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22.09.2016, 10:00 Uhr
Dagmar Leupold
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© Sami Khabib / C.H. Beck Verlag

Auszug aus dem neuen Roman von Dagmar Leupold

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Dagmar Leupold wurde 1955 in Niederlahnstein geboren. Sie studierte Komparatistik in Marburg, Tübingen und New York. Leupold schreibt Lyrik und Prosa und ist neben dem Schreiben als Übersetzerin und Dozentin tätig. Für ihr Werk erhielt sie mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur, den Förderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds und den Tukan-Preis. Die Autorin, die heute in München lebt, erzählt in ihrem hervorragenden neuen Roman Die Witwen eine Abenteuergeschichte über vier Freundinnen (von denen eigentlich keine eine Witwe ist), die gemeinsam von Berlin in die Provinz gezogen sind und von dort auf eine „große Fahrt“ aufbrechen. Wir veröffentlichen den Anfang des Romans, der unlängst für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

*

Steinbronn ruht, innig umschlossen, zwischen zwei Moselarmen, die sich um den Ort herum zur Schleife runden. Die Weinberge stürzen hier ab wie eine stürmische Zusage. Das Wort »lieblich« liegt dennoch prompt auf den Zungen all derer zum Ausruf bereit, die sich Steinbronn erholungsentschlossen nähern. Der Himmel wirft das lebenssatte Grün des Weinlaubs zurück – keine andere Gegend kann das bieten: einen Himmel, der grünt. In einem solchen buchstäblich von allen Seiten umfassten Ort einsam zu sein, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit – und doch gelang es vier Frauen, nicht mehr jung, aber längst nicht alt. Nur ratlos. Und irgendwie übrig.

Eine echte Witwe war nicht einmal Penny, aber sie war immerhin die einzige Verheiratete unter den vieren und damit rechtmäßige Anwärterin auf zukünftige Witwenschaft. Ihr Mann war von einer Dienstreise nach Fernost nicht zurückgekehrt. Mittlerweile – nach acht Jahren – waren die Fragen, warum sie nichts unternehme, ihn zu finden, spärlicher geworden. Penny hatte sich geweigert, ihn für tot erklären zu lassen. »Er lebt«, sagte sie und richtete ihren Blick auf einen Punkt in der Ferne, als empfange sie von dort den sicheren Hinweis. Seinen Namen nannte sie nie. Sie hatte in den vergangenen acht Jahren die Wäsche im Doppelbett einmal im Monat gewechselt, auf beiden Seiten. Sie lag auf der linken, weit entfernt vom Brandfleck im Holzrahmen, den eine ausglühende Zigarette hinterlassen hatte, kreisrund wie ein Fingerabdruck. Die Zeit, die ihr durch die Abwesenheit ihres Mannes zuwuchs, nutzte sie halbherzig für einige Kurse an der Volkshochschule: Polnisch, Webtechniken, Stepptanz (eine einzige Havarie) und, wegen der günstigen Kurstage, Kohlenhydratarm Kochen und trotzdem satt werden. Die anderen drei Frauen, Dodo, Beatrice und Laura, fühlten sich nur wie Witwen. Nicht Männer waren ihnen abhandengekommen, sondern die Zuversicht oder die Verwegenheit oder die Fantasie.

Sie kannten einander seit ihrer Einschulung; ein Foto, das alle vier in Ehren hielten, zeigte sie mit spitzen Schultüten, Zahnlücken und Faltenröcken. Volksschule 44, Berlin Tiergarten. Dodo, schon damals die Rundeste von ihnen, stemmte die Beine derart störrisch in den Boden, dass der Betrachter nicht umhinkam zu begreifen, wie entschlossen sie war, sich dem Schuldienst zu verweigern. Die damals sehr zarte Beatrice hatte aus demselben Grund ein verheultes Gesicht, und Laura lächelte bezaubernd, weil sie es liebte, fotografiert oder, überhaupt, angeschaut zu werden. Dem jeweiligen Blick folgten seit jeher und prompt Komplimente zum blonden Haar, dem feinen Profil – ein Liebhaber in späteren Jahren hatte sie einmal »Grace Kelly reloaded« genannt, und sie war, trotz ihrer Angst, idiotische Bemerkungen nicht umgehend als solche zu erkennen und zurückzuweisen, dem Vergleich geschmeichelt erlegen. Schließlich Penny, die ernst, aber gefasst die Kamera fixierte und ihre Schultüte wie ein Schild vor den Brustkorb hielt.

