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Witt in Weiden: Von Wäsche in der deutschen Literatur

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Hermine Overbeck-Rohte (1869-1937): Trocknende Wäsche, 1896

Im Jahre 1913 wird das 1907 in Reuth bei Erbendorf (heute Landkreis Tirschenreuth) von Textilgroßkaufmann Josef Witt (1884-1954) gegründete Wäscheversandhaus Witt nach Weiden verlegt. Von 1925 bis 1929 errichten Nürnberger Architekten den Altbau der Firma Witt-Weiden an der Schillerstraße in spätexpressionistischen Formen. Der Zweite Weltkrieg setzt dem Unternehmen schwer zu: Die Versandhäuser brennen aus, die Spinnereien in Sachsen und im Vogtland gehen verloren. Mit großem Fleiß baut Josef Witt die Firma erneut auf. Heute ist die Josef Witt GmbH ein international operierendes Textilhandelshaus und zählt mit seinen rund 2800 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern in der nördlichen Oberpfalz. 2007 wird mit der WITT-Gruppe ein Unternehmensdach für die Josef Witt GmbH geschaffen. Diese markante Firmengeschichte findet auch ihren literarischen Niederschlag. Der Weidener Experte für Literatur Bernhard M. Baron ist den Spuren der Wäsche von WITT Weiden in der deutschen Literatur nachgegangen.

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Das Thema „Industrie“ ist aus der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Die Palette reicht von Gerhart Hauptmanns Die Weber (1892) bis zu F. C. Delius Unsere Siemens Welt (1972). Im Mittelpunkt der deutschen Nachkriegsliteratur steht beispielhaft Horst Mönnich mit seinem VW-Roman Die Autostadt (1951), seiner Hoesch-Chronik Aufbruch ins Revier. Aufbruch nach Europa (1972) und seiner BMW-Story in zwei Teilen Vor der Schallmauer und Der Turm (Neufassung 1991 unter dem Titel BMW. Eine deutsche Geschichte).

Als Literaturvermittler der „Max-Reger-Stadt“ Weiden interessiert mich natürlich immer auch die heimische Industrie, die sich bereits in gewissen Themen des Literaturportals Bayern widerspiegelt („Die Weidener Eisenbahn in der Literatur“, „Eine Litera-Tour entlang der Glasstraße“). Eine reizvolle Marginalie bleibt allerdings das Textil-Aushängeschild WITT Weiden mit seiner Damenoberbekleidung, Wäsche und seinen Heimtextilien.

Der österreichisch-ungarische Dichter Ödön von Horváth verewigt zum Beispiel in seinem zum Münchner Oktoberfest spielenden „Kleinbürgerstück“ Kasimir und Karoline (1932) den sich mehr in München als in Weiden aufhaltenden Witt-Firmenchef, Kommerzienrat Josef Witt, literarisch als „Kommerzienrat Rauch“ in der 31. Szene:

RAUCH: Also einen Samos! (Er tritt an die Hühnerbraterei) Einen Samos! (zu Karoline) Das ist mein bester Freund aus Erfurt in Thüringen – und ich stamme aus Weiden in der Oberpfalz. Auf ihr Wohlsein, Fräulein! Und einen Kirsch für den jungen Mann da!

Vorausgegangen ist ein Gespräch über den „Kommerzienrat Rauch“ in der 30. Szene:

SCHÜRZINGER: Das ist er selbst. Kommerzienrat Rauch. Mein Chef. Sie kennen doch die große Firma – vier Stock hoch und noch nach hinten hinaus.

In seinem umfangreichen Hauptwerk Zettel‘s Traum (1970) macht der Hamburger Schriftsteller Arno Schmidt (1914-1979), beeinflusst von James Joyce, Sigmund Freud und Edgar Allan Poe, bei der semantischen Aufladung bestimmter Wörter auch vor der Stadt Weiden nicht halt. Unter seinen „Etyms“ finden wir: „Wittinweiden: Fern=Sehen neuerdinx“.

