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06.05.2016, 12:14 Uhr
Redaktion
Redaktionsblog

Eine Reflexion über die Institution „Literaturhaus“

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Das Foyer des Literaturhauses im 3. Obergeschoss mit Blick auf die Theatinerkirche © Peter Schinzler

Im April 2016 fand im Literaturhaus München das IBK-Kulturforum 2016 statt. Hier diskutierten Fachleute über das Thema: Literaturhäuser – Bilanz, Perspektiven, Herausforderungen. Bernd Sibler, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst sagte zur Eröffnung der Veranstaltung: „Literaturhäuser sind Literaturvermittler ersten Ranges. Sie reagieren auf neue Entwicklungen des literarischen Lebens, entwickeln Veranstaltungsformate für verschiedene Lesebedürfnisse und pflegen des differenzierte Gespräch über Literatur.“

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Die Tradition der Literaturhäuser ist noch recht jung. Rund dreißig Jahre gibt es die „Häuser“, die es sich zum Ziel gesetzt haben, ein Ort für die Begegnung mit Literatur zu sein. Dennoch behaupten sie heute eine zentrale Stellung im kulturellen Leben von Städten und Regionen und haben erheblichen Anteil daran, dass Literatur eine „Bühne“ bekommt und öffentlichkeitswirksam und facettenreich auftritt. Wichtigstes Stichwort in der Arbeit der Literaturhäuser ist die Literaturvermittlung, die auf Teilhabe, die Förderung des literarischen Nachwuchses und den Diskurs mit und über Literatur zielt.

Das erste Literaturhaus wurde 1986 in Berlin in der Fasanenstraße eröffnet, als Reaktion auf den Niedergang der Lesekultur. Neben dem Handel und den Bibliotheken gab es damals keine Orte, an denen Literatur „gelebt“ werden konnte, und deshalb wagte man das Experiment eines eigenen Hauses für die Literatur. Dadurch entstand eine „Kultur“ der Literaturhäuser – sowohl in der Stadt als auch in der Provinz –, die sich als federführende Institutionen im Literaturbetrieb heute vor allem durch ihr Veranstaltungsprogramm auszeichnen. Als ein genus loci der Literatur in den jeweiligen Städten und Regionen leisten die Literaturhäuser damit essentielle Vermittlungsarbeit.

Ein Raum für Begegnung und differenziertes Gespräch, ein Zugang zu Bildung, Fach- und Erfahrungswissen und ein Ort für die Förderung von Autorinnen und Autoren und Übersetzerinnen und Übersetzern sowie für kreatives Schreiben – all das wollen die Literaturhäuser heute sein: ein Selbstbild, das angesichts der inneren und äußeren Anforderungen an die Institutionen durch Stadt, Land, Verlagswesen, Autoren und Publikum immer neu verhandelt werden muss.

Denn die Literaturhäuser bilden einen offenen Raum für die Literatur, der ohne Selektion, Klassifikation und Etikettierung kaum zu bewältigen und auf Partizipation und Interaktion ausgerichtet ist. Damit sind gleichermaßen Chancen und Risiken verbunden. Welche Rolle wollen die Einrichtungen im Literaturbetrieb spielen? Will man nur den großen Werken eine Bühne bieten oder will man auch das Kleine, Unbekannte repräsentieren? Wie geht man damit um, dass Vielfalt in der Literatur scheinbar ab- und Mainstream zunimmt? Wie bewahrt man sich als Akteur zwischen vielen internen und externen Anforderungen und Bedürfnissen einen klaren Blick und eine eigene Stimme?

Dem Programm jeden Hauses liegt das eigene Selbstverständnis als Institution zugrunde, eine Gratwanderung zwischen Ansprüchen wie Unterhaltung, Bildung, literarischer Qualität, aber auch ökonomischen Überlegungen. Schließlich überleben die Literaturhäuser nicht ohne ihre Besucher. Häufig kämpfen die Einrichtungen dabei auch mit einem elitären Ansehen und dem hohen Altersdurchschnitt ihres Publikums. Kann es sein, dass die klassische „Wasserglaslesung“ überholt ist und nur noch Zuhörerinnen und Zuhörer ab 40 Jahren anzieht?

Der Königsweg, um auch junges Publikum an sich zu binden, ist es, ebendiese Zielgruppe das Programm kuratieren zu lassen – mit Blick auf die sonstigen Anforderungen kaum vollständig umsetzbar. Durch Programme zur Schreibförderung, Workshops und Werkstätten zu kreativem Schreiben und literarischer Übersetzung gelingt es in vielen Einrichtungen aber dennoch, Kinder, Jugendliche und junge Autoren für die Institution „Literaturhaus“ zu begeistern. Vor allem hier ist der Austausch über und die Beschäftigung mit Text und Sprache besonders intensiv. Und junge Autorinnen und Autoren ziehen schließlich auch ein junges Publikum an.

Bei der kreativen Beschäftigung mit Literatur geht es zuletzt aber nicht nur um die Weitergabe von Begeisterung für Text und Sprache und die Förderung der jungen Autorengeneration, sondern vor allem auch um Reflexion und die diskursive Auseinandersetzung mit Literatur. Denn wer sich im literarischen Schreiben versucht, liest auch anders.

Angesichts der Entwicklung der Literaturbranche und der Medien und Formate, in denen sie auftritt, müssen sich auch die „Häuser“ der Literatur anpassen. Es geht um die Nutzung ihres „sozialen Kapitals“ als reale Orte, die Begegnung und Vernetzung bieten, hinaus. Es ist Zeit, sich zu trauen, das Haus auch zu verlassen, in die Städte und Regionen und die digitale Welt hinauszugehen. Im Zuge dessen wird die Institution „Literaturhaus“ zu einem virtuellen Netzwerk, zu einer umfassenden Plattform für die aktuelle Literatur und den literarischen Gegendiskurs. Eine Funktion, die in Zukunft von größter Bedeutung für die Einrichtung „Literaturhaus“ bleiben wird.


Externe Links:

Internationale Bodensee Konferenz (IBK)

Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

Literaturhaus München


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