Fünfundzwanzig Jahre nach Entstehung dieses Fotos war als Erste Penny nach Steinbronn, Sitz des Weinguts ihres Mannes, gezogen; »vor Liebe«, wie sie Dodo anvertraute, »halb besinnungslos«. Es sei ihr vorgekommen, als hätten auch ihre Muskeln jeden Tonus verloren, eine Gliederpuppe sei in Steinbronn gelandet, eine Gliederpuppe mit vor Erwartung geblähtem Herzen. Ihr Mann Otto war Winzer in der fünften Generation. Oder mehr. Penny fürchtete sich vor Dynastien und dachte doch manchmal mit wehmütiger Befriedigung, dass der Steinbronner Bock, ein Riesling, mittlerweile in neuer Erde, vermutlich Japan, gedieh und dort bei seinen Verkostern diesen besonderen Rausch erzeugte, der am Anfang ihrer Ehe stand. Otto verfügte über ein zuversichtliches Lächeln und einen hellbraunen Haarschopf, der zwischen den Rebstöcken leuchtete, zuverlässig wie ein Kompass, ein Kompass, dessen Nadel hartnäckig den Süden anzeigte. Penny, eigentlich Lehrerin für Deutsch und Geschichte, saß im neuen Steinbronner Heim in der großen Wohnküche des Hinterhauses – nach vorne lag das Wirtshaus Zum Rebstock –, die Hände im Schoß, die Schritte der Schwiegermutter über ihr. Irgendwann würden das junge und das alte Paar die Stockwerke tauschen, der Treppen wegen. Und wartete. Vielleicht auf Kinder, aber eigentlich empfand sie das Warten als in sich ruhende, auf sich selbst gerichtete Tätigkeit. Es ging ihr damit gar nicht schlecht. Und das Kind kam ja auch. Zwar nicht nach neun oder zwölf oder vierundzwanzig Monaten, sondern erst nach vierzig, aber das Warten hatte schließlich nichts mit Zählen zu tun, sondern war eine Verfassung. Wie jeder Sohn dieser ausgreifenden Winzerfamilie wurde auch Berthold mit einem Tropfen Steinbronner Bock begrüßt. Den Penny ihm von den Lippen küsste, als sie sah, wie sich sein ohnehin runzliges Gesichtchen vor saurem Schreck noch mehr verzog.

Als Zweite zog Dodo nach Steinbronn und übernahm dort eine Gärtnerei für einen Spottpreis, den Preis nämlich, den sie als Ablöse für ihren Berliner Schrebergarten zäh erhandelt hatte. Schließlich folgten Beatrice und zuletzt Laura, Yogalehrerin und Feldenkraistherapeutin die eine, Maskenbildnerin die andere. In Steinbronn gab es niemanden, der professionell geschminkt oder auf eine Rolle vorbereitet werden wollte oder musste, also ließ sich Laura zur Logopädin umschulen und überraschte die stolzen Mütter von Steinbronn mit unbarmherzigen Instantdiagnosen, deren Kinder betreffend: Lispeln, Redeflussstörungen, inkorrekte Lautverwendung, gering ausgebildete Mundfunktionen. Stammeln und Stottern war ihr Spezialgebiet. Eigentlich hielt sie auch den Dialekt dieser reizenden Gegend, die mit nichts geizte, das Weichlich-Nachgiebige der Zischlaute, die verschliffenen R, für behandlungswürdig und physiologisch folgenreich, konnte sich mit ihrer Auffassung aber nicht durchsetzen. Ihr Haar wurde in den Steinbronner Jahren immer blonder; »Moselwein«, sagte sie und bestritt nachdrücklich, Aufheller zu benutzen.

In den ersten Jahren wurden sie von eingefleischten Steinbronnern immer wieder ungläubig befragt: »Aus Berlin nach Steinbronn?« Und das auch noch in den aufregendsten, den Wendejahren! Dodo antwortete trocken: »Eben, ich vertrage keine Aufregung. Und schon gar keine künstliche. So wenig wie meine Pflanzen Kunstdünger.« Beatrice brauchte Ruhe. Und gab unumwunden zu, dass die Erreichbarkeit der drei Freundinnen für sie wichtiger war als eine prominente Adresse. »Welche Innenräume wir uns schaffen, gibt den Ausschlag«, sagte sie und schaute lächelnd in die ratlosen Gesichter der Fragenden. Laura musste nichts begründen, weil allgemein und zu Unrecht angenommen wurde, sie wäre einem Mann gefolgt, wie Penny. Sie war froh, schweigen zu dürfen, denn sie hätte es nicht erklären können. Tiergarten war zum Rummelplatz verkommen, das ja. Und besonders anstrengend fand sie, ihr eher unspektakuläres Leben inmitten einer Stadt zu gestalten, die unisono zum spektakulärsten Schauplatz des ausgehenden Jahrhunderts ausgerufen wurde. Weder war sie Künstlerin – auch nicht Lebenskünstlerin –, noch wollte sie es sein. Penny schrieb begeisterte Briefe aus Steinbronn, der Fluss, das Licht, die Sonne – alles knapp bemessen in Berlin (auf Wasser bezogen stimmte das weniger, aber so genau wollten die Freundinnen es nicht nehmen) und hier, in Steinbronn, im Überfluss ausgeschüttet.

Ohneeinander konnten die vier nicht. Miteinander durchaus, aber nicht ohne kleinere oder größere Gefechte.

»Wir kennen uns schon so lang«, sagte Laura eines hochsommerlichen Frühlingstages, an dem die Luft stockte und der Fluss brütete. »Das halbe Leben haben wir nun schon an diesem Ort der schönen Verheißungen verbracht, aber wir haben kaum etwas erlebt, einfach immer nur gelebt. Lasst uns etwas erleben!«


Externe Links:

Die Witwen im Jung und Jung Verlag


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