Literatur Update 2012: Laudatio auf Kenah Cusanit. Von Kerstin Specht

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Norbert Tessmer von der Literaturstiftung Bayern verleiht die Preisurkunde an Kenah Cusanit

Nach Geschichten über den Stadtalltag fragte die Literaturstiftung Bayern in ihrer diesjährigen Ausschreibung zum LITERATUR UPDATE Literaturwettbewerb 2012 im Rahmen des Projekts Stadt.Geschichte.Zukunft. Die 10 besten Einsendungen wurden von einer Jury ausgewählt. Die Anthologie ist im Würzburger Stellwerck-Verlag erschienen, demnächst auch als E-Book bei neobooks.

Am 25. August 2012 wurde die junge Autorin Kenah Cusanit mit dem 1. Preis von LITERATUR UPDATE ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand beim diesjährigen 32. Erlanger Poetenfest mit einer Laudatio der Jurorin und Autorin Kerstin Specht statt.

 

Laudatio von Kerstin Specht

Der Wettbewerb LITERATUR UPDATE 2012 fragte nach Geschichten und Essays aus dem Stadtalltag. Die Stadt als Bühne, die Stadt als Beute, die Stadt als Basislager für kaputte Beziehungen, zu diesem Thema wurden erstaunlich viele glänzende Beiträge eingesandt, aber am stärksten überzeugte die Jury der Text Macula in disco solis von Kenah Cusanit.

Kenah Cusanit wurde 1979 in Blankenburg im Harz geboren und studierte sumerische, babylonische, hethitische Philologie, Afrikanistik und Ethnologie. Seit 2008 veröffentlicht sie Essays, Gedichte, Erzählungen. Sie erhielt u.a. das Lyrikstipendium des Landes Brandenburg, ein Stipendium der Autorenwerkstatt des LCB, ein Arbeitsstipendium der Sächsischen Kulturstiftung.

In diesem Essay Macula in disco solis erleben wir die diachrone und synchrone Betrachtung einer Stadt. Er entwickelt aus einer Wohnungsbesichtigung eine Weltbesichtigung. Welt umfassend definiert, wie schon bei Giordano Bruno, als Wohnsitz des Menschen, als Stufen des  Seins und als Universum. Auf verschiedenen Umlaufbahnen kreisen hier Makler, Hausbesitzer, Promotionsstudenten, Freimaurer, Kinder, große Geister und merkantile Kleinbürger umeinander. Und über allen scheint die nicht mehr makellose Sonne. Galileio Galilei hatte 1610 die Sonnenflecken entdeckt, die im Rhythmus von 14 Tagen über die Sonnenscheibe wanderten. Er beschrieb dies 1613 in seinen Lettere solari.

Exkurs: Im gleichen Jahr hat übrigens auch der Jesuit Christoph Scheiner vom Turm der Heilig-Kreuz-Kirche in Ingolstadt aus diese Entdeckung gemacht und mit Galilei einen Prioritätsstreit darum geführt und wahrscheinlich auch die Verurteilung Galileis durch die Inquisition befördert. Scheiner erklärte allerdings, dass die Flecken nicht zur Sonne gehören könnten, weil diese ein reiner Körper sei, um so das katholische Weltbild zu retten.

Voraussetzung für diese Untersuchungen war die Erfindung des Teleskops im 17. Jahrhundert. Heute steht Google zur Verfügung, mit dem sich die Autorin von Leipzig aus an die Stadt, in der sie wohnen möchte, „heranzoomt und herauszoomt“. Nur, man kann sich auf dem Laptop anschauen, wo man gerne leben würde, man kann die Geschäfte sehen, den Zustand der Dächer prüfen, aber man kann noch lange nicht die Vermieterin kennenlernen und sie überzeugen, dass man gerne einziehen möchte. Alles ist miteinander vernetzt, man ist näher zusammengerückt, aber die Nähe untereinander ist nicht größer geworden. Wenn Sicherheiten und Einkommensnachweise fehlen, bleiben die Türen geschlossen. Das ist nichts nur für diese Stadt Spezifisches.

