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14.06.2016, 16:39 Uhr
Lena Gorelik
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© Gerald von Foris

Die Autorin Lena Gorelik besucht einen Ort ihrer Kindheit, ihrer Flucht. Die Geschichte einer Rückkehr

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CC BY-SA 3.0 Oxfordian Kissuth

Die renommierte, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Lena Gorelik lebt in München. Ihr jüngster Roman Null bis unendlich erschien 2015. Auch als gesellschaftspolitische Autorin meldet sich Lena Gorelik immer wieder zu Wort: Sie schreibt Essays, etwa über Antisemitismus in Hoch- und Populärkultur, gehört zu den Autorinnen und Autoren von Fremd, einer Anthologie gegen Fremdenfeindlichkeit, und unterstützt das Aktionsbündnis Wir machen das. 1992 kam sie als Flüchtlingskind nach Deutschland. Nun ist sie noch einmal an den Ort zurückgekehrt, an dem sie mit ihrer Familie damals ihre erste Unterkunft zugewiesen bekam.

*

Das Gefühl von Fieber

 

Meinem Zuhause haben sie den Stacheldraht abgenommen. Er fehlt mir heute, der es mir so lange schwer machte, diesen Ort als das zu sehen, was er gegen meinen Wunsch war: mein Zuhause, mein deutsches. Mein erstes deutsches. Meine Geschichte, die hier beginnt. Und möglicherweise bin ich es, die hier beginnt.

Den Stacheldraht haben sie abgenommen, die Holzbaracken haben sie abgerissen, und nun ist es ein einfacher Metallzaun, der das Gelände umgibt. Es ist kleiner als in meiner Erinnerung, das Weiß der zweistöckigen Häuser inzwischen ergraut, obwohl wir damals genau so unterschieden haben: wer das Privileg hatte, in den weißen Häusern zu leben. Und wer zur Holzbaracke verdammt war. Verdammt.

Da, wo sich unsere Baracke früher befand, wächst Gras, und im Gras stecken Holzpfeiler, die zeigen, wo diese Baracke früher einmal stand. Die Strecken zwischen den Holzpfeilern laufe ich ab, außen waren die Holzbretter dunkelbraun angemalt, innen aber, in den Zimmern, sah das Holz aus wie Holz. Es sah aus wie Holz, es roch aber nicht nach Holz; es stank. Das Wohnheim stank; man stank.

Die Strecken, die ich zwischen den Pfeilern ablaufe, sind kurz, so kurz, dass ich mir das nicht vorstellen kann: Hier, auf dieser Fläche, haben doch siebzig Menschen gelebt. Geschlafen, sich eine Küche, eine Dusche geteilt. Gelernt, gespielt, gestritten, wenig gelacht und das Lieben möglicherweise vergessen. Wenn die Erinnerung in meine Knochen kriecht, ist mir kalt, muss ich die Augen schließen. An der Kälte halte ich mich fest, sie ist konkret, und sie ist heute, und ich schaue an mir herunter, an dem teuren, grau-schwarz-melierten Mantel, der mir, wie so vieles in meinem Leben, beweisen soll, dass ich nicht von hier komme. Nicht von hier. Aber heute ist der Mantel nicht Beweis genug.

Erinnerung, erzählbare Geschichten

Damals: Damals war ich ein Kind, elf Jahre alt, ein Flüchtlingskind, sie steckten uns hier herein, und hier blieben wir anderthalb Jahre: meine Eltern, meine Großmutter, mein Bruder und ich. „Russisch Zapp Zarapp“, riefen die anderen, als wir ankamen, obwohl wir doch Juden waren, wenn auch aus Russland, die anderen, die kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Afrika, ich hatte noch nie vorher schwarze Menschen gesehen. Ich hatte noch nie vorher Deutschland gesehen. Ich hatte noch nie vorher Stacheldraht gesehen.

