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Bernhard Setzwein und sein Böhmen

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Spiegel bayerischer Literatur und Kultur, fundiert und unterhaltsam, Essays, Prosatexte und Gedichte von prominenten und unbekannten Autoren: Das ist die Zeitschrift Literatur in Bayern. Seit 30 Jahren informiert sie über das literarische Geschehen des Freistaats. Der folgende Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe (124) erschienen.

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Mitteleuropäischer geht’s kaum

von Klaus Hübner

 

Mehrfach hat sich der 1960 in München geborene und heute im oberpfälzischen Cham lebende Bernhard Setzwein mit der uralten, nach 1945 durch eine brutale Grenze zerschnittenen und nach 1990 rasch neu belebten Nachbarschaft von Bayern und Böhmen beschäftigt. Zum Beispiel in leicht zu lesenden und dennoch angemessen komplexen Romanen wie Die grüne Jungfer (2003), Ein seltsames Land (2007) oder Der neue Ton (2012), aber auch in zahlreichen luziden Essays.

Böhmisches von Bernhard Setzwein gibt’s seit letztem Jahr auch auf dem Theater: Am 6. Juni 2015 wurde sein Stück Hrabal und der Mann am Fenster in Regensburg mit großem Erfolg uraufgeführt, und seitdem bemühen sich weitere Bühnen um dieses Drei-Personen-Stück, das eigentlich ein Stück mit zwei Figuren und einem Geist ist. Der Text dieses Schauspiels liegt seit kurzem in Buchform vor, akribisch kommentiert, plausibel erläutert und reichlich mit Materialien versehen, als wäre es von Schiller, Kleist oder Brecht. Und im selben Buch finden sich auch die Texte der vier Poetikvorlesungen, die der Autor vor 12 Jahren an der Universität Bamberg gehalten hat. Da ist etwas zusammengekommen, was ohne Zweifel zusammengehört.

Im Mittelpunkt der Handlung von Hrabal und der Mann am Fenster steht nicht der seit Jahren zu Setzweins Hausheiligen zählende Prosaschriftsteller (1914–1997). Im Zentrum steht die innere und äußere Wandlung eines Mannes namens Dutky, der Bohumil Hrabal im Auftrag des tschechoslowakischen Geheimdiensts jahrzehntelang bespitzelt und, völlig in seiner Aufgabe versunken, das Ende des totalitären Regimes und die Entwicklungen der neunziger Jahre komplett verschlafen hat. Für Dutky ist der in einer verwahrlosten Datsche im Dörfchen Kersko unweit seiner Kindheitsstadt Nymburk hausende Schriftsteller auch im Sommer 1997 noch ein gefährlicher Staatsfeind, ähnlich wie Milan Kundera, Ludvík Vaculík oder der längst auf dem Hradschin residierende Václav Havel. Der real existierende Bohumil Hrabal ist da schon einige Monate tot: Beim Taubenfüttern ist er aus einem Prager Dachfenster gefallen – oder gesprungen, wie einige Jahre später der alte Erich Loest.

Jedenfalls: Erst der Besuch einer jungen Frau aus der Kreisstadt, die eine Hrabal-Gedenkstätte plant und dafür auf Dutkys einschlägiges Wissen zurückgreifen möchte, verändert alles und krempelt dessen bisherige Werte und Überzeugungen vollkommen um. Was naturgemäß dauert – und einerseits durchaus tragisch, andererseits aber höchst komisch vor sich geht. Zum Beispiel, wenn der Geist des Bohumil Hrabal seinen einstigen Bewacher heimsucht und die im Grunde sehr intime Beziehung zwischen Dichter und Spitzel als absurde, fast schon surreale Groteske entlarvt. Für Lacher ist jedenfalls gesorgt, und am Ende ist die ironische Wendung der Weltgeschichte auch dafür gut, aus einer radikal entwerteten Spitzelexistenz den idealen Museumsführer für Literaturtouristen zu machen. Ein lehrreiches und unterhaltsames Theaterstück ist das.

