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27.10.2016, 12:40 Uhr
Leonhard F. Seidl
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Foto: Katrin Heim

Der Schriftsteller Leonhard F. Seidl über die Reichsbürger in und um uns

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Manchmal ist die Realität sogar für einen Krimiautor zu gruselig. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung meines Debütromans »Mutterkorn« flogen die Morde der NSU-Rechtsterroristen auf. In »Mutterkorn« geht es um den versuchten Anschlag von Neonazis auf die Grundsteinlegung des jüdischen Zentrums 2003 in München. Noch heute werde ich bei Lesungen gefragt, wie ich das damals schon wissen konnte: »Mit den V-Leuten, die Neonazis sind und vom Verfassungsschutz Geld bekommen und es in die Naziszene stecken.«

Auch mein neuer Roman »Fronten«, der im August in der Edition Nautilus erscheint, wird derzeit von der brutalen Realität eingeholt. Am Anfang stand der Amoklauf eines psychisch kranken Waffensammlers 1988 in Dorfen, der auf der Polizeiwache drei Polizisten tötete. Da es sich um einen Mann aus Jugoslawien handelte, brandete wütender Fremdenhass auf, Menschen wurden auf offener Straße bespuckt und als Mörderschweine beschimpft. Einen Monat später überfiel ein junger Mann aus Isen die Sparkasse und wollte drei ausländische Geiseln als Rache. Er nannte sich selbst einen »Nazi« und war NPD-Mitglied. Im Zuge von drei Stipendien und eines Pluskurses im Gymnasium Dorfen transportierte ich die schrecklichen Ereignisse in die Gegenwart. Ein Zeitzeuge warf in Interviews dem Landratsamt Erding massive Versäumnisse vor. Die getöteten Dorfener Beamten seien nicht ausreichend gewarnt worden vor dem Täter, der sich u.a. vom Geheimdienst bedroht gefühlt hatte.

In »Fronten« ist der Täter aus Bosnien. Markus Keilhofer, ein rechter Reichsbürger, wird die getöteten Polizisten rächen. Sein Großvater antwortet auf die Frage nach dem Personalausweis: »Wir ghören nicht zum Personal der besetzten Bundesrepublik Deutschland.« Zudem hängt er der Verschwörungstheorie an, 9/11 sei das Werk der USA gewesen. Ein weitverbreitetes Phänomen unter Reichsbürgern. Trotzdem ist er nicht psychisch krank.

Vielleicht fragen sich die Angehörigen des ermordeten Polizisten auch, ob er noch leben könnte – die Angehörigen der zehn NSU-Opfer tun dies mit Sicherheit – wenn Politik und Verfassungsschutz besser hingesehen und die Gefahr von rechts ernst genommen hätten. Bereits 2012 stellte der bayerische Landtagsabgeordnete Florian Ritter (SPD) die Anfrage, wie »das Landesamt für Verfassungsschutz Gruppen oder Anhänger der sogenannten „Reichsbürger“ in Bayern« sehe. Die Antwort lautete: »Die bekannt gewordenen Einzelfälle weisen bisher eher auf querulatorische Motive der Akteure hin als auf eine ernsthafte politische Zielsetzung.« Seit 2013 ist bekannt, dass mindestens acht Reichsbürger in Thüringen legal Waffen besitzen. Sogar drei Polizisten in Bayern sind Reichsbürger, von denen lediglich einer bisher vom Dienst suspendiert wurde.

Nach dem Attentat in München, bei dem der rechtsradikale AfD-Verehrer Ali David S. neun Menschen tötete, schauderte es mich. In erster Linie aufgrund des unsäglichen Leids, dass er über die Angehörigen der gezielt migrantischen Opfer gebracht hatte. Aber auch, weil er in einem Punkt »meinem« Markus Keilhofer so sehr ähnelt: Beide imitieren den norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik, der 2012 auf der Insel Utøya und in Oslo 77 Menschen ermordete. So steigt Keilhofer in die gleiche Phantasieuniform wie Breivik, bevor er die Moschee überfällt.

Der Mörder von Georgensgmünd hatte enge Verbindungen zu PEGIDA-Nürnberg, die Gruppe besteht zu Zweidritteln aus Neonazis. Auf seiner Facebook-Seite finden sich antisemitische und islamophobe Postings mit Ansichten, die leider, durch diverse Studien bewiesen, auch in der Bevölkerung zunehmen. Keilhofers Großvater ist da keine Ausnahme: »Die Amis und der Jud wollen uns in die Knie zwingen.« Sein Enkel Markus kommt ganz nach ihm, wenn er tönt: »Du glaubst wohl, bei uns im Land ist alles verhandelbar. Vergiss es! Anpassen und sonst nix!«

Was davon ist nun der Reichsbürger und was der Rechtsradikale? Die Übergänge sind fließend. Beide Gruppen sind allerdings weder kollektiv psychisch krank noch dämlich, sondern vor allem gefährlich. Zu hoffen bleibt, dass es nicht noch mehr Tote durch rechte Gewalt gibt. Denn jeder der 194 seit 1990 getöteten Menschen ist einer zu viel.

 


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Der Artikel erschien zuerst im Merkur

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