Sie steckten uns hier hinein, und hier blieben wir, zu fünft in ein Zimmer gedrängt, zwei Stockbetten aus braunem Metall, ein Tisch dazwischen, ein orangefarbener Schrank. Eine Matratze für meinen Bruder, die mein Vater jeden Morgen hinter den Schrank presste, und als mein Bruder später zum Studieren weg zog, das Gefühl von Freiheit: Das zwölf Quadratmeter große Zimmer erschien mit einem Mal groß. Vom Sperrmüll schleppte ich eines Tages stolz einen grünen Sessel an, und mein Vater schickte mich wieder zurück, wohin damit, aber die rote Stoffmaus, die ich am selben Tag fand, die durfte ich behalten.

Unsere Erinnerungen legen wir uns zurecht in erzählbare Geschichten. Ich hatte mir auch eine zurecht gelegt, und ich achtete darauf, sie so zu erzählen, dass man lachen durfte über mein Unglück: Wenn ich gefragt wurde, wie es war, neu in einem Land zu sein und die Sprache nicht zu verstehen, so erzählte ich, anfangs habe ich die Schulfächer, aufgrund nicht vorhandener Sprachkenntnisse, anhand der verschiedenfarbigen Heftumschläge unterschieden: Montags hatte ich gelb, blau, zwei Mal rot und dann grün, dienstags blau, gelb, orange, braun, grün. Ich erzählte, wie ich die Sprache aufsog, wie ein hungriges Tier schnappte ich nach Worten, hielt sie mit aller Kraft fest, ließ sie auf der Zunge zergehen: Monatelang antwortete ich mit „meinetwegen“ auf jede mir gestellte Frage. Ich wusste nicht, ob das Wort „ja“ oder „nein“ bedeutete, aber ich mochte den Klang. Als ich genug Worte gesammelt hatte, schrieb ich ein Buch, in dem auch das Flüchtlingswohnheim eine Rolle spielte, und über das Wohnheim schrieb ich: ein Zuhause, für das ich mich bis auf die Knochen schämte, und ich freute mich an der Sprache, die die meine geworden war. Meine Geschichte hatte ich mir zurecht gelegt und so gefaltet, dass ich sie vorzeigen konnte. Nichts davon war gelogen, und nichts war erzählt.

Das Flüchtlingswohnheim habe ich, nachdem wir dort anderthalb Jahre später ausgezogen waren, nie wieder besucht. In der neuen Wohnung liefen wir in den ersten Wochen alle die Wände entlang und streichelten diese im Dank dafür, dass sie kein Ende zu nehmen schienen, und meiner Mutter und meiner Großmutter liefen die Tränen herunter. Wenn ich mich meiner Familie schämte, so tat ich das inzwischen auf Deutsch.

Ich litt unter schlimmen Nebenhöhlenentzündungen, die Holzbaracke wurde nicht beheizt, der HNO-Arzt stach mir wöchentlich Spritzen durch die Stirnhöhlen, während er in einer Sprache auf mich einredete, die ich nicht verstand, und vorher schlug ich auf meine Mutter ein, weil sie mich diesem Mann überließ. Abends kam das Fieber, es kam der Husten, meine Großmutter weinte immerzu, nicht aus Sorge um meine Gesundheit, sie weinte, weil sie dieses neue Leben nicht verstand. Meine Eltern weinten nie.

