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06.07.2016, 13:48 Uhr
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Das Münchner Literaturhaus zeigt eine Ausstellung mit Bildern von Wolfgang Herrndorf

Vom 6. Juli bis zum 25. September 2016 zeigt das Literaturhaus München in der Ausstellung Zitate – Bilder von Wolfgang Herrndorf mit rund 140 Exponaten eine weniger bekannte Seite des Autors: Bevor Herrndorf seine Karriere als Schriftsteller begann, studierte er Bildende Kunst und war als Maler und Illustrator tätig. Kuratiert wurde die Ausstellung aus dem privaten Nachlass des Autors von dem Berliner Künstler Jens Kloppmann gemeinsam mit Carola Wimmer, Wolfgang Herrndorfs Witwe.

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Berühmt geworden ist der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965-2013) 2010 mit Tschik, der Geschichte über einen Roadtrip zweier ungleicher Jugendlicher. Im gleichen Jahr erfuhr er von seiner Erkrankung an einem unheilbaren Hirntumor, über die er fortan in Arbeit und Struktur, einem Blog-Tagebuch, berichtete. Im Sommer 2013 wählte er den Freitod.

Weniger bekannt als der Autor ist dagegen der Maler Wolfgang Herrndorf. Mit der Veröffentlichung seines Debütromans In Plüschgewittern (2002) beendete er seine erfolgreiche Arbeit als Maler, Zeichner und Illustrator.

Von 1987 bis 1992 studierte Herrndorf in Nürnberg an der Akademie der Bildenden Künste. Es folgten zahlreiche Auftragsarbeiten unter anderem für Titanic, Tagesspiegel und den Haffmanns Verlag.

Eigene Ausstellungen veranstaltete der Künstler kaum, verkaufte und verschenkte nur wenige Originale. Einige der Bilder, mit denen er nicht zufrieden war, vernichtete er, einige weitere gelten als verschollen.

„Mit den letzten Umzugskartons Zeichnungen und Bilder eingetroffen, die Ölbilder fast alle beschädigt von vielen anderen Umzügen und jahrelanger unsachgemäßer Lagerung, Dellen, dicke mit dem Firnis unauflösbar verbundene Dreck- und Staubschichten. Würde ich am liebsten alles wegschmeißen. C. dagegen.“

Dennoch hinterließ Wolfgang Herrndorf rund 600 Malereien und Zeichnungen.

Aus diesem Fundus hat der Berliner Künstler und Kurator der Ausstellung im Münchner Literaturhaus, Jens Kloppmann, gemeinsam mit der Wittwe Herrndorfs, Carola Wimmer, rund 140 Bilder, Zeichnungen und Gouachen zusammengetragen, die alle unter dem Titel „Zitate“ stehen: Sie stellen den in Kunstgeschichte und verschiedensten Techniken geschulten Maler Herrndorf vor, ebenso wie den Satiriker, der für Titanic und Tagespiegel zeichnete, und den Illustrator, der für den Haffmann Verlag Buchcover gestaltete.

      

1) o.T., 1990 2) o.T., undatiert 3) o.T., undatiert © VG Bild-Kunst

Manche „Bildzitate“ sind sofort erkennbar, Herrndorfs große Vorbilder Raffael, Van Eyck, Vermeer etwa, andere sind subtil und versteckt, greifen „nur“ den Strich eines anderen Künstlers auf oder einen flüchtigen Slogan aus der Zeit. Textzitate bietet die Ausstellung dagegen bloß wenige, nur hier und da wird ein passender Auszug aus Arbeit und Struktur angebracht, in dem sich Herrndorf mit seiner Kunst auseinandersetzt.

„Ich tobe, ich beruhige mich, dann tobe ich wieder, angetrieben und aufgedreht von der immer wieder sofort in Motorik übersetzten Erkenntnis, daß alle in diese Bilder und Zeichnungen gesteckte Energie, daß zehn oder fünfzehn Jahre einsamer Arbeit sinnlos waren. Und daß noch einmal genauso viele Jahre, die ich seitdem – mit vielleicht etwas mehr Erfolg – ins Schreiben investiert habe, am Ende genauso sinnlos gewesen sein werden. […] Egal. Allein das Bild zeigt jemanden, dem es einmal nicht egal war.“

Als Autor wie als Maler war Wolfgang Herrndorf ein Perfektionist. Bei den Werken seiner Vorbilder wollte er wissen, „wie etwas gemacht war“, die „Mechanik dahinter verstehen“. Gleiches zeigte sich in seiner eigenen Arbeit: Er malte bis zur Erschöpfung, feilte an jedem Detail, wollte sich mit den Alten Meistern messen. Seinen hohen Erwartungen entsprachen seine Bilder jedoch nur selten. Seine Tätigkeit als Illustrator verstand er als Arbeit, nicht als künstlerische Verwirklichung. Diese bot ihm die Literatur:

„Ich kann sagen, dass ich in meinem Leben nichts getan habe, was ich nicht wollte. […] Illustrationen im Auftrag anzufertigen war ein Grenzfall, […] weil ich schon vor Ende meines Studiums nicht mehr malen wollte. […] Schreiben wollte ich immer.“

Handwerk und ein genauer Blick, Melancholie und Poesie finden sich in den Werken aus beiden Bereichen, in denen Wolfgang Herrndorf tätig war. Nur einmal vermischte er Bildende Kunst und Literatur ganz explizit und gestaltete das Cover für eines seiner eigenen Bücher.

           

1) o.T., undatiert 2) o.T., undatiert 3) o.T., undatiert © VG Bild-Kunst

Die Ausstellung im Münchner Literaturhaus setzt in ihrer Auswahl unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte: Es werden unter anderem Frühwerke aus dem Studium, Selbstportraits, die Auftragsarbeiten für Titanic, beispielsweise die Kruzifix-Serie oder die Serie zur Fußballweltmeisterschaft 2002, sowie der berühmte Kohl-Kalender und Illustrationen für die Publikation Die allerneueste klassische Sau des Haffmann Verlags gezeigt. Alle Arbeiten, ob Tuscheskizze oder Ölgemälde, zeugen von Herrndorfs Kunstfertigkeit als Zeichner und Maler, seinem kunsthistorischen Hintergrund, seinem Witz und seinem Gespür für die Popkultur.


Externe Links:

Informationen zur Ausstellung

Literaturhaus München

Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf im Rowohlt Verlag


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