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Auszug zur aktuellen Buchausgabe „Mark Twain in Bayern“

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„Die Bayern sind große, blendend aussehende Menschen“ vermerkte Mark Twain in seinem Notizbuch Ende Januar 1879. Ein halbes Jahr seines Lebens hat Twain – damals schon der weltberühmte Autor von Bestsellern wie Die Arglosen im Ausland (1869) oder Die Abenteuer des Tom Sawyer (1876) – in Bayern verbracht und sich dort pudelwohl gefühlt. In einem neu aufgelegten Band, herausgegeben von Michael Klein (Allitera Verlag), erscheinen die bayerischen Texte Mark Twains erstmals gesammelt – zum Teil in deutscher Erstveröffentlichung – und mit ausführlichen Einleitungen, die den Zusammenhang zwischen seiner Zeit in Bayern und seinem Werk aufzeigen. Das Literaturportal Bayern präsentiert mit freundlicher Unterstützung des Allitera Verlags einen Auszug daraus.

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Obwohl Mark Twain 1878/79 dreieinhalb Monate in München verbrachte, findet die Stadt in seinem Reisebuch Ein Bummel durch Europa kaum Erwähnung. Geplant hatte er es anders. München sollte im Gegenteil eine gehörige Rolle spielen, vergleichbar den Passagen über die Neckarfloßfahrt, Heidelberg oder die Tour durch die Schweiz, die lange Textstrecken in seinem im März 1880 erschienenen Buch ausmachen.

Mit Entwürfen über München hatte er begonnen, doch blieben seine Schilderungen sehr berichtsartig und während der Arbeit an seinem Buchmanuskript veränderten sich dessen Motive und Tonfall. Mark Twain verstärkte die fiktiven, flunkernden und humoristischen Elemente und am Ende stellte er fest, dass seine München-Texte sich in diesen Stil nicht mehr harmonisch würden einfügen lassen.

Wie viel Mark Twain insgesamt über München geschrieben hatte, ist heute nicht mehr eindeutig festzustellen, aber eine ganze Reihe Texte und Textstücke haben sich erhalten, sind an verschiedensten Stellen veröffentlicht worden oder finden sich in seinen Briefen und Notizen.

Der Leser sollte sich bei der Lektüre des Folgenden vor Augen halten, dass die »Münchner Impressionen« nie in dieser Form erschienen sind, sondern eine Zusammenstellung aus verstreuten Texten darstellen. Es ist ihnen das Spontane und Sprunghafte der unmittelbaren Eindrücke zueigen, nicht die Gesetztheit sorgfältig überarbeiteter, zusammenhängender Manuskripte.

[...] Eines der eindrücklichsten Erlebnisse in München begegnet Mark Twain am 9. Januar 1879, nämlich der alle sieben Jahre stattfindende Umzug der Schäffler (der in jenem Jahr insgesamt einen Zeitraum vom 7. Januar bis zum 23. Februar einnahm). Natürlich sind seine begeisterten Beschreibungen eine Einladung, das Altbekannte und Vertraute noch einmal neu und aus einem frischen Blickwinkel zu sehen.

Bei dem von Mark Twain erwähnten Grafen Rumford handelt es sich um den 1753 in Massachusetts geborenen Sir Benjamin Thompson, den einflussreichen Berater des bayerischen Kurfürsten Karl Theodor. Er stammte aus dem Städtchen Rumford in New Hampshire, ging 1784 nach Bayern und wurde dort zu einem der bedeutendsten Ideengeber und Reformer. Unter anderem war er für zwei Veränderungen zuständig, die Mark Twain ausführlich beschreibt: die Armenfürsorge und die polizeiliche Meldepflicht. Dass es ein Amerikaner war, der diese Neuerungen einführte, hat Mark Twain mit einem gewissen Stolz erfüllt und bezüglich der vorgeschriebenen Meldezettel seine Vorbehalte beschwichtigt. [...]

Buchpräsentation am 29. Juni 2016 im Amerikahaus: Herausgeber Michael Klein (l.) im Gespräch mit Verlagsleiter Alexander Strathern. Schauspieler Christian Natter trägt die Texte vor (c) Allitera Verlag

Münchner Impressionen

Bayern scheint ein klug regiertes Land zu sein. Man könnte vielleicht sogar noch eindeutiger sein und feststellen: Bayern ist ein klug regiertes Land. In jedem Land gibt es nur drei Leute: dich, mich und die Regierung. Meinem Urteil nach ist eine schlechte Regierung eine solche Regierung, die sich vor allem darum kümmert, dass es dir gut geht, während sie mich mir selbst überlässt, wohingegen eine gute Regierung lauter »Ichs« aus uns macht und sich deshalb um uns alle gleichermaßen kümmert.

Ich will es so erklären: Es mag dir eine große Freude bereiten, einen Hund zu halten und der Musik seines Gebells zu lauschen. Das bayerische Gesetz sagt: Du sollst keinen Hund dieser Art halten, denn sein Bellen wird mich mit ziemlicher Sicherheit belästigen. Deine Freiheiten werden beschnitten, gewiss; aber sie werden zu meinem Vorteil beschnitten, und deine Rechte werden nicht in einer Hinsicht verletzt, in der sie nicht verletzt werden sollten. Und tatsächlich haben Sie unmittelbar etwas davon – sie werden selbst zu einem der Ichs. Ich verspüre den Wunsch, meine Mülltonne oder ein anderes Hindernis auf meinen Bürgersteig zu stellen, damit es mir aus dem Weg ist, aber die Regierung erkennt, dass dies für dich eine Unbequemlichkeit bedeuten würde, und also verbietet sie die Sache. Ich darf nach zehn Uhr abends keine laute Gesellschaft mehr in meinen Räumen haben, denn es würde dich stören.

Freilich gab es ein bayerisches Gesetz, das mir zunächst lediglich zum Vorteil der Regierung zu sein schien und für dich und mich eine ausgesprochene Unterdrückung und unstatthafte Einmischung in unsere privaten Angelegenheiten darstellte. Es ist dasjenige, das von jedermann – Einheimischen ebenso wie Fremden – verlangt, zum Gebrauch der Polizei ein Formular etwa wie dieses auszufüllen:

1. Wie lautet Ihr vollständiger Name?
2. Wie alt sind Sie?
3. Welchen Beruf üben Sie aus?
4. Welche Religionszugehörigkeit besitzen Sie?
5. Wie heißen Ihre Eltern?
6. In welchem Land wurden Sie geboren?
7. Und in welchem Distrikt dort?
8. Von wo kommen Sie hierher?
9. Das Datum Ihrer Ankunft?
10. Besitzen Sie einen Pass?
11. Wie lange wollen Sie bleiben?
12. Straße und Hausnummer Ihrer Unterkunft?
13. Alter und Geburtsname Ihrer Frau?
14. Name und Alter Ihrer Kinder?
15. Name, Alter und Nationalität Ihrer Angestellten?

Ich glaube, ich habe nichts falsch wiedergegeben. Ich glaube, dies war präzise jener Fragebogen, den zu beantworten und zu unterschreiben einen Tag, nachdem ich in München angekommen war, von mir verlangt wurde. Es ist ein Gesetz, das auf dem ganzen Kontinent existiert und auch in allgemeinem Gebrauch ist, und doch war es so, dass es mir gegenüber niemals zuvor in Anwendung gebracht worden war. Ich füllte den Fragebogen aus und er ging ans Polizeihauptquartier.

Ich habe es nicht eben mit Freude getan, andererseits aber auch nicht mit allzu viel Verdruss; und doch missfiel mir dabei die Einseitigkeit, die mir in der Natur der Sache zu liegen schien. Die Regierung hatte mich auf diese Weise sogleich am Wickel, falls ich auf die Idee verfallen sollte, irgendwelche Mutwilligkeiten vollführen zu wollen, aber mir leuchtete nicht ein, wo mein Anteil am Vorteil der Sache ins Spiel käme.

Nachdem ich allerdings nachgedacht hatte, fand ich nicht, dass dieses Gesetz mich oder meine Würde verletzte, es sei denn, ich hätte mich entschlossen, zum Schurken zu werden. Es war schlicht nichts anderes als ein Gesetz gegen potentielle Schurken, und wir alle sind potentielle Schurken; jedes Gesetz gegen potentielle Schurken ist vermutlich ein gutes Gesetz, folglich musste dies zweifellos ein gutes Gesetz sein. Ein Gesetz zur Niederhaltung möglicher Schurkenhaftigkeit ist besser als ein Gesetz zur Bestrafung ausgeübter Schurkenhaftigkeit. Auf diese Weise betrachtet gehörte es zweifelsohne zur besten Sorte von Gesetzen.

Indem ich die Dinge auf diese Weise ansah, brachte ich es fertig, ein freundliches Gefühl gegenüber einer anscheinend verdrießlichen Anordnung zu gewinnen. Tatsächlich sah ich später ein, dass das Gesetz letztlich gar nicht so einseitig war, es hatte durchaus mögliche Vorteile für mich. Ich lernte hier einen Amerikaner kennen, dem es ganz gewiss zum Vorteil gereicht hatte.

Er machte Halt in einer Stadt des Kontinents, und kaum war er angekommen, wurde er verhaftet und ihm ein Verbrechen zur Last gelegt, das in einer etwa fünfzig Kilometer entfernt liegenden Stadt begangen worden war. Seine äußere Erscheinung entsprach der Täterbeschreibung; aber er konnte mit Leichtigkeit ein Alibi vorweisen, indem er aufzeigte, dass er just zur Stunde, als das Verbrechen verübt worden war, in der Stadt beim Polizeihauptquartier seinen ausgefüllten Fragebogen abgab, wie es das Gesetz vorschrieb. Ohne diesen glücklichen Umstand hätte er eine ganze Menge Unannehmlichkeiten und Zeitverlust gehabt, bis er aus der Klemme heraus gewesen wäre, und außerdem bestand ja ebenso die Möglichkeit, dass er vielleicht gar nicht aus ihr herausgekommen wäre.

Ein anderer Amerikaner erzählte mir, dass er, als er zum ersten Mal nach München kam, ein wichtiges Telegramm in Empfang genommen hatte, das ökonomisch lediglich mit seinem Namen und »München« adressiert war – nichts weiter. Es wurde ihm unverzüglich und ohne Zeitverlust in die Hände übergeben, was ihm eine beträchtliche Summe Geldes rettete. Er nahm an, dass der Telegrammbote seine Adresse beim Polizeihauptquartier erfragt hatte – ihm fiel keine andere Möglichkeit ein, wie er sonst an sie gekommen sein sollte.

In unruhigen Zeiten wird dieses System mit besonderer Strenge angewendet und jeder, der einen Fremden bei sich wohnen zu lassen wagt, ohne ihn bei der Polizei anzumelden, wird bestraft. Das macht es Flüchtigen vor dem Gesetz schwer, sich länger in der Stadt aufzuhalten, ohne entdeckt zu werden. Es ist wirkungsvoller als eine Armee von Polizisten.

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Die Wohnhäuser in München gruppieren sich in großen Blöcken rund um einen kleinen Innenhof. Die Blöcke bestehen aus einem Dutzend Häuser oder mehr – vier oder fünf Stockwerke hoch, Seite an Seite ohne sichtbare Verbindungsstelle oder Naht zusammengedrängt. Sie besitzen durchweg rückwärtige Türen, die in diesen engen, steingepflasterten Innenhof führen, in dem sich die Wasserzapfstellen befinden. Wenn man in einem dieser Innenhöfe steht, kann man leicht ermessen, wie viele Menschen in einen ganzen Häuserblock passen. Natürlich lebt niemand freiwillig auf diese Weise, aber die Grundstückspreise sind derart horrend, dass nur wenige Familien in München es sich leisten können, frei wie die Vögel ihr Nest für sich allein zu bauen; die überwiegende Mehrheit ist gezwungen, wie in einem Bienenstock zu leben.

Eine Straße mit Wohnhäusern in München sieht nicht schöner aus als eine Straße mit Wohnhäusern in London. Die Straße ist breit – das ist ein erfreulicher Anblick –, aber sie ist auch schnurgerade, was in Sachen Aussehen keine förderliche Eigenschaft darstellt. Die viereckigen Wohnblöcke – in der Form wie Kochherde, und einer wie der andere – stehen einander in endloser Perspektive gegenüber, ohne Unterbrechung oder Freiraum, der die melancholische Monotonie des Anblicks mildern würde. Sie erinnern mich, was die Form, Gleichartigkeit, Gedrängtheit der Linie und die Schmucklosigkeit angeht, an die Reihen von Kochherden, die ich in den Geschäften stehen sah, als ich ein Junge war, allerdings nicht in Bezug auf die Farbe, denn die Kochherde waren schwarz. Die Häuser hier sind von einem unschlüssigen Gelb.

Ich kann nicht entdecken, dass es für einen ganzen Wohnblock mehr als einen Haupteingang gibt, also sagen wir zum Beispiel: vier Eingänge zur Straße für ein Dutzend großer Wohnhäuser statt eines Eingangs für jedes von ihnen. Ich vermute, dass gelegentlich ein einzelnes innerhalb des Blocks seinen eigenen Eingang hat, aber ich spreche von der allgemeinen Regel. Das übliche Tor in der Front eines Blocks erinnert an ein Stück Eisenbahntunnel; ein Lastwagen könnte hindurchfahren, und es ist hoch genug, dass bequem zwei Lastwagen übereinander hindurch passen würden. Manchmal ist es mit groben Brettern ausgelegt, häufiger jedoch mit Steinen gepflastert. Abends macht man dort kein Licht, deshalb ist es stockduster. Der Tunnel führt zum Innenhof, doch in seiner Mitte gibt es auf beiden Seiten Holztreppen, die im Dämmerlicht (ich spreche jetzt vom Tag) Stockwerk um Stockwerk hinaufführen in dunkle, teppichlose Flure, die in die verschiedenen Verzweigungen des Wohnhauses weiterführen.

Die Zimmer sind hell und heiter, wenn man sie erreicht, aber man durchwandert das Tal der Schatten des Todes, um zu ihnen zu gelangen. Wenn man um halb zehn Uhr abends aus dem Theater zurückkommt, findet man kein Licht im Tunnel, und man findet manchmal auch keines auf dem Weg ins eigene Apartment, das am äußersten Ende eines verwinkelt sich in die Höhe windenden Ganges liegt; aber überall stehen Möbel herum, also geht man nicht verloren. Und dann die gefängnisartige Dicke der Mauern, die schreckliche, undurchdringliche Massigkeit dieser Häuser! »Das Haus eines Engländers ist seine Burg«, gewiss, das Haus eines Bayern ist seine Festung.

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Eines Abends besuchte ich ein Konzert in München, die Leute strömten herein, der Zeiger der Uhr zeigte auf sieben, die Musik hob an, und augenblicklich hörte jede Bewegung der Zuschauer im Saal auf – niemand stand mehr, niemand lief in den Seitengängen oder klapperte mit seinem Sitz herum, der Strom der Eintretenden war urplötzlich an seiner Quelle versiegt. Ich lauschte ungestört einem Musikstück, das fünfzehn Minuten lang dauerte – wobei ich die ganze Zeit über erwartete, dass nachzügelnde Karteninhaber an meinen Knien vorbeigeschlichen kämen, was jedoch zu meiner Freude nicht der Fall war –; aber sobald die letzte Note verklang, setzte der Strom wieder ein. Wissen Sie, man hatte von jenem Zeitpunkt an, als die Musik begonnen hatte, die Zuspätgekommenen im gemütlichen Vorraum so lange warten lassen, bis sie zuende war.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich diese Sorte Kriminelle an ihrem Privileg gehindert sah, einem ganzen Haus voller besserer Menschen die Freude zu rauben. Einige waren aus der höchsten Gesellschaft, aber nichts da! Sie mussten draußen im langen Foyer unter der Aufsicht einer Doppelreihe livrierter Diener und Aufwartemädchen ausharren, die die beiden Wände mit ihren Rücken stützten und die Pelze und Siebensachen ihrer Herrschaft auf ihren Armen hielten.

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Man sagt mir, dass man in einem Konzert oder einer Oper in Deutschland nur überaus selten ein Lied wiederholt und dass man, auch wenn man es ums Sterben unbedingt noch einmal hören möchte, durch seine gute Erziehung daran gehindert wird, nach einer Wiederholung zu rufen.

Könige hingegen dürfen Wiederholungen fordern, das ist eine vollkommen andere Sache. Jeder erfreut sich am Anblick des beglückten Königs, und gilt sein Wiederholungswunsch einem bestimmten Schauspieler, so sind dessen Stolz und Befriedigung schier grenzenlos. Und doch gibt es Umstände, unter denen selbst ein königlicher Wiederholungswunsch ...

Aber es ist sinnvoller, es an einem Beispiel zu illustrieren.

Der König von Bayern ist ein Poet und zeigt auch die Überspanntheiten eines Poeten – wobei er gegenüber allen anderen Dichtern den Vorteil besitzt, sie sich leisten zu können, ganz egal, welche Form sie annehmen mögen. Die Oper begeistert ihn, doch missfällt ihm, inmitten der Gegenwart eines Publikums zu sitzen. Deshalb kam es in München mitunter vor, dass wenn eine Oper beendet war und die Sänger und Sängerinnen gerade ihre Schminke und ihren Putz ablegten, ihnen die Anordnung überbracht wurde, beides wieder aufzutragen beziehungsweise anzuziehen. Wenig später erschien der König, einsam und allein, und die Musiker und Darsteller begannen von Neuem und spielten die gesamte Oper noch einmal für diesen einen Besucher, der im weiten, feierlichen Theatersaal das einzige Publikum darstellte.

Einmal setzte sich ihm eine merkwürdige Grille in den Kopf. Hoch oben und unsichtbar über der imposanten Bühne des Hoftheaters verläuft ein verwirrendes Geflecht verbundener Wasserrinnen, die dergestalt mit Öffnungen versehen sind, dass man aus ihnen im Falle eines Feuers unzählige dünne Wasserstrahlen herunterrieseln lassen kann; und falls es nötig sein sollte, ist es möglich, diesen Auslass bis zu den Ausmaßen einer prasselnden Flut zu steigern. Amerikanische Theaterdirektoren sollten sich das ruhig merken. Der König war das einzige Publikum. Die Oper schritt voran, es war ein Stück, in dem ein heftiger Sturm vorkam. Der künstliche Bühnendonner begann zu grollen, der künstliche Bühnenwind wimmerte und heulte und der künstliche Bühnenregen begann zu prasseln. Das Interesse des Königs steigerte sich mehr und mehr, bis er in einen regelrechten Enthusiasmus geriet.

»Großartig«, rief er aus, »es ist großartig, wirklich! Aber ich will richtigen Regen! Stellt das Wasser an!«

Der Direktor bat angesichts der immensen Kosten für die Kulissen und die herrlichen Kostüme, die das Wasser ruinieren würde, darum, die Anordnung wieder zurückzunehmen, doch der König rief:

»Ach was, das spielt doch keine Rolle, ich will echten Regen! Stellt das Wasser an!«

Infolgedessen wurde der echte Regen angedreht und begann, in feinen Fäden auf die künstlichen Blumenbeete und Kieswege auf der Bühne zu rieseln. Die teuer bekleideten Darstellerinnen und Darsteller staksten auf Zehenspitzen singend über die Bühne und taten so, als mache ihnen das alles nichts aus.

Der König fand’s prächtig – seine Begeisterung stieg ins Unermessliche.

»Bravo!«, schrie er. »Bravo! Mehr Donner! Mehr Blitze! Und dreht den Regen noch weiter auf!«

Der Donner schwoll, die Blitze blendeten, der Sturm raste, die Sturzfluten ergossen sich nieder. Die Schauspieler auf der Bühne, denen die durchnässten Satinkostüme am Körper klebten, wateten durch knöcheltiefes Wasser, trällerten süß und herrlich ihr Bestes, die Geiger fiedelten im Bühnengraben, als ginge es um ihr Leben, während ihnen das kalte Nass in den Nacken rauschte – und der trockene und glückliche König saß in seiner luftigen Loge und applaudierte furios, bis die Nähte seiner Handschuhe platzten.

»Noch mehr«, schrie der König, »noch mehr! Lasst den ganzen Donner auf einmal los und dreht das Wasser bis obenhin auf! Und wehe, es spannt einer einen Schirm auf, der wird gehängt!«

Als dieser wuchtigste und wirkungsvollste Sturm, den je ein Theater gesehen hatte, schließlich verebbte, war der Beifall des Königs grenzenlos.

»Fantastisch«, rief er aus, »fantastisch! Noch einmal! Los, das Ganze von vorn!«

Doch dem Direktor gelang es ihn zu überzeugen, seine Wiederholungsrufe einzustellen, indem er erklärte, die Truppe würde sich durch die bloße Tatsache, dass seine Majestät eine Wiederholung erbitte, hinreichend belohnt und geehrt fühlen, ohne ihn, nur um ihrer eigenen Eitelkeit willen, durch eine tatsächliche Ausführung ermüden zu wollen.

Während des restlichen Aktes waren jene Darsteller die glücklichsten, deren Rollen einen Kostümwechsel erforderten; die anderen zeigten sich als durchnässter, verzweifelter und begossener Haufen, wenn auch nicht ohne Reiz des Malerischen. Die Bühnenkulissen waren ruiniert, die Versenkungen derart aufgequollen, dass sie noch eine ganze Wochelang nicht mehr funktionierten, die edlen Kostüme waren zuschanden, und endlose weitere kleinere Zerstörungen hatte dieser bemerkenswerte Sturm zurückgelassen.

Dieser Sturm war eine königliche Idee, und sie wurde wahrhaft königlich ausgeführt. Doch beachte man die Zurückhaltung des Königs – er bestand nicht auf seiner Wiederholung. Wenn er ein munteres, oberflächliches amerikanisches Opernpublikum gewesen wäre, er hätte den Sturm wahrscheinlich ein ums andere Mal wiederholen lassen, bis all diese Leute ertrunken gewesen wären.

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Auf dem etwa anderthalb Kilometer langen Weg zu meinem Arbeitszimmer sah ich eine Gruppe von etwas über zwanzig jungen Leuten, die in der Öffentlichkeit ein Schauspiel aufführte, das meine äußerste Neugier erweckte.

Wir hatten den 9. Januar. Als ich mein Arbeitszimmer erreichte, fragte ich meine deutsche Vermieterin danach. Sie sagte, das wären die Schäffler gewesen. Ich wusste nicht, was ein Schäffler ist, aber aus ihren Erklärungen entnahm ich, dass er so eine Art Böttcher oder etwas Ähnliches ist. Sie sagte, es sei sein Handwerk, die Fässer in den Brauereien und Weinkellern zu reparieren und aufzustellen.

Dann erklärte sie den Ursprung jenes Schauspiels, dessen Zeuge ich gewesen war. Vor siebenhundert Jahren wurde München von einer solch verheerenden Pest heimgesucht, dass nach für nach die Menschen allen Mut verloren, sich in ihren Häusern einschlossen und sagten: »Soll der Tod kommen, wenn es sein muss – es hat keinen Sinn mehr, irgendetwas zu tun.« Als dies eine Weile so gegangen war, leisteten die allgemeine Furcht und Verzweiflung der Seuche fünffach Vorschub; die Toten blieben unbegraben, das Gras wucherte hoch auf dem Markplatz. Die Ärzte erklärten, diese verhängnisvolle Lethargie müsse gebrochen werden, sonst sei die Stadt dem Untergang geweiht. Doch all ihre Bemühungen, all ihr Warnen und alle Vorhaltungen waren vergeblich – die Türen blieben verschlossen, die Menschen zitterten vor Angst. Seufzen und Wehklagen überall, aber nirgends ein rettendes Lächeln, nirgends der heilsame Einfluss eines heiteren Gesichts.

Da schlossen sich die Schäffler zu einem Bund zusammen, um ihre Stadt zu retten. Sie gaben nicht nur ein Beispiel an Unerschrockenheit, indem sie in die verlassenen, menschenleeren Straßen traten, sondern sie trugen auch immergrüne Symbole der Hoffnung. Sie kleideten sich in fantastische Kostüme, nahmen Musikinstrumente mit und marschierten zu den belebenden Klängen der alten bayerischen Musik. Wo immer sie auf diese Weise hinkamen, erhoben diese lieben, vergessenen Klänge die Herzen; die Leute liefen zu den verriegelten Fenstern, warfen die Läden weit auf, sodass das zuvor ausgeschlossene Sonnenlicht hereinstrahlte, und sie standen da und warfen Handküsse und murmelten ihre Willkommensgrüße, während ihnen die Tränen die Wangen hinunterliefen.

Als die Schäffler die Schleusen der Tränen der Menschen geöffnet hatten, war die erste Hälfte ihres Vorhabens getan. Jetzt begannen sie einen wunderlichen, eigentümlichen Tanz, dessen anmutige Windungen und Verzierungen jedermann in den Bann eines bezauberten Interesses schlugen und alle Sorgen in den Schlaf hexten; eine Tür öffnete sich, dann eine andere, und jetzt traute sich ein Mann, jetzt eine Frau und nun ein junges Mädchen ins Freie; zwei Clowns begannen ihre Scherze und Possen zu machen. Ehe sie sich’s versahen, verfielen die Menschen in Gelächter, und München war gerettet.

Folglich nahmen die siegreichen Schäffler ihren Marsch wieder auf und zogen von Straße zu Straße, und eine eifrige Menge folgte ihnen. Wo immer sie hinkamen, befreite ihre Musik die verschlossenen Tränen, erweckte ihr Tanz das verschüttete Interesse am Leben, und ihre Späße und ihr Schabernack reizten zur Wiedererlangung des Lachens und vollendeten die Heilung. Die Straßen belebten sich wieder. Das Gras auf dem Marktplatz verschwand, und die besiegte Pest schlich sich aus der Stadt.

In dankbarer Anerkennung dieser so dringlichen Erlösung verlieh der Magistrat den Schäfflern bestimmte Ehren und Privilegien und ordnete an, dass sie ewig bestehen sollten; und derart unverbrüchlich ist die Erinnerung an die gute Tat, dass durch alle Wechsel der Regierungen und Veränderungen der Zeit während siebenhundert Jahren hindurch diese Ehren und Privilegien niemals angetastet wurden, sondern bis zum heutigen Tag in unverminderter Gültigkeit bestehen. Und in jener alten Zeit verpflichteten die Schäffler sich selbst – und banden sich und ihre Nachfahren für immer mit einem Schwur –, alle sieben Jahre, solange München bestehen wird, in Erinnerung an die tapfere gute Tat und an die Rettung, die sie mit sich brachte, durch die Straßen zu ziehen, Immergrün zu tragen, ihre alte Musik zu spielen, ihre alten Tänze zu tanzen und ihre alten Späße zu erneuern.

So erzählt es die hübsche Legende, und ich habe nie eine hübschere gehört oder eine, die mich tiefer berührt hätte, und das, obwohl der Glanz ihrer einfachen Poesie durch den undeutlichen Filter einer ungewohnten Sprache scheinen musste.

Als ich die Schäffler sah, marschierten sie zwanzig Mann stark durch die Barerstraße, wobei einer ihrer beiden Kasperln unmittelbar vorausging; er trug einen großen Hut, aus dem lustige Federn staken, außerdem einen Anzug aus leuchtend kariertem Stoff, der seinen ganzen Körper bedeckte, und trug einen langen, blauen Stab, den eine goldene Königskrone überragte. Mit seinem Stab gab er dem Marsch seinen Rhythmus, ihn in militärischer Art schwingend, und dann und wann schwenkte er herum und lief rückwärts, während er den Schritt seiner Truppe dirigierte.

In Intervallen nahm er groteske Posen an, schnitt Grimassen oder erhaschte einen Kuss von einer der begeisterten Damen oder einem jungen Mädchen in der Zuschauermenge, oder er gab jemandem einen raschen Schlag mit dem Narrenstab auf die Schultern. Seine Narreteien wurden freudig aufgenommen und mit Applaus und Gelächter bedacht. Die Musiker, schwarz gekleidet und mit breiten, mausgrauen Schlapphüten, folgten ihm, während der zweite Kasperl im Glied der Schäffler mitmarschierte.

Die Schäffler waren ohne Pause ein herrlicher Anblick. Es waren durchweg kräftige, junge Burschen von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit blonden Locken und frischen, intelligenten Gesichtern. Sie trugen grüne Samtkappen, die mit Silber verziert und mit einer blauweißen Feder geschmückt waren, dazu weiße Hemden, schwarze Halsbinden und leuchtendrote Jacken; weiße Westen, schwarze Kniehosen, schneeweiße Strümpfe, auf Kniehöhe festgemacht; und dazu Schuhe mit großen, altmodischen Silberschnallen. Wie alle Umzugskostüme in Deutschland leuchteten und glänzten sie und waren brandneu.

Zwei der Männer trugen ein frisches Fass, das zwischen ihnen schaukelte, und ein weiterer hatte ein kleines Fässchen auf seinen Schultern. Alle trugen Blumengewinde aus Immergrün, dick wie der Arm eines Mannes und gut anderthalb Meter lang. Sie waren in die Form eines Bogens gebracht und reichten von der einen Seite der Reihe über Kopf bis zur anderen; folglich sah es, als der prächtige Trupp die Straße heraufkam, aus, als marschiere er unter einem langen immergrünen Bogengang.

Ich begegnete den Schäfflern etwas später wieder, weiter unten in Richtung des großen Triumphbogens. Sie befanden sich vor dem Haus des Grafen D., und der ganze Haushalt versammelte sich in den Fenstern und auf den Balkonen, um ihrer Darbietung zuzusehen. Eine große Menge blockierte die Straße, und alle Gefährte mussten sich einen anderen Weg suchen. Natürlich blieb ich wieder stehen und sah ihnen zu.

Die Schäffler begannen ihren Tanz, vollkommen im Takt der Musik, und drehten sich einwärts und auswärts in allerlei Formen anmutiger und komplizierter Figuren, mit solcher Leichtigkeit, Präzision und Sicherheit, wie sie nur langes und aufrichtiges Üben dieser komplizierten Figuren hervorbringen kann. Die schmückende, malerische Pracht, die die Bögen aus Immergrün hervorriefen, die mit der Bewegung der Tänzer auf- und abschwangen und aus einer wohlgestalteten, schönen Figur in die nächste verschmolzen, und diese erneut in die nächste und immer so weiter, fügten dem Schauspiel eine verzaubernde und verwirrende Vielfalt hinzu.

Dann stellte sich ein Schäffler auf ein Fass und führte einige gefällige und schwierige Kunststücke mit zwei seidenbedeckten Fassreifen vor, die er um seinen Kopf und zwischen seinen Beinen hindurch wirbeln und schwingen ließ; und als er sie plötzlich zum Stillstand brachte, erkannte ich, dass die ganze Zeit über drei kleine Weingläschen in ihrem inneren Zentrum gestanden hatten. Er gab die Reifen und, bis auf eines, die Gläser einem der Kasperln, dann sah er zum Balkon des Grafen hinauf, trank auf dessen Gesundheit, verschüttete ein bisschen Wein als Opfergabe auf den Boden und warf das Glas hoch über seine Schulter nach hinten, wo es einer der Kasperln mit seinem Hut auffing. Dann ließ der Schäffler drei Hurra-Rufe auf den Grafen erschallen. Anschließend überließ er den Platz auf dem Fass einem Kameraden, der die Reifen schwang, aber inmitten seines Tuns die Gläser anstieß, sodass er den Wein verschüttete. Rasch wurde ihm ein volles Glas gereicht und er versuchte, auf das Wohl der Gräfin zu trinken, jedoch war er derart verlegen, dass er inmitten seiner Rede zusammenbrach, ins Stammeln geriet und in einem anmutigen Stillstand verharrte.

Die Gräfin winkte mit ihrem Taschentuch und schenkte ihm ein freundliches Lächeln. Er dankte es ihr mit einer Verneigung, drei Hurra-Rufe kamen auf sein Kommando, dann sprang er hinab und er war seiner Sorgen ledig.

Alle sieben Jahre ziehen die Schäffler auf diese Weise durch die Straßen und werden überall von den Menschen willkommen geheißen. Was sie tun, würde jeden Fremden erfreuen und interessieren; aber was ihr Schauspiel den Münchnern bedeutet, die die alte Tradition kennen und lieben, kann kein Fremder abschätzen oder zu ermessen hoffen. Dieser Erinnerungsbrauch hat seine Würde und darf nie zu einer billigen Narretei verkommen. Im Januar 1886 werden die Schäffler das nächste Mal wieder ihre Runden durch die Straßen Münchens ziehen, wie es ihre Vorgänger alle sieben Jahre während siebenhundert Jahren taten – und möge ich dort sein, um es mir anzuschauen!


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