Das Kind

Mir ist kalt, und das Flüchtlingswohnheim kriecht in mich hinein und breitet sich aus wie ein Fieber. Am nächsten Morgen stehe ich auf, zu früh, von der Angst vor Erinnerungen aus dem Bett gejagt, und mir fehlt die Erkältung, mir fehlt die verstopfte Nase und der Halsschmerz beim Schlucken. Das Fieberthermometer zeigt 36,9°, Kopfschmerzen habe ich nicht, aber der Körper fühlt sich fiebrig, es schüttelt mich, ich setze mich auf den Boden mit dem Rücken an die Heizung. Ich wurde überfahren. Hör mir zu, sagt mir jemand, der mich sehr gut kennt, hör mir genau zu. Das war einmal. Das Flüchtlingswohnheim, das bist nicht du. Das sagt er, aber er behält nicht Recht. Ich bin das Kind, das vor einem Lastwagen stand und Essenspakete entgegen nahm, Dosen mit passierten Tomaten und Mais und Thunfisch, es trug sie ins Zimmer und stellte sie auf das Fensterbrett, weil in der Küche wurden Lebensmittel ständig geklaut. Ich bin das Kind, das bis heute keine Dosen erträgt. Ich bin das Kind, das sich nachts in den Schlaf zu husten versucht, das von Geräuschen so vieler Fremder geweckt wird, sobald es den Schlaf mal findet. Das Kind liegt im oberen Stockbett und zählt die Löcher in der weißen Decke, und wenn es geweckt wird, so vergräbt es die Nase in der blau-karierten, unangenehm gestärkten Bettwäsche, die alle zwei Wochen beim Wohnheimchef, einem Bulgaren, den die Erwachsenen regelmäßig für unterschiedliche Zwecke zu bestechen versuchen, gewechselt werden kann. Das Kind ist zu einer Frau geworden, und die Frau hat in verschiedenen Ländern, Städten gelebt, in vielen Wohnungen, Häusern, Hotels, in Hunderten Betten geschlafen, aber jedes verlassen, sobald sie karierte Bettwäsche sah. Ich fühle mich fiebrig, auch noch zwei Tage nach diesem Besuch, auch als meine Mutter mich fragt: Wie war es denn nun, im Wohnheim? Ich gebe keine Antwort darauf, weil die Antwort nur eine Frage sein kann: Warum hast du niemals geweint?

Wir legen uns unsere Geschichten zurecht. Ich habe geweint, sagt meine Mutter, heimlich habe ich geweint, nachts habe ich geweint, immer nur um dich. Um mich, wundere ich mich und blicke sie endlich an, weil ich mich nicht an ihre streichelnden Hände erinnern kann und auch nicht an beschützende Worte. Ja, immer nur um dich, weil ich dachte, dein Bruder ist groß, deine Großmutter hat ihr Leben gelebt, dein Vater kommt schon zurecht, aber was wird mit dir, wenn mir etwas zustoßen sollte, was wird mit dir, du kennst keinen Menschen in diesem Land.

Nachts, sagt meine Mutter, wenn du gehustet hast, damals, als du so krank warst, und ich unterbreche sie, ja, ich weiß, die Wände waren so dünn, sagt meine Mutter. Die Wände zwischen den Zimmern wie die Außenwände: dünne Holzbretter, aneinander gezimmert, und die lustigen Geschichten aus dem Wohnheim gehen so: Fragte einer in seinem Zimmer, wie das Wetter heute sei, so antwortete jemand, der drei Zimmer weiter lebte, die Sonne wird scheinen. Nachts, sagt meine Mutter, wenn du gehustet hast, damals, als du so krank warst, da schrie der Mann aus dem Zimmer nebenan, dessen viel jüngere Frau ihm immerzu drohte, ihn zu verlassen, warum nur habe er sie her gebracht: Tut das Kind weg! Bringt eure Tochter raus, so kann meine Frau nicht schlafen! Weißt du noch, sagt meine Mutter, nächtelang saß ich neben dir, habe deine Brust gestreichelt, damit der Husten aufhörte, und deine Stirn glühte immerzu. Ich erinnere mich nicht, und ich sage nicht, aber ich habe doch oben im Stockbett geschlafen, wie willst du da neben mir gesessen haben. Ich weiß nichts, die Erinnerung betrügt mich, seit ich das Wohnheimgelände nach dreiundzwanzig Jahren wieder betreten habe. Was hat mein Vater gemacht, hat er den Mann zurück angebrüllt, frage ich, und meine Mutter zuckt nur mit den Schultern, das weiß ich nicht mehr, auch sie von der Erinnerung betrogen.

Ich betrete eines der grau-gefaulten Häuser, die in meiner Erinnerung weiß zu sein haben, ich betrete das Haus, das einst mein Zuhause war, bevor wir degradiert wurden, in die Holzbaracke gesteckt. Sie teilten uns neuerdings nach Nationen ein, um Konflikte zu vermeiden, und zu diesem Zweck wurden die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in die Holzbaracke gesteckt. Mein Vater zog unsere wenigen Sachen schweigend um, das Eingestehen einer Niederlage. Wer sind wir hier, in diesem Land.

