage und Schwarzes Schaf. Mit ihrem Hang zur Theatralik und einem schon etwas abgeschminkten Glamour, der in seiner grotesken Unangemessenheit doch erhaben ist über Teestündchen mit Abgeordnetengattinnen, verschreckt sie nicht nur regelmäßig die Anstandspresse, sondern hält auch das Weiße Haus wie eine fortwährend tickende Zeitbombe auf Trab. Und verstrickt natürlich den braven Herb in der Verbannung des dubiosen, verwilderten Ostflügels in eine zarte Liebesgeschichte, die freilich unerfüllt bleiben muss, wäre Herb doch keine so mitreißend tragische Figur, bestünde der Höhepunkt seiner Tändelei mit der First Lady aus mehr als einer Kissenschlacht, aus der er grün und blau hervorgeht.

Immerhin, er blickt auf eine Karriere zurück, wenn auch eine auf absteigendem Ast. Während Jessica – ganz anders als ihre Nachfolgerin in No way to treat a First Lady, der Buckley Jahre später einen literarischen Jahrhundertprozess macht – einen letzten großen Vorhang bekommt, noch den Moment der Niederlage mit einem triumphalen persönlichen Auftritt begeht, sinkt Herb immer weiter hinab, bis in den Limbus, den Ort der Katharsis, und sei dies auch nur der Verband für Teilzeitbahnangestellte, für den er zuletzt arbeitet. Dort gaukeln ihm seine Erinnerungen eine schöne Geschichte seiner selbst vor, während er das Abschiedsgeschenk aus dem Weißen Haus in seiner Hand betrachtet, einen Holzlöffel aus der Kantine, deren Name dem Roman im Original seinen Titel gibt: The White House Mess.

 

 


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