Als Vorlage für seine weibliche Hauptperson „Franziska Jakobi“ dient die Abbildung eines blonden Mädchens in rotem Badeanzug mit weißer Badekappe. Dieses Mädchen feuert das erotische Begehren der männlichen Hauptfigur von Zettel’s Traum „Daniel Pagenstecher“ an, was sich auch darin äußert, dass der rote Badeanzug der besagten weiblichen Person nicht weniger als 40-mal in Zettel‘s Traum zur Sprache kommt. Die Abbildung „Nr. (1) 33541 B [...] im Roten Badeanzug“ entstammt real dem Wäsche-Witt-Katalog Nr. 409, gültig bis Ende August 1964. Arno Schmidt hat in seinem Privatarchiv diesen Katalog-Ausschnitt mit Plastikfolie überzogen. Er befindet sich, so Frau Susanne Fischer von der Arno-Schmidt-Stiftung, in einem Briefumschlag mit „Meine Franziska“ betitelt in der Materialmappe zu Zettel‘s Traum. So hat der überregional bestens bekannte Weidener Wäscheversender sozusagen durch die Hintertür Eingang in einen der experimentellsten und mit eigenwilliger Orthographie ausgestatteten deutschen Romane des 20. Jahrhunderts gefunden.

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WITT Weiden (v.l.n.r.): Spätexpressionistisches Gebäude; Weihnachtspreisliste 1937; Gebäude in Neuer Sachlichkeit (c) Stadtarchiv Weiden

1971 erscheint Deutschland deine Franken. Eine harte Nuß in Bayerns Maul von Eugen Skasa-Weiß (1905-1977). Der gebürtige Nürnberger mit langjährigem Wohnsitz in Grafing bei München ist wohl einer der letzten klassischen Feuilletonisten (Traumstraßen Deutschlands) in der Tradition Alfred Polgars, Victor Auburtins oder Peter Bamms. In seinem illustren Brevier erinnert Skasa-Weiß daran, wie die Nürnberger als „Stodterer“ in der „gottesfürchtig und gewittrig[en]“ Oberpfalz begafft wurden und welche Anziehungskraft der große Arbeitergeber WITT auf sie hatte:

Es war ein gottesfürchtiger Landzipfel zwischen Vilseck und dem heute so kapitalen Weiden, das in meiner Jugend allmählich anfing, die Mägde vom Stall weg als Näherinnen in seine textile Wittstadt zu ziehen [...] Denn die Oberpfalz gehörte uns, mit Beeren und Getier.

„Glimericks“ sind für den aus Schwandorf stammenden Mundartdichter Eugen Oker Nonsense-Limericks, „die mehr nachglimmen“. In Erinnerung an zahlreiche Lesungen in Weiden schreibt Oker 1985 folgendes „Glimerick“:

aus + für Weiden

Eine Büchselmadam lebt in Weiden
vergnüglich in Samt und in Seiden.
Geht ihr aus der Kredit,
geht sie einfach zum Witt
und lebt dann halt eher bescheiden.
(Im Schnitt.)

Viktor Niedermayer (*1926), gebürtiger Niederbayer und erfolgreicher internationaler Sportpädagoge, der heute im Engadin lebt, beschreibt in seinem Romandebüt finsterland (2015) eine deutsche Kindheit in den 1930er-Jahren zwischen Muttergottesbild und Führerporträt in der bayerischen Provinz:

Die Marielle hat auf dem Nachtkastl ihren eigenen Altar aufgebaut. Die heilige Maria aus dem Versandhaus Witt in Weiden ist in einen weiten, blauen Umhang gehüllt; in ihrem roten Herzen steckt das Schwert so tief, dass das Blut heruntertropft.

Der gebürtige Weidener Mundartdichter, BR-Autor und Wahlfranke Hermann Lahm dichtet 2016 im Oberpfälzer Dialekt in Erinnerung an das bleibende industrielle Aushängeschild und Markenzeichen seiner Oberpfälzer Heimatstadt:

Gibt’s den aa nu?

Wennst in Weiden bist geboren,
kummst niad furt – ungeschoren
ohne Frage nach Witt-Weiden
ja dei lout si niad vermeiden.

Ja den gibt’s scho nu, ja doch,
aa nu in die heitign Toch.
Heit kannst online durt bestelln,
brauchst di niad mim Tragn quäln.

Er hat aa wos für junge Hüpfer
Und niad nur rosa Winterschlüpfer.
Ja, er mischt nu ganz schöi mit,
in der Weidn, der Wäsche-Witt.