Sich an einem Leben versuchen

Nichts hat sich getan, dieselben braunen Türen, dieselbe abgenutzte Treppe, der Flur, scheinbar enger geworden, derselbe erstickende Gestank. Die Küche, ein paar Spülen, ein paar Herdplatten, keine Schränke oder Ablagemöglichkeiten, es kocht ein schwarzer Mann, er könnte von damals sein. Ich bin damals  und der Geruch, und die Decke ist auch dieselbe: Da sind die weißen Löcher, die ich beim Einschlafen zählte. Von der Treppe bin ich einmal hinuntergeflogen, es blutete stark. Geht man die Treppe hoch, so findet man das untere Stockwerk oben noch einmal: Dieselbe Küche, dieselben Zimmertüren, dasselbe Bad, dieselben Menschen, die sich in der Enge und der Erniedrigung an einem Leben versuchen. Ich gehe die Treppe dennoch hoch, auf der Suche nach einer der wenigen guten Erinnerungen: Das ist die Küche, in der ich das Wunder von Scheibenkäse entdeckte. Gelbe Toast-Schmelzkäse-Scheiben, jede einzelne in Plastikfolie eingepackt. Damals: Wie ich an die Folie fasste und die Hand einmal um den Käse herum führte, bis er ausgepackt war, und wie ich mir den Käse in den Mund schob, ohne Brot, danke, danke, und wie ich dann die Treppe hinunter rannte, in unser Zimmer, Mama, die da oben, die haben so einen Käse, da ist jede Scheibe einzeln in Folie verpackt. In unserem Zimmer saß meine Großmutter auf dem unteren Stockbett und weinte.

Zuhause reiße ich mir den Mantel vom Leib, den grau-schwarz-melierten, den werde ich verbrennen, er hat diesen Geruch, die restlichen Klamotten stopfe ich alle in den Wäschekorb, bevor ich mich unter die Dusche stelle. Heißes Wasser. Mich der Vergangenheit entledigen wollen. Sich abwaschen von dem, was ich einmal war. Dieses Gefühl von Fieber.

Hast du niemals gezweifelt, frage ich meine Mutter, hast du dich nicht zurück gesehnt. Wie konntest du, frage ich nicht, wie konntest du dein Kind da sehen, in diesem Wohnheim, in diesem Elend, hinter dem Stacheldraht. Vielleicht, erklärt meine Mutter, die ich nicht gefragt habe, vielleicht habe ich nichts in Frage gestellt, weil ich wusste, wie schlimm es vorher gewesen war. Weil ich dir dort im Wohnheim etwas zu essen geben konnte, das konnte ich in Russland nicht immer.

Das willst du dir nicht vorstellen, sagt meine Mutter, wie das ist, das eigene Kind nicht füttern zu können, das will ich mir nicht vorstellen, nicht während meine satten Kinder nebenan in einem Meer von Kuscheltieren schlafen. Das stelle ich mir lieber nicht vor.

Ich verlasse das Gelände schnellen Schrittes, der ein Versuch ist, nicht zu rennen. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem ich wünschte, dass ich rauchen würde. Mich in meinem warmen, grau-schwarz-melierten Mantel an einen Baum lehnen, an einer Kippe ziehen, heute sein. Aber ich rauche nicht, meinem Zuhause haben sie den Stacheldraht abgenommen, und das, was ich meine zu sein, ist für nichts ein Beweis. Jedes Wort, das ich geschrieben habe in der Hoffnung, sich von dem Kind zu entfernen, das dort drüben gelebt hat, ist in Wahrheit ein Wort dieses Kindes. Wenn wir abstreifen, was wir einmal waren, dann sind wir nicht frei, nicht nackt, dann sind wir eine einzige Lüge. Und deshalb ist mir heute so kalt.

 


Externe Links:

Homepage von Lena Gorelik

Lena Gorelik im Rowohlt Verlag


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