Info
09.11.2016, 16:29 Uhr
Arwed Vogel
AutorInnen-Blog
images/lpbblogs/autorblog/klein/Vogel-Arwed_164.jpg

Ein Auszug aus dem neuen Roman von Arwed Vogel

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/klein/Wie_Anna_den_Krieg_fand_500.jpg

Arwed Vogel wurde 1965 geboren und wuchs im Umland von München auf. Er studierte Kulturwissenschaften in München und London und ist seit 1985 als Dozent für Literatur und Kreatives Schreiben tätig. Er unterrichtet an der Ludwig-Maximilians-Universität, dem Fraunhofer Institut sowie an verschiedenen Volkshochschulen. Neben der Veröffentlichung zahlreicher Erzählungen und Gedichte erschien 2003 sein erster Roman Die Haut der Steine. Vogel ist Mitbegründer verschiedener Literaturzeitschriften sowie des Münchner Literaturbüros und erhielt diverse Auszeichnungen für sein literarisches Schaffen und Engagement. Er ist zudem Leiter der Literarischen Sommerakademie Schrobenhausen und Mitinitiator des Literatur Radio Bayern. Der Autor, Dozent und Übersetzer lebt in München und Wartenberg. Zuletzt erschien sein Roman Wie Anna den Krieg fand im Allitera Verlag. Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem Roman mit der freundlichen Genehmigung des Autors und des Verlags.

*

 

Klappentext

Aus Geldsorgen nimmt der Schriftsteller Pallmann ein Stipendium an – dafür soll er in Verdun einen Text über die dortigen Gedenkstätten schreiben. Mit auf die Reise kommt seine Tochter, Anna. Zu diesem Kind aus einer früheren, längst zerbrochenen Beziehung hat er kaum ein Verhältnis. Dass Annas Vorstellung von Urlaub mit Vati am Meer nicht nur mit den Recherchearbeiten von Pallmann auf den Schlachtfeldern Verduns kollidiert, wird schnell deutlich. Doch vor der bizarren Kulisse aus Schützengräben und Kraterlandschaften spannt sich ein zartes Band der Vertrautheit zwischen Vater und Tochter …

**

 

Ein Auszug aus dem 7. Kapitel

Es war nur, weil sie ja etwas essen mussten. Weil St. Mihiel die nächstgrößere Stadt war und nur eine Viertelstunde Fahrt durch den Wald von Aprémont. Weil man dort etwas bekam, was Anna schmeckte, vermutlich. Was isst Anna eigentlich gerne, überlegte er. Es war nur eine Erinnerung, jetzt traf sie ihn, als er begriff. Mirabellenbäume, Pallmanns Kindheitsfrucht, die es am Sonntag, an besonderen Sonntagen, als Kompott gegeben hatte. Pallmann hatte noch nie Mirabellenbäume gesehen. Hier standen sie: Bäume mit kleinen gelben Punkten auf Wiesen mit Kühen und manchmal sah er jetzt Menschen in Gehöfteinfahrten. Darüber schloss sich der Wald an den Hängen dicht mit dunklem Laub.

»Das sind Mirabellen«, sagte er, »kennst du Mirabellen?«

»Nö«, sagte Anna, dann tauchte die Straße in den Wald ein.

Es waren dann nur Baumschatten und Lichtreflexe, die überraschend die Augen blendeten und gelbe Schatten im Blick hinterließen, ihm die Schärfe nahmen. Zweifel, die sich nie ganz vergessen ließen, sich in unbedachten Augenblicken in sein Bewusstsein drängten. Sabine anrufen: Aber sie war wie fortgewischt, als hätte er den Raum seiner Erinnerungen, in dem er ihr begegnet war, nach dem See verlassen, als wäre sie irgendwo anders geblieben. Als hätte sie keinen Platz mehr bei ihm.

