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02.05.2016, 13:35 Uhr
Harald Beck
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Julius Beck

Eine Erinnerung an Johannes Brahms. Von Julius Beck

Ein Vierteljahr nach dem Tod von Johannes Brahms am 3. April 1897 veröffentlichte die Wiener Neue Freie Presse am 15. Juli unter dem Titel „Originelle Kritik“ diese Brahms-Reminiszenz des Münchner Schriftstellers Julius Beck, die noch im September in Pustets Deutschem Hausschatz nachgedruckt wurde. Eine wenig zuverlässige englische Übersetzung durch den amerikanischen Komponisten Angelo di Prosse erschien gleichfalls schon 1897 in der New Yorker Zeitschrift The Vocalist: A Progressive Magazine Devoted to Science and Art in Music.

*

Drei Worte nenn' ich, inhaltsschwer

Fünfundzwanzig Jahre lang trage ich einen geheimen Groll gegen den nunmehr verstorbenen Meister mit mir herum; einen Groll, der zwar nicht dem großen Musiker, desto mehr aber dem gewiß vielfach unbekannten „Kritiker“ Brahms galt, dessen kurzes Urteil mir einst eine schöne, junge Hoffnung, ein süßes Glück schöpferischen Selbstbewußtseins, die hohe Freude an dem Gelingen eines eigenen Werkes fast vernichtete. — O der Mann hat mir einmal sehr wehe gethan, gewiß nicht mit der bösen Absicht; aber er hat mich verwundet bis in die tiefste Faser meiner jugendlich-schwärmerischen Seele, und wenn ich ihm auch mit der Zeit vergab — vergessen konnte ich nicht.

Und, wahrhaftig! will ich heute durch diese kleine Erinnerung dem Hochmeister seiner Kunst auch einen immergrünen Lorbeer auf das Grab legen, den ihm ein warmer Verehrer seiner hehren Schöpfungen, der ich ja stets trotzdem war und bin, dankbarst zu widmen vermag ­— es ist mir im Augenblick doch, als müßte ich ein kleines Stachelblättchen dem nunmehr verstummtem „Kritiker“ hineinwinden, der einst über meinen musikalischen Erstling so eigenartig, so originell zwar, aber doch so vernichtend richtete, daß mir dies, offen gestanden, eine lange Zeit den ungetrübten Genuß seiner Werke zu schmälern vermochte.

Drei Worte des Meisters schwebten mir seit meiner ersten Begegnung mit ihm beständig vor der Seele; sie flogen auf, wie drei hämische Kobolde, wenn ich nur den Namen Brahms hörte oder las, und längere Zeit sah ich sie aus jedem Notenköpfchen grinsen, das mir vor Augen kam, sodaß ich fast einen Abscheu vor jeder Musik bekommen hätte, wenn nicht die Jahre und die damit gewonnene bessere Einsicht und Erkenntnis die niederschmetternde Macht der drei Worte gemildert hätten. Freilich, wie gesagt, ganz verwinden konnte ich sie niemals.

Was aber das Merkwürdigste an der Sache ist, Brahms hatte diese drei Worte nie gesprochen, auch nicht geschrieben, und doch stehen sie mir klar, unauslöschlich vor Augen als die vollbewußte Meinung des Verstorbenen über mein Werk, als die strenge Antwort auf eine schüchterne Frage. Ja! der Meister hat mir in diesen drei kleinen Worten, in dieser kurzen Kritik ein Andenken gegeben, das ihn mir doppelt unvergeßlich macht, und das ob seiner Originalität wert ist, der Welt bekannt zu werden, um so mehr als es den für schwer zugänglich gehaltenen, verschlossenen, einsamen Mann, dessen Herz wenig auf der Zunge lag, einerseits treffend charakterisiert und andererseits hierin gerade als einen geistvoll-feinfühligen Menschen kennzeichnet.

Also es war im Sommer 1872.

Die reizvollen Ufer des herrlichen Starnbergersees hatten wohl selten so viele Gäste aus Nah und Fern gesehen, als in diesem Jahre. Sämtliche dortigen Ortschaften waren besetzt von frohmütigen Sommerfrischlern und auch in den Schlössern und Villen, die den See bekränzen, herrschte ein regeres Treiben als seit Jahren. Nun ja, das deutsche Herz überließ sich willig den doppelt freudigen Gefühlen, die der so ruhmreich überstandene, gewaltige Krieg der Vorjahre und hier die Wunder der prächtigen Natur hervorriefen.