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 Berühmtes Motiv aus dem Kudrunlied: Kudrun muss niedere Dienste tun und am Strand Wäsche waschen. Aus: Otto von Leixner: Illustrierte Literaturgeschichte, Leipzig 1880.

Eine Funktionsbeschreibung des Wäsche-Witt / der Witt-Wäsche steht freilich noch aus – in meinem Aufsatz ging es nur um literarische Fundstellen aus der Weidener Literaturtopographie. Ansätze in der Motivgeschichte der Wäsche gibt es allerdings zuhauf. Schon bei Adalbert Stifter und Gottfried Keller ist das Motiv „Wäsche“ hoch angesiedelt: nämlich auf der Leine. Aber auch im übertragenen Sinne hängt sie hoch:

Die Wäsche ist nun zum literarischen Sujet erhoben. Die um sie bemühte erzählerische Energie fächert den Doppelaspekt auf: Zum einen rückt der Arbeitsprozess ‚Wäsche‘ in die literarischen Texte ein und zum andern differenziert sich das plurale tantum nach einzelnen Wäschestücken, als Bettwäsche, Unterwäsche [...], als Ärmel, Hauben, Hals- und Handkrausen. [1]

Das geht schließlich so weit, dass die Wäsche zum symbolischen Träger für den Sündenfall erhoben wird, zum Beispiel bei Franz Kafka: „Das Waschen schmutziger Wäsche veranschaulicht bei Kafka fast immer Versuche, den Sündenschmutz der Menschheit wegzuwaschen, die Sehnsucht nach der verlorenen paradiesischen Reinheit.“ [2]

Möge in diesem Sinne auch hier das Ent-decken der Witt-Wäsche in der Literatur zum Auf-decken verloren geglaubter Urzustände beigetragen haben!

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[1] Dangel-Pelloquin, Elsbeth (2008): Weiße Wäsche. Zur Synthese von Reinheit und Erotik bei Keller und Stifter. In: Sabine Schneider; Barbara Hunfeld (Hg.): Die Dinge und die Zeichen. Dimensionen des Realistischen in der Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts. Würzburg, Königshausen & Neumann, S. 144.

[2] Kurt Weinberg (1963): Kafkas Dichtungen. Travestien des Mythos. Bern, Francke, S. 80.


Sekundärliteratur:

Alexander, Benjamin (1985) (Hg.): Limericks (Heyne-Ex Libris-TB, 122). München, S. 103f.

Baron, Bernhard M. (20074): Weiden in der Literaturgeographie. Eine Literaturgeschichte (Weidner Heimatkundliche Arbeiten, 21). Weiden i.d.OPf.

Prüfer, Thomas; Cysewski, Anja von u.a. (Red.) (2007): Qualität mit Herz. 100 Jahre Witt Weiden. 1907-2007. Hg. v. Josef Witt GmbH Weiden. Weiden i.d.Opf.

Stadt Weiden (1939) (Hg.): Weiden-Opf. – Max Reger-Stadt (Städte der Bayerischen Ostmark). Bayreuth, S. 89-92.

Stadt Weiden (1974/752) (Hg.): Weiden in der Oberpfalz – Max-Reger-Stadt – Von den Anfängen bis heute. Aßling und München, S. 156.

Wäsche-Witt-Katalog Nr. 409, gültig bis Ende August 1964. URL: www.alte-versandhauskataloge.de, (09.06.2015).

Zückert, Gerhard (1981): WEIDEN. Wandlungen einer Stadt in der Oberpfalz (Weidner Heimatkundliche Arbeiten, 18). Weiden i.d.OPf., S. 114 und S. 134.

Externe Links:

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Kommentare

Wolfsmehl am 16.06.2016 um 15:59

Unermüdlich besticht der Oberpfälzer Literaturpapst, Bernhard M. Baron, mit seinen vortrefflichen Beiträgen über die Heimat. Der wunderbar-liebevoll geschriebene Artikel 'Wäsche in der Weiden' zeugt einmal mehr beeindruckend davon. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass die Oberpfalz auf der deutschen Literaturkarte mit ins Zentrum gerückt ist. Wolfsmehl, Dramatiker



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