Später überlegte Pallmann, warum er dort überhaupt angehalten hatte. Aus einem Gefühl heraus - eigentlich hatte er Hunger. Es war nur ein Schild und er hatte nicht einmal verstanden, was darauf stand. Erst auf der Rückfahrt hatte er die Worte aufgeschrieben: Redoute. Le Saillant de St. Mihiel. Aber was sie bedeuteten, wusste er nicht.

Er war in den Waldweg hineingefahren, ganz langsam. Das Licht zwischen den Bäumen gleißte auf dem Schmutz der Windschutzscheibe. Schräg schnitt das Licht in die Schneise, der Weg weitete sich nach einigen Metern zum Platz. Ein Schild erlaubte das Parken, vorne sah er eine Tafel, rechts verschwand ein Pfad nach einer Biegung zwischen jungen Bäumen. Pallmann überlegte, was er hier eigentlich wollte. Oben war noch Licht in den Bäumen, kupfern hatte es sich auf die Stämme gelegt. Aber da er schon ausgestiegen war – wie durch einen Eingang trat er mit Anna durch das Gesträuch in den Wald, stand zwischen den Bäumen, blieb stehen, konnte nicht weiter gehen, starrte auf das, was vor ihm lag.

Es waren die Bäume. Eigentlich nur die Bäume. Trockenes Astwerk und Wipfel. Entwurzelte dünne Stämme hingen schräg in den Zweigen anderer Bäume, mehr als sonst. Ausgebrochene Stämmchen, mit abstarrenden Wurzeln, in verschiedene Richtungen gefallen, sodass es kein Wind gewesen sein konnte, der sie umgeknickt hatte.

Nein, dachte Pallmann, während er stehen geblieben war, es waren nicht die Bäume, es war noch etwas anderes. Die Luft war kühler hier und nichts war zu hören.

Der Boden war an keiner Stelle eben. Überall tieften pockennarbige Kuhlen, wie kleine leere Teiche, an deren dünnen Rändern sich die Wurzeln der Bäume nicht halten konnten. Deswegen stürzten sie um. In manchen Trichtern stand Wasser.

Er wollte nicht glauben, was er sah, als fürchte er, angekommen zu sein. Als fürchte er, dass es das wirklich gab, was er suchte, dass er die Spur gefunden hatte.

Diese plötzliche Nähe. Sein Herz schlug so heftig, als wäre hier zu stehen verboten. Er versuchte sich zu beruhigen, wusste nicht, warum er sich aufregte. Es war nur, als ob etwas aus einer anderen Zeit herübergriff. Unvorbereitet war er in das Kriegsgebiet hineingeraten, niemand hatte die Spuren getilgt, die Erde planiert, die ausgebrochenen Bäume geräumt.

Dass es das gab, dass es das wirklich gab. Pallmann machte zwei vorsichtige Schritte nach vorn. Vermutlich lagen überall Blindgänger und Menschenreste und man konnte gar nicht aufräumen, aber das war ja reine Spekulation, versuchte er für seine Gedanken ein Ufer zu finden.

Es war aber doch so: Die Trichter waren Einschläge und man hatte offenbar nichts verändert. Es sah aus, als hätten die Soldaten den Wald nur für kurze Zeit verlassen und würden gleich zurückkommen, in den Trichtern Deckung suchen, um wieder aufeinander zu schießen.

Pallmann bewegte sich nicht, schloss noch einmal die Augen, öffnete sie, um sicher keiner Täuschung unterlegen zu sein.

»Komm mal«, hörte er auf einmal Anna und drehte sich um, aber sie stand auch nicht hinter ihm, sie war nicht zu sehen.

»Komm«, hörte er ihre Stimme hinter dem Gehölz, »ich hab was gefunden.«

Natürlich, dachte er, das musste ja kommen, und er schrie: »Nicht anfassen« und dachte, während er loszulaufen begann, seltsamerweise an Sabine und ihr Gesicht und ihre Stimme. »Nicht anfassen«, schrie er noch einmal und sah hinter der nächsten Biegung endlich Anna stehen, im Wald am Rande des Wegs in einem Graben, der ihr bis an die Knie reichte.