Bemerkenswert war zu der Zeit ein besonders frischer Zug der Sommergäste nach dem anmutigen Tutzing, und es schien als wollte dieses dem stattlicheren Starnberg, das seit lange als das bevorzugte Ziel süd- und norddeutscher Wanderlust galt, ganz energisch den Rang ablaufen. Unstreitig beherbergte Tutzing damals gegen Starnberg die größere Anzahl von Namen aus der Litteratur- und Kunstwelt, sowie der in- und ausländischen Hocharistokratie. Diese auffallende Erscheinung fand jedoch ihren Grund in der ausgedehnten Gastfreundschaft des dortigen Schloßherrn Eduard von Hallberger, des berühmten Stuttgarter Verlegers, sowie in der Villeggiatur mehrerer führender Geister im Reiche des Schrifttums und der Kunst am jenseitigen Ufer. Im nahen Garatshausen aber hatten König Franz II. von Sizilien und seine heldenmütige Gemahlin Maria, eine Tochter des an den Seeortschaften besonders wohlgekannten Herzogs Max von Bayern, ihr Schloß mit kleinem Hofstaat bezogen. Geburts- und Geistesadel hatten somit zwei große Anziehungspunkte, die einen sehr regen Verkehr erklärlich machten, sodaß Tutzing damals das Gepräge des Außerordentlichen zur Schau trug. Wußte doch auch das in der Opernwelt bereits ruhmreich bekannte Ehepaar Vogel einen hübschen Kreis von Kollegen, Freunden und Verehrern in seinem idyllischen Heim am See zu vereinigen.

Aber auch die annoch Unberühmten fanden sich zusammen.

In dem traulichen Extrastübchen einer kleinen, feineren Restauration am Garatshauser Wege, wenn ich nicht irre, führte sie den poetischen Namen „Zur Seerose“, gründete ein Kreis von jungen Schriftstellern, Malern, Musikeleven und angehenden Sängern ein feuchtfröhliches Symposion, in welchem neben vielerlei ergötzlichen, nächtlichen Allotria, die nicht immer den Beifall der ruhe- und schlafsuchenden Nachbarschaft erzielten, doch auch der Ernst gepflegt wurde: man tauschte Ideen aus; arrangierte Vortragsabende, in welchen poetische und musikalische Erzeugnisse aus Eigenem und Fremdem, abwechselnd zu Gehör gebracht wurden, sodaß wohl jeder Teilnehmer einen Nutzen und Gewinn aus jenen Abenden zog, der zum bleibenden Werte wurde.

Eines Tages nun, als sich unser Kreis gerade zum fröhlichen Treiben anschickte, erzählte der Wirt, daß heute früh ein kleiner, mürrischer Herr bei ihm abgestiegen wäre, das Dachkämmerchen im zweiten Stock gemietet hätte, aber gleich nachdem er ein wenig Toilette gemacht, ohne bis jetzt heimzukehren wieder fortgeeilt sei mit der Bemerkung: „ihn nie mit Fragen zu belästigen und sich auch sonst nicht weiter um ihn zu kümmern; was er wünsche, werde er stets bestimmt verlangen und sonst im übrigen leben wie er wolle“.

Ein mürrischer Herr! Der müsse kuriert werden, das war die Ansicht einiger der Übermütigsten.

„Ist er noch jung?“ frug einer.

„Na, so in den mittleren Jahren,“ war die Antwort des Wirtes. „Muß seiner Sprache nach ein Norddeutscher sein,“ setzte er noch hinzu.

„Wissen Sie seinen Namen nicht?“ bemerkte ein anderer.

„O ja! Warten Sie — wie heißt? ­— aber er schrieb sich ja ins Fremdenbuch.“

Der Wirt brachte dieses herbei und las: „Johannes Brahms“.

Johannes Brahms 1874 © Brahms-Institut der Musikhochschule Lübeck

Der Name übte eine zündende Wirkung besonders auf uns Musikalischen aus.

„Was? Brahms!?“ riefen wir.

„Brahms?“ frugen die anderen kopfschüttelnd.

Und nun ging’s an die Besprechung dieser bedeutenden Persönlichkeit, welche damit ausklang, den berühmten Komponisten in den Kreis unserer Abende zu ziehen. Eine schriftliche Einladung, in einer ausgesucht liebenswürdigen und schmeichelhaften Form abgefaßt, wurde noch am selben Abend in die Hände des Wirtes zur Beförderung gelegt, und man trennte sich in der erfreulichen Hoffnung, daß Brahms zusagen und so unsere Zusammenkünfte erst einen ganz besonderen Wert erhalten würden.