Dass, literaturwissenschaftlich betrachtet, noch sehr viel mehr in dieser Tragikomödie steckt als hier angedeutet, macht das Nachwort zum Hrabal-Stück überzeugend deutlich. Für die Herausgeber nämlich besteht, wie sie plausibel darlegen, eine weitere wichtige Dimension des Stücks in seinem „poetologischen Diskurs über ästhetische Prinzipien und Techniken der modernen Kunst“.

(c) Kritzolina, CC-BY-SA 4.0

Wen über die selbstverständlich auch als Hommage an einen großen tschechischen Dichter zu verstehende Dramenhandlung hinaus genau das näher interessiert, der wird sich den Poetikvorlesungen zuwenden, die unter dem Titel „Herr Schriftsteller, vergessen Sie die Mütze nicht!“ – Mitteleuropa und der gar nicht kalte Osten das dichterische Selbstverständnis des bayerisch-böhmischen Grenzgängerpoeten Bernhard Setzwein offenlegen und erläutern. Über sein schon für die Jahre 1980 bis 2004 erstaunlich umfangreiche Werk – von Setzweins Anfängen als rebellischer Mundartdichter im Kreis um den legendären Verleger Friedl Brehm über seine den Münchner Stadtteil Sendling poetisierenden Gedichte und Prosastücke sowie die der Kulturgeschichte Bayerns und speziell der Oberpfalz gewidmeten Bücher bis hin zum Buch der sieben Gerechten (1999) und der Grünen Jungfer (2003) – erfährt man hier auf immer nachvollziehbare und plausible Art und Weise allerlei Erstaunliches und Aufschlussreiches. Aus seinen literarischen Streifzügen und poetischen Abschweifungen erwächst ein durchlässiges, fast schwereloses und auf jeden Fall liebenswertes Mitteleuropa jenseits aller tagespolitischen Aufregungen. Eine lebendige, real existierende geistige Heimat. Bernhard Setzwein und seine Werke gehören dazu.

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Klaus Hübner, Dr. phil., wurde 1953 in Landshut geboren und legte sein Abitur am dortigen Hans-Carossa-Gymnasium ab. Er studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft in Erlangen und München und wurde 1980 mit der Studie „Alltag im literarischen Werk. Eine literatursoziologische Studie zu Goethes Werther" zum Dr. phil. promoviert. An der Universidad de Deusto in Bilbao (Spanien) war er von 1981 bis 1983 als DAAD-Lektor tätig. Später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Deutsch als Fremdsprache und am Institut für Deutsche Philologie der Universität München. Seit 1984 ist Hübner Redakteur der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“. In den Jahren 1985 bis 1999 war er hauptsächlich für den Münchner iudicium-Verlag tätig. Seit 2003 ist er außerdem Ständiger Sekretär des Adelbert-von-Chamisso-Preises der Robert Bosch Stiftung und im Zusammenhang mit dieser Position auch als Journalist und Moderator tätig. Seit 2012 ist Hübner Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Literatur in Bayern. Als Publizist veröffentlichte er zahlreiche Buchkritiken, Autorenporträts und andere Arbeiten in Zeitschriften, Zeitungen und Internetforen sowie mehr als 100 Lexikonartikel, z.B. für »Kindlers Neues Literaturlexikon«, das »Metzler Literatur Lexikon« und das von Walther Killy begründete »Literaturlexikon«.

 

 


Sekundärliteratur:

Bernhard Setzwein: Hrabal und der Mann am Fenster. Herausgegeben, kommentiert, erläutert und mit Materialien versehen von Hans-Peter und Kirsta Viola Ecker (Bamberger Texte für Bühne und Film; 3). Bamberg 2015 (University of Bamberg Press). 247 Seiten.

 

Externe Links:

Website der Zeitschrift Literatur in Bayern

Verlagswebsite

Website Bernhard Setzwein


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