»Komm hoch«, rief er, aber Anna bewegte sich nicht, und vielleicht war es besser, dass sie stehen blieb, oh Gott, dachte er, bitte, Anna, bleib stehen.

»Da«, sagte Anna, »schau: ein Loch.«

Und er trat hinter sie, setzte vorsichtig den Fuß auf weichen Waldboden und sah die Öffnung, einen halben Meter breit, sodass man fast hineinklettern konnte.

»Was ist da drin?«, fragte Anna.

»Das will ich gar nicht wissen«, antwortete er und streckte den Arm aus, um sie hochzuziehen.

»Ich weiß es«, sagte Anna, »da wohnt ein Fuchs drin.«

Er schüttelte den Kopf, schluckte, wischte den Schweiß ab, der seine Brille beschlug.

»Komm auf den Weg zurück«, sagte er, »hier war Krieg, hier liegen überall Bomben.«

Er schob sie an den Schultern auf den Weg zurück.

»Warum liegen hier Bomben?«, fragte Anna, als sie langsam weitergingen, er hatte es nur so gesagt, ohne es wirklich zu wissen, aber als er an der Weggabelung das Schild sah mit dem Totenkopf und der Warnung, nicht den Weg zu verlassen, blieb er stehen und zeigte nach oben.

Es gibt sie wirklich, dachte er, und dann wusste er, warum die Bäume niemand wegräumte, die Äste und Wipfel, warum die Bäume nicht dichter wuchsen und es so still war. Aus Angst räumte hier niemand auf.

Weil das Gelände voller Blindgänger und Minen war.

»Wir gehen zurück«, sagte Pallmann, »komm, wir gehen zum Auto zurück.«

Es war noch hell, als sie St. Mihiel erreichten. Sie fuhren durch leere Straßen, an einem Platz vorbei. Pallmann stellte das Auto vor einem geschlossenen Supermarkt ab, sah sich um. Die Hauswände aus hellen Kalksteinblöcken, unten vom Ruß verschmutzt, schmierig. Die Türen einer Kirche waren verschlossen. Einmal blieb er vor einem Hauseingang stehen: Es standen Namen an den Klingelschildern, aber sie waren verstaubt, als ob schon lange niemand mehr diese Knöpfe berührt hatte.

Es war als führten die Straßen nicht wirklich irgendwohin. Auch der Platz, auf dem sie gestanden hatten, war nur eine zufällige Weitung. Pallmann wollte nicht einsehen, dass es kein Zentrum gab und lief immer wieder im Kreis. Eine Straße mündete in eine breitere Straße, von der breiteren Straße kam man in eine schmale, die zur Hauptstraße zurückführte. Pallmann stand unentschlossen, überlegte an ihrem Rand. Wenn schwere Lastzüge an ihnen vorbeibrachen, spürte Pallmann, wie sich Annas Hand in seine drückte. Weiter vorn teilte sich die Straße, führte die Brücke über den Fluss.

Drüben war vielleicht mehr Leben. Pallmann sehnte sich danach, Menschen zu hören, zu sehen, ihre Gesichter, ihre Blicke. Seit zwei Tagen hatte er mit niemandem außer Anna gesprochen. Sie überquerten den Fluss auf der Steinbrücke, aber drüben war es nicht anders: Die Straße bog sich am Fluss entlang und verschwand zwischen kleinen Häusern, verlor sich.

Sie drehten um. Anna mit hängendem Kopf, ihm taten die Füße weh. Wieder auf der Brücke über den Fluss. Er hob Anna hoch, sie schaute in das niedrige, langsam fließende Wasser der Maas. Anna schwieg.

Pallmann blickte die verwaiste Promenade entlang. Als ob die Stadt mit dem Wald in einem unergründbaren Zusammenhang stand, die Unwirklichkeit fortsetzte. Als ob die Vergangenheit alles Leben aufsog, dort oben das der Bäume, hier das der Menschen. Aber ob das richtig war, es war ja gleichgültig, Pallman sah nur – hier war nichts. Aber wo sollte er hin? Ins Hotel zurück, was sollte er im Hotel? Unter seinen Händen spürte er den warmen körnigen Stein der Brüstung.

Ungeduld und Leere begannen sich in ihm in Verzweiflung zu drehen. Er stand auf einer Brücke, die nirgendwo hin führte, in einer Stadt, die von ihren Bewohnern aus welchen Gründen auch immer verlassen worden war. Dabei war der Krieg doch seit hundert Jahren vorbei. Zu Hause, dachte er, stand sein Schreibtisch, seine Post.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Anna ohne den Kopf zu heben.

Pallmann zuckte mit den Schultern. »Sabine anrufen«, sagte er, »wir rufen jetzt Sabine an.«

Und hoffte gleichzeitig, dass Sabine nicht zu Hause war und er nur eine Nachricht hinterlassen konnte und sich nicht Vorwürfe anhören musste, weil er so lange nicht angerufen hatte, dass er sich doch mal melden solle, und was er denn glaube.

»Hallo Sabine«, sagte er, als er ihre Stimme hörte.

»Hallo«, sagte Sabine, »gibt’s euch noch?«

Er schaute Anna an, die vor ihm stand und ihn anschaute. Sabines Worte klangen ganz nah und freundlich, als wäre sie gar nicht weg, stünde neben ihnen, greifbar.

»Tut mir leid«, sagte er betroffen, jetzt froh, ihre Stimme wirklich zu hören.

»Wie geht’s euch?«, fragte sie. Ganz unbefangen hörte sich das an.

»Ich weiß nicht«, sagte er überrascht, »ich weiß nicht, ob das hier was wird.«

Er hatte diesen Klang ihrer Stimme einfach vergessen.

»Sabine«, sagte er, »es ist hier alles ganz anders.«

»Aber ja«, sagte Sabine, während er bemerkte wie töricht, kindisch sein Satz klang, »deswegen seid ihr ja unterwegs. Aber passt bitte gut auf euch auf«, sagte sie, »und kommt wieder zurück.«

»Ja«, sagte er, »ja, und du bist nicht böse?«

»Wenn ihr bald wiederkommt«, sagte Sabine; wiederkommen, dachte er in ihre Worte hinein, er war ja noch nicht einmal in Verdun angekommen.

Als er aufgelegt hatte, sah er, dass Anna ihn immer noch anschaute und er versuchte sich seine Erschütterung nicht ansehen zu lassen, er lächelte, aber wie – das mochte er selbst nicht sehen und so klangen seine Worte härter, als er sie beabsichtigt hatte: »Komm weiter«, sagte er, Anna verschränkte die Arme und folgte ihm.

Sabine breitete sich in seinen Gedanken aus, und Pallmann begann sich nach Sabine zu sehnen, vor jedes Haus stellte er ihr Gesicht, ihren Körper, in den Spiegel jedes Schaufensters neben sich. Sabine, so ungreifbar, wenig fassbar, wie die Leere der Straßen, bis er den Kopf schüttelte, diese Chimären fortzuwischen versuchte.

Auf einem Wegweiser las er »Verdun« und Pallmann stellte sich vor, wie es wäre zu Fuß dorthin zu gehen, immer weiter, die ganze Nacht lang. Aber die Vorstellung verhallte in ihm und es blieb nichts als das Gefühl, nicht zum Auto zurückgehen zu wollen, aber was er hier jetzt tun sollte, wusste er auch nicht.

***


Externe Links:

Wie Anna den Krieg fand im Allitera Verlag

Leseprobe

Arwed Vogel bei Literaturprojekt.com


Kommentar schreiben
Verwandte Inhalte
Städteporträts
Städteporträts