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15.09.2016, 09:44 Uhr
Nikolai Vogel
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© Silke Markefka / VG Bild-Kunst

Auszug aus einem entstehenden Roman von Nikolai Vogel

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Comic Con in New York City

Nikolai Vogel (* 1971 in München) ist Autor und Künstler und studierte Germanistik (Neuere deutsche Literatur), Philosophie und Informatik an der Ludwig-Maximilians-Universität. 2004 nahm er am Open Mike-Wettbewerb, 2005 am Ingeborg-Bachmann-Preis teil. Im selben Jahr war er Stipendiat der Autorenwerkstatt im Literarischen Colloquium Berlin. 2007 wurde Nikolai Vogel mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur ausgezeichnet, ein Jahr später erhielt er zudem das Projektstipendium Bildende Kunst der Stadt München. Bisher erschienen u. a. Spam Diamond (Roman, Haymon, 2012), Große ungeordnete Aufzählung (Detail, Parasitenpresse, 2009 und SuKuLTuR, 2014). Wir veröffentlichen erstmals einen Auszug aus seinem entstehenden Roman Near Mint.

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Near Mint

 

Kurzexposé

Elmar Hall ist in München gerade umgezogen. Im Dachboden, der zur neuen Wohnung gehört, macht er einen Fund: zwei Kisten mit alten amerikanischen Comics, zum Großteil in nahezu neuem Zustand, „Near Mint“, wie die Sammler sagen. Er zeigt sie seinem Freund David, der Comicsammler ist und schnell entdeckt, dass die Hefte Millionen wert sind. David kontaktiert einen millionenschweren Sammler in den USA. Dieser will die Hefte sehen, fliegt nach München. Beim zweiten Treffen im Hotel verschwindet er allerdings mit den Comics. Die Suche nach ihm führt nach New York, zur riesigen Comicmesse „Comic Con“. Der Ich-Erzähler des Romans verirrt sich dabei schnell in den Unklarheiten aus Realität und Fiktion, auch scheint er selbst allmählich Superheldenkräfte zu entwickeln

Der Roman Near Mint spielt mit den paradoxen Mythen der US-amerikanischen Comic-Kultur, der Psychologie und dem Geschäft des Sammelns, der sexuell aufgeladenen Darstellung und gleichzeitigen Prüderie klassischer wie moderner Superheldinnen und dem utopischen Potential der Superhelden-Bildwelten, die längst die Massen- wie auch die Hochkultur erreicht haben und etwa in Hollywood seit Jahren mit tonangebend sind.

Verfasst ist Near Mint in einer sehr unmittelbaren, rasanten Form des inneren Monologs, der die Leser, die insgesamt knapp elf Tage lange Handlung, wie live aus den Augen des Protagonisten blickend, miterleben lässt. Die Besonderheit dieses Textes ist unter anderem dieser ganz eigene, direkte Zugriff auf die „Realität“ des Erzählten (wie sie sich der Autor bereits in seinem zuletzt erschienenen Roman Spam Diamond begonnen hat zu erarbeiten). Und die vermeintliche Unmittelbarkeit ist vielleicht sein größter Kunstgriff.