Kerstin Specht während der Laudatio, Kenah Cusanit während ihrer Lesung

Aber Kenah Cusanit bringt das in einer wunderbar lakonischen, spezifischen Sprache auf den Punkt. Sie schickt ihren Lebensgefährten vergeblich zu 12 verschiedenen Adressen. Und muss erfahren, dass die Interessen der Makler, die sich ethymologisch so nahe an den Makeln befinden, sich nicht mit ihren Interessen decken. Die macula, die Makel, die der Bewerber der Maklerin zu gestehen hat, sind: dass er, ich darf zitieren,

- in der Rathstraße 19 einen Kinderwagen in den Hausflur stellen möchte; [...]
- [dass] dessen Lebensgefährtin aus beruflichen Gründen die Wohnung nicht permanent bewohnen wird;
- der sich deswegen ohne Lebensgefährtin, aber mit einjährigem Sohn vorstellt;
- der sagt, er sei Promotionsstudent, obwohl Student ein Begriff mit einigen Konnotationen ist;
- der sagt, dass er jeden Morgen mit dem Fahrrad, das heißt: nicht mit dem eigenen Auto, zur Uni fahren wird;
- der fragt, ob die Dielen nicht in der Wohnung bleiben können;
- der fragt, ob er die Holzfenster nicht streichen könnte, und dem geantwortet wird, er habe hier Regeln zu befolgen und nicht mitzuentscheiden, was an der Wohnung herausgerissen und durch Plastik [...] ersetzt wird;
- der denkt: Baujahr 1725 mit PVC-Boden;
- der denkt: PVC atmet nicht, Kunststofffenster atmen nicht, Teppich atmet nicht, Spanplatten atmen nicht, Styroportapete atmet nicht, beklebte Türen atmen nicht, das Kind atmet manchmal auch nicht.

Die Scheibe der Sonne, die keine ist, scheint auf Gut und Böse. Die Sonne, ein Symbol der Aufklärung, der Humanität und der Freimaurer. Die Freimaurerei kam in diese Stadt durch den Markgrafen, einem Schwager Friedrich II., der selbst Freimaurer war. In der dunklen Zeit hat man, so habe ich es im Internet auf einer Freimaurerseite gefunden, „aus Gründen der Tarnung“ keine Juden aufgenommen. Aber es nützte nichts, die Großloge „Zur Sonne“ endete mit und durch den Nationalsozialismus. Die jüdische Synagoge in der Münzgasse überlebt auch nicht, sie wird überfallen und der Innenraum zerstört, auf dem Dachboden  haben Zettel, Alltagsdinge und die jiddische Ausgabe des Till Eulenspiegel die Zeit überdauert und sind in den Fokus der Museen und der Ethnologin Kenah Cusanit geraten, die sich fühlt, so schreibt sie, als klettere sie kurzzeitig auf die Weltscheibe dieser Stadt hinauf und rutsche auf der anderen wieder hinunter und immer, wenn sie auf der einen Seite der Stadt ist, werden auf der anderen die Wohnungen vergeben.

Die Stadt ist Bayreuth. Eine kleine Residenzstadt, die durch den gebürtigen Leipziger Richard Wagner einmal im Jahr zu einer Musikmetropole wird, die internationales Flair ausbreitet. Der Hügel, der alle anzieht, seit der Eröffnung des Festspielhauses, unter anderem sogar Mark Twain, wie ich in diesem Essay gelernt habe, hat ja auch seine sensible Geschichte, die bis heute fortwirkt. Der grüne Hügel war einmal braun und so geschieht es, dass man einer Tätowierung wegen, die vor Jahren in Murmansk gemacht wurde, Sänger entlässt, aber Regisseure anstellt, die eine Diktatur der Kunst fordern, und den Hitlergruß als befreiendes Zeichen der Provokation sehen. Demnächst Erzkunst in Erzbayreuth. Aber das wäre wieder Stoff für einen neuen Essay.

Der Text von Kenah Cusanit kreist darum, wie schwierig es ist, einen Fußabdruck in einer Stadt zu hinterlassen, die sich, so scheint es, nicht für einen interessiert, aber diese Autorin, die selbst eine Spurenleserin ist, wird in der Literatur einen Fuß- und Handabdruck hinterlassen, da bin ich sicher, und das hat sie schon mit diesem Text bewiesen.

Wir danken Kerstin Specht und der Literaturstiftung Bayern für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.

Hörprobe aus der Lesung von Kenah Cusanit:




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