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25.11.2016, 12:20 Uhr
Gert Heidenreich
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© Das blaue Sofa / Club Bertelsmann

Gert Heidenreichs Rede an junge Menschen

Gert Heidenreich, geboren 1944 in Eberswalde, ist Schriftsteller und Sprecher. Sein literarisches Werk umfasst zahlreiche Romane, Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Lyrikbände, für die er unter anderem den Literaturförderpreis der Stadt München, zweimal den Adolf-Grimme-Preis, den Marieluise-Fleißer-Preis und den Deutschen Filmpreis erhalten hat. 2013 erschien seine Erzählung Die andere Heimat, 2014 der Roman Der Fall, 2016 die Nachdichtung Das Lied von Kulager von I. Shansugirow. Heidenreich war 1991-1995 Präsident des deutschen PEN. 2007 hatte er eine Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin inne. Von 2011 bis 2015 war er Direktor der Abteilung Literatur in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Wir veröffentlichen seine Rede, die er am 14. November 2016 auf Einladung des Seerosenkreises in München hielt.

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Euch wird nichts geschenkt

Späte Rede an junge Menschen

 

Ich halte nichts von der unverabredeten Kumpanei, mit der das schwedische Möbelhaus oder diverse Verkehrswellen jeden von uns mit Du anreden – doch für die nächsten Zeilen und Minuten bediene ich mich derselben Vertraulichkeit und spreche die Jungen als viel älterer Freund an.

Ich wünsche mir, dass ihr hoffnungsvoll nach vorn blickt – und sehe, dass solche Zuversicht in der gegenwärtigen Lage mehr Mut verlangt, als ich ihn in eurem Alter brauchte. Eure Situation hat mit der meinen damals wenig gemeinsam. Ich war Kind nach einem entsetzlichen Krieg und unermesslichen Verbrechen im Namen der Nation, zu der ich darum nicht gern gehörte; wir besaßen nach der Flucht materiell fast nichts – doch wir hatten einen unbegrenzten Vorrat an Zukunftsglauben, der uns am Leben hielt. Die Welt stand offen.

Ihr lebt als Europäer in einer Welt des Überflusses, in der maßlosem Luxus zwar bitterer Mangel gegenüber steht, doch Chancen auf ein auskömmliches Leben für fast jeden gegeben sind, der die entsprechenden Anstrengungen unternimmt.

Wir hatten es schwerer und leichter. Wir traten traumatisiert, aber mit gutem Gewissen gegen die von Nazis durchwachsene Vätergesellschaft an, die Adenauer uns beschert hatte – gemäß seiner Devise, wenn kein reines Wasser verfügbar sei, müsse man dreckiges behalten. (1) Wir mussten gegen die uns oktroyierte Gehorsamserziehung aufbegehren, gemäß dem Lebensmotto, das der Dichter Günter Eich 1951 formuliert hatte: Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! ...Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird! Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt! (2)

Manchmal wundere ich mich, wie ruhig ihr seid, trotz eurer Aufrufe und Kampagnen via Internet, trotz Unterschriftensammlungen per E-mail, trotz Straßenaktionen. Wo bleibt die Einforderung eurer Lebenschancen? Habt ihr das Gefühl, ein Aufschrei sei sinnlos angesichts des fundamentalistischen Kapitalismus? Ist die Masse der Probleme zu unübersichtlich?

Für einen wie mich, der, als er so alt war wie ihr, noch nicht einmal einen Xerox-Kopierer kannte, geschweige denn Fax oder Computer, Internet oder Mobiltelefon – für einen homo prae-Xerox also – sind eure Möglichkeiten, sich auszutauschen und weltweit Fragen zu diskutieren, phantastisch. Was macht ihr daraus? Was folgt aus den vielen intelligenten Blogs und den dort ablaufenden polyglotten Dialogen?

Gert Heidenreich im Künstlerhaus, Lenbachplatz, am 14.11.2016

Jede Gesellschaft entwickelt sich gemäß den konkreten Entscheidungen ihrer Apparate. Wollt ihr denen die Initiative lassen, die demokratische Wege nur beschreiten, um an ihrem Ziel die Demokratie zu beseitigen? Die machtgeilen Despoten gibt es nicht nur fern am Bosporus. Mitten in unserer Europäischen Union sind Staaten auf dem Weg zur Autokratie, und in unserem Land streben rechtsradikale Populisten mit ihrer ruinösen Spießer-Ideologie nach politischer Macht. Schon sind die Rechte auf freie Meinung bei europäischen Nachbarn beschnitten. Wer die Freiheit des Wortes abschafft, tut dies immer, um anschließend ungestört weitere Freiheiten zu beseitigen. Bei mir klingeln Alarmglocken. Bei euch nicht? Wer Grenzzäune errichtet, Obergrenzen für Flüchtlinge fordert, meint es nicht gut mit euch, sondern zählt auf eure Xenophobie. Die alten Griechen verstanden unter dem Wort Xénos sowohl den Fremden, als auch den Feind, als auch den Gast; und das dazu gehörende Verb xenóomai meinte sowohl ausgewiesen werden und außer Landes gehen, als auch gastfreundlich beherbergt werden. Jedes Schicksal sollte also erst genau betrachtet, dann bewertet werden.