Ich selbst aber erhoffte mir von der Bekanntschaft dieses Mannes noch einen ganz anderen hohen Gewinn: er erschien mir wie ein erlösender Geist für die Zweifel an einem Talent, das ich in mir entdeckt zu haben glaubte, und das sich nach einer kundigen Führung, wie nach einer aufmunternden Anerkennung sehnte. Mein neues Talent ward freilich durch die mächtigste Förderin unserer Fähigkeiten geweckt. Ja! Ich liebte! Still, heimlich, süß. Mein ganzes jung-schwärmerisches Herz schlug einem Wesen von bezaubernden Reizen des Geistes und Körpers entgegen und fand die beglückendste Gegenliebe wieder. Aber — niemand sollte, durfte es wissen; niemand — die Umstände forderten es einstweilen gebieterisch. —

Daß dieser Zustand meinem poetischen Schaffen sehr zuträglich war, ist begreiflich. Sang es doch in mir und um mich in allen Tonarten der Lust und des Leids, der Hoffnung und der Sehnsucht; war doch mein ganzes Empfinden nur reine, hochherrliche Poesie: was ich schrieb wurde zum Liede.

Aber diese Lieder, wohlgefügt im lieblichen Tonfall, befriedigten mich in der Wortform nicht ganz; ich wollte ihnen noch ein weiteres, höheres Leben einhauchen — sie sollten klingen, singen — tönen in der Zaubersprache der holden Musik.

Und so hatte ich mir denn auch einen dieser Seufzer eines liebenden Herzens in eine passende Melodie gesetzt und mit einer ausdrucksvollen Begleitung versehen.

Mir gefiel das kleine Ding ja soweit ganz gut, und daß es auch „Ihren“ Beifall finden würde, dessen war ich gewiß, aber meine selbstkritische Natur dachte doch weiter, und ich kam dabei nicht zu der vollen Überzeugung, daß mein Lied auch vor fremdem Urteil bestehen könne, und so sehnte ich mich nach einer fachmännischen Beurteilung meines musikalischen Erstlings und fürchtete mich zugleich davor, denn, wenn ich mich auch dilettierend in die Geheimnisse der Harmonie- und Kompositionslehre hineinstudiert hatte, ich war mir „in meinem dunklen Drange des rechten Wegs doch nicht so ganz bewußt“. Vor meinen übermütigen, musikalischen Freunden aber hütete ich meinen Schatz aus verschiedenen Gründen; es war auch kein „Wissender“ darunter, der mir eine glaubwürdige und achtungsgebietende Autorität gewesen wäre.

Da erschien wie ein Erlöser Johannes Brahms auf der Bildfläche; er, von dem ich schon so manches gehört, für dessen kleine Lieder ich schwärmte, ihm wollte ich mich anvertrauen.

Mit großer Ungeduld und in begreiflicher Erregung sah ich dem anderen Tage, der seine Antwort auf unsere Einladung bringen mußte, sah ich der Stunde, in welcher ich ihn sprechen konnte, entgegen. Schon frühzeitig, als einer der ersten, fand ich mich in der „Seerose“ ein, aber was ich da erfuhr, war für mich besonders niederschmetternd: Brahms habe in aller Morgenfrühe unter Fluchen und Schimpfen sein Dachstübchen und das Haus verlassen, um nie mehr dorthin zurückzukehren. Unser Schreiben, das in hundert Teilchen am Boden des Kämmerchens gefunden worden, hätte er gar keiner Antwort gewürdigt. Wohin er sich gewandt, niemand wußte es. Wahrscheinlich hatte er Tutzing ganz verlassen, denn wir sahen und hörten nichts mehr von ihm. —

Die rauhe Art seiner Abweisung und die augenscheinliche Unnahbarkeit seiner Person aber gab uns noch für einige Zeit einen interessanten Gesprächsstoff, bis andere Ereignisse auch dieses Erlebnis wieder überholten und Brahms fast vergessen war.

Meine Komposition aber wollte ich jetzt gleichwohl nicht ungeprüft lassen und ich hatte darüber inzwischen einen neuen Plan gefaßt, der gewissermaßen aus unserer Unterhaltung über Brahms herausgewachsen war.

Ganz in der Nähe, in dem lieblichen Bernried befand sich ja noch eine andere musikalische Berühmtheit, deren liebenswürdiges Wesen und freundliches Entgegenkommen fast sprichwörtlich geworden war, der Kgl. Bayer. Generalmusikdirektor Ignaz Lachner. Er war bekannt als liebevoller Förderer aufstrebender junger Talente und meine musikbeflissenen Freunde, welche seine Person als Gegenstück zu Brahms Art abgewogen hatten, wußten ihn nicht genug herauszustreichen. Das festigte meinen Entschluß, Lachner aufzusuchen und bald darauf machte ich mich, mein sauber geschriebenes Opus in einer tadellosen rolle verpackt, auf den Weg ihn auