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Über Theodor W. Adornos Kindheitsort Amorbach

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Spiegel bayerischer Literatur und Kultur, fundiert und unterhaltsam, Essays, Prosatexte und Gedichte von prominenten und unbekannten Autoren: Das ist die Zeitschrift Literatur in Bayern. Seit 30 Jahren informiert sie über das literarische Geschehen des Freistaats. Der folgende Beitrag erschien in der Ausgabe 123 (2016).

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Die gezähmte Wildsau

von Klaus Hübner

 

Wer kennt Amorbach, Landkreis Miltenberg, die kleine Barockstadt im westlichen Unterfranken, einst Sitz einer berühmten Benediktinerabtei und später Residenz der Fürsten von Leiningen? Wer weiß, dass die unbedingt sehenswerte Stadt unweit der Grenze zu Baden, von der aus es nur 80 Kilometer nach Frankfurt am Main sind, seit exakt zweihundert Jahren zu Bayern gehört? In der südlichen Hälfte des Freistaats dürfte es nicht allzu viele Zeitgenossen geben, die von sich behaupten können, Kenner des bayerischen Odenwalds zu sein oder wenigstens schon mal am Amorbacher Marktplatz einen Kaffee getrunken zu haben. Obwohl der ausnehmend schön ist. Literatur in Amorbach? Na ja, ehrlich gesagt: Sonderlich bedeutende Poeten hat die Stadt bisher noch nicht hervorgebracht. Aber es gab einen Geistesriesen, der drei Jahre vor seinem Tod ganz ohne Zögern bekannte: „Zu Unrecht und zu Recht ist mir Amorbach das Urbild aller Städtchen geblieben, die anderen nichts als seine Imitation“.

Theodor Wiesengrund Adorno! Ich weiß noch heute, wo und wie ich mir von meinem garantiert nicht üppigen Schüler-Taschengeld die Ästhetische Theorie kaufte, den allerersten Band der bald legendär werdenden Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft (stw), wie ich anfing zu lesen, im Grunde nichts verstand und dennoch nicht aufhören konnte mit der Lektüre. Dieser souveräne Überblick! Diese gedankliche Weite! Und vor allem: diese eigentümliche Sprache! Faszinierend! In der Studentenzeit kamen dann Noten zur Literatur, Minima Moralia, Dialektik der Aufklärung und andere Bücher hinzu. Was ich damals nicht wusste: Im Jahr 1966, vor genau einem halben Jahrhundert, hatte der weltberühmte Philosoph in der Süddeutschen Zeitung sechzehn autobiografische Miniaturen veröffentlicht und sie mit einer schlichten Überschrift versehen: Amorbach.

Der 1903 in Frankfurt am Main geborene Professor, der nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil an der Universität seiner Geburtsstadt wirkte und dort mithalf, die sogenannte „Frankfurter Schule“ zum Blühen zu bringen, war damals auch für Polito- und Soziologen, für Literatur- wie Musikwissenschaftler eine Autorität, bekannt nicht nur durch seine Bücher, sondern auch durch seine Radiosendungen und Fernsehauftritte. Ein Mann von Welt, wie man damals oft sagte, war dieser deutsch-jüdische Intellektuelle sowieso.

Als kleiner Hessenbub indes, den alle Welt „Teddy“ nannte, verbrachte er seine Ferien, zusammen mit den Eltern und einigen anderen Verwandten, fast immer an einem einzigen Ort: in Amorbach. Und dieses Amorbach, wo die im Kaiserreich recht strengen Regeln der Eltern- und Schulwelt außer Kraft gesetzt schienen, wurde für Adorno „Synonym für das Glück, die Sehnsucht und die ‚Wärme der Kindheit‘“, wie Reinhard Pabst bemerkt, der kundige Herausgeber des schönen Taschenbuchs Kindheit in Amorbach. Und darüber hinaus, wie der große Philosoph selbst im Juni 1945 an Thomas Mann geschrieben hatte, Synonym für den „Traum einer von Zwecken nicht entstellten Welt“, einer nicht entfremdeten, friedlichen und lebenswerten Welt, die auch auf „Respektspersonen“ verzichten kann, weil dort alle Menschen einander respektieren. In Amorbach wurde der junge Adorno schon mal auf eine Alternative zur herrschenden Ordnung aufmerksam: „Dort erschien eine Respektsperson, die Gattin des Eisenbahnpräsidenten Stapf, in knallrotem Sommerkleid. Die gezähmte Wildsau von Ernsttal vergaß ihre Zahmheit, nahm die laut schreiende Dame auf den Rücken und raste davon. Hätte ich ein Leitbild, so wäre es jenes Tier“.

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Klaus Hübner, Dr. phil., wurde 1953 in Landshut geboren und legte sein Abitur am dortigen Hans-Carossa-Gymnasium ab. Er studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft in Erlangen und München und wurde 1980 mit der Studie „Alltag im literarischen Werk. Eine literatursoziologische Studie zu Goethes Werther" zum Dr. phil. promoviert. An der Universidad de Deusto in Bilbao (Spanien) war er von 1981 bis 1983 als DAAD-Lektor tätig. Später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Deutsch als Fremdsprache und am Institut für Deutsche Philologie der Universität München. Seit 1984 ist Hübner Redakteur der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“. In den Jahren 1985 bis 1999 war er hauptsächlich für den Münchner iudicium-Verlag tätig. Seit 2003 ist er außerdem Ständiger Sekretär des Adelbert-von-Chamisso-Preises der Robert Bosch Stiftung und im Zusammenhang mit dieser Position auch als Journalist und Moderator tätig. Seit 2012 ist Hübner Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Literatur in Bayern. Als Publizist veröffentlichte er zahlreiche Buchkritiken, Autorenporträts und andere Arbeiten in Zeitschriften, Zeitungen und Internetforen sowie mehr als 100 Lexikonartikel, z.B. für »Kindlers Neues Literaturlexikon«, das »Metzler Literatur Lexikon« und das von Walther Killy begründete »Literaturlexikon«.

 


Sekundärliteratur:

Theodor W. Adorno: Kindheit in Amorbach. Bilder und Erinnerungen. Mit einer biographischen Recherche herausgegeben von Reinhard Pabst. Frankfurt am Main / Leipzig 2003 (insel taschenbuch 2923).

 

Externe Links:

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