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Auszug

Den Speicher ausräumen. Na gut. Mache ich das halt. Dafür habe ich die Wohnung! Gut, dass ich da so schnell dran war. Aber seltsam ist die Alte schon. Die Wohnung haben sie leer geräumt. Ein Entrümpelungsunternehmen – auch alles aus dem Keller entsorgt, aber den Speicher, das hat sie total vergessen, sagt sie. Die haben doch sicher gefragt. So hier, na das schaut aus. Liegt ja alles auf dem Boden. Die hat doch sicher rumgeschnüffelt überall, ob noch was dabei ist, was sie brauchen kann. Wie mach ich das denn? Muss ich Konrad fragen, ob er mir hilft, mit seinem Van. Und dann in den Wertstoffhof. Oder ob ich den Sperrmüll bestelle? Wird schon nicht die Welt kosten. Dafür habe ich die Wohnung. Komische Alte. Hat mich richtiggehend beschnüffelt. Ist hier die Hausmeisterin. Sie hat alles im Auge, das hat sie ständig gesagt. Aber ich gefalle ihr, ich schaue verlässlich aus. Ha, wie kommt sie denn da drauf? Hätte sie mal meine Freunde fragen sollen, die hätten ihr was anderes erzählt, so von wegen zu spät kommen, Termine vergessen und Versprechen. Na ja. Aber mögen mich trotzdem. Ich bin wie ich bin. Ganz schöner Staub hier. Vollgestellt. Ein Paar Kinderski, ein rissiger Plastikball, alte Decken. Der Kinderwagen ist auch schon ein älteres Semester. Vielleicht ist ja noch was dabei, was in die Wohnung passt? Aber der Schrank, die Kommode, ganz schöner Mief. Mal reinschauen. Verkalkte Teekannen, Geschirr, hässliche Vasen. Das muss alles raus. Und hier, Mann, schwer der Karton! Und hat die Alte wohl auch schon aufgerissen. Das sind doch Comic-Hefte? Ein ganzer Stoß. Die schmeiße ich aber nicht weg. Mal sehen. Flash, Detective Comics, Wonder Woman … Sehen ja aus wie neu! Kein bisschen zerlesen. Säuberlichst gestapelt, zwei Stöße nebeneinander und ein Kartonstück dazwischen. Hat die Alte wohl nicht interessiert, der Schund. Ja, wenn es Bild für die Frau oder so was gewesen wäre, hätte sie es bestimmt mitgenommen. Und noch mal. Noch eine Kiste mit Comics. Natürlich auch aufgerissen. Und vom obersten gleich noch das Cover mitzerrissen dabei. Schade drum. So ein tolles Cover. Mit den Tentakeln und all den dagegen ankämpfenden Helden. Und dahinter, das ist wohl die Skyline von New York. Das Heft auf dem Stapel daneben ist dafür noch wie taufrisch. Tales of Suspense. Iron Man. Den gab es doch vor ein paar Jahren im Kino? Die haben sicher ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Wer weiß, sind vielleicht was wert. Da frage ich David mal. Der weiß das, der ist so ein Nerd. Fährt doch immer auf den Comic Salon. Dem zeig ich das. Jetzt erst mal runter in meine Wohnung damit. Beide auf einmal sind zu schwer! Muss ich zweimal gehen. Uff. Treppe runter. Ach, hallo Frau Friedrich. Ihnen auch schönen Sonntag. Ja, ich fange an. Bringe das schon mal raus. Sonntag, ja schon, aber ich mache ja keinen Lärm, habe nur mal hochgeschaut. Ach das, nur Papier! Was Brauchbares dabei? Nein, glaube nicht. Ja, ich versuche es. Bis nächste Woche können Sie den Speicher bestimmt haben. Ich weiß, Ihre Sammlung. Wiedersehen. Uff. Türe zu. Den Karton auf den Tisch. Ich sag der doch nicht, dass ich die Comics erst mal behalte. Am Ende will sie sie dann. Das fehlte noch. Und hat doch ohnehin schon alles durchwühlt. Außerdem gehört der Speicher ja zu meiner kleinen Zweizimmer-Wohnung. Hat mich angeblinzelt bei der Wohnungsbegehung und gemeint, sie könne da schon was tun für mich, wenn ich den Speicher nicht bräuchte. Und dann hat sie behauptet, sie habe vergessen, den leerräumen zu lassen. Die Mieterin hier ist gestorben. Keine Erben. Hat alles der Kirche vermacht, aber war nichts Wertvolles da. Und sie hat dann zugesehen, wie so ein Entrümpelungsunternehmen alles geholt hat. Hat sie reingelassen. Die bekommen kein Geld, aber dafür alle Sachen, die noch zu brauchen sind. Na, die Comics hätten die doch sicher auch nicht weggeschmissen. Dass die gar nicht gefragt haben, ob es einen Speicher gibt? Oder die Alte hat einfach gelogen, wollte auch was vom Kuchen. Ist sie noch im Treppenhaus? Nein! Dann schnell die zweite Kiste runter. Bevor sie noch mal schnüffeln geht. Und für den ganzen Rest frag ich jetzt erst mal Konrad, ob er mir entsorgen hilft. Und bloß, damit die dann da oben ihre Puzzleschachteln stapelt … – Den Karton erst mal wieder richtig zu machen. Mit Gewalt aufgerissen worden. Schade um das schöne Cover. Zum Glück hat die Alte das nicht weiter durchwühlt. Was sie wohl gesucht hat? Schmuck? Porzellan? Wertsachen? Oder hat sie geglaubt, sie findet noch ein altes Puzzle da oben? Jetzt schnell runter, damit sie mich nicht noch mal sieht. Hätte vorhin mit der ersten Kiste weiter runter gehen sollen, so tun, als bringe ich sie ins Altpapier. Jetzt erst mal Kaffee aufsetzen. Wird schon wieder dunkel draußen. Und kalt ist es sowieso. Die Heizung höher drehen. Und lüften muss ich mal. Irgendwie ist hier schon noch ein Mief in der Wohnung. Ist hier gestorben. Nicht dran denken. Hab wochenlang gesucht und jetzt endlich wieder meine eigene Bude. Bezahlbar. Zentral. Speicher hin oder her. Dann sehen wir mal. Vorsichtig.


Externe Links:

Homepage von Nikolai Vogel

Spam Diamond im Haymon Verlag

Große ungeordnete Aufzählung bei SuKuLTuR


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