Was will der Alte, könnt ihr euch fragen.

Ich will, dass ihr Hoffnung setzt in euch selbst und in eure Vernunft. Ich weiß, dass ihr mindestens so intelligent seid, wie wir es waren. Hinzu kommt eure milliardenfach erhöhte Möglichkeit zur Information. Sie ist auch als Widerstand nutzbar. Aber habt ihr dafür die Instrumente im Kopf? Jeder Idiot kann etwas wissen. Entscheidend ist das Verständnis. Der Satz wird Albert Einstein zugeschrieben. Nur wer versteht, kann gestalten.

Als der 93jährige Stéphane Hessel vor sechs Jahren mit seinem Pamphlet unter dem Titel Indignez-vous!Empört euch! – nach der damaligen Welt-Finanzkrise die Jugend zum politischen Widerstand aufrief, wurde der 15seitige Text millionenfach gekauft. Die Folgen? Keine. Die Hasardeure an Banken und Börsen spekulieren wie zuvor und sind bereit, aus Geldgier eure Zukunft zu riskieren.

Ist mein Eindruck falsch, dass ihr euch nicht empören wollt, weil ihr meint, dass sich dadurch ohnehin nichts ändert? Doch es geht darum, wie ihr leben wollt! Es geht um euer Gerechtigkeitsempfinden, eure Einsicht in Gut und Böse, es geht um die alte Erkenntnis, dass jeder Zentimeter Freiheit, der ungenutzt bleibt, von den Kontrollwütigen und Herrschsüchtigen besetzt wird.

Ja, es stimmt, effektiver Widerstand ist schwierig geworden, aber soll er von denen definiert werden, die von sich behaupten: Wir sind das Volk? Wenn Hunderttausende blödsinnigen Parolen nachlaufen, werden sie dadurch nicht klüger, auch wenn sie sich jetzt nicht Mitläufer, sondern follower nennen.

Ständig werdet ihr umschrien: Tu dies, kauf das, verbinde dich mit tausend Freunden, stell dein Bild ins Netz – das mag ja alles Spaß machen, nur ist der Zweck dieser Appelle Ablenkung von euch selbst, Daten-Enteignung und die Prägung hedonistischer Interessen, anders gesagt: Es handelt sich um Zukunftsklau.

Vielleicht ist der Rückzug auf den virtuellen Zirkus eure Reaktion auf eine absurde Welt. Ihr lebt wahrhaftig nicht in einem Zeitalter der Aufklärung, sondern müsst euch gefasst machen auf eine Zukunft, die möglicherweise an den kriminellen Narren der Politik, den verblendeten Gottespropheten und den amoralischen Geldraffern scheitert, bevor sie beginnen kann.

Um so dringlicher seid ihr aufgefordert, euch rechtzeitig klarsichtig und kritisch einzumischen.

Dazu braucht es Bildung, und zwar nicht bloß Mathematik und BWL, sondern Geistesbildung. Nur ein urteilsfähiger Kopf kann richtig und falsch, sinnvoll und schädlich, wahrhaft und verlogen unterscheiden – in einer Zeit, in der Hass sich als Lebenshilfe tarnt, Propaganda als Offenbarung, Wahnsinn als letzte Weisheit.

Wirkt mit in den Institutionen eurer Gesellschaft, eures Lande, Europas, so lange es sie noch gibt: offen, kritisch, mutig; wenn es sein muss, tapfer!

Durchschaut die Heilsbringer, die mit altgedienten Parolen behaupten, den Generalschlüssel zur Lösung aller Probleme in der Hand zu halten. Wer so redet, ist entweder ein Idiot oder ein professioneller Lügner.

Es steht viel auf dem Spiel. Stellt euch vor: Europa zerbricht an den nationalen Egoismen, an der Zerstörungswut und dem Rassismus der rechtsradikalen Populisten. Wo werdet ihr dann leben? In einem über Jahrtausende geistig führenden Gebiet der Erde, das dann in politisch und kulturell bedeutungslose Kleinstaaten zerfällt, die zum Spielball der Großmächte werden. Es lohnt sich, für Europa zu kämpfen, für Aufklärung und Vernunft; auch für jene gesellschaftlichen Liberalisierungen, die meiner Generation einigermaßen gelungen sind. Wehrt euch gegen die Propagierung vorgestriger Ideen als Patentrezept für die Zukunft! Die Geschichte kann sich in neuen Masken wiederholen. Ihr könnt das verhindern. Die Mühen sind absehbar. Geschenkt wird euch nichts.

 

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(1) "Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat!" Typisch rheinisch parierte Konrad Adenauer in einem Hintergrundgespräch mit 14 deutschen Chefredakteuren am 2. April 1952 die damals laufende öffentliche Debatte um die Personalpolitik des im Aufbau befindlichen Auswärtigen Amtes. [DIE WELT, 18.1.2006]

(2) Hörspielzyklus Träume. Frankfurt, Suhrkamp Verlag, 1953. Erstsendung NWDR, 19.4.1951

 

 


Sekundärliteratur:

Homepage von Gert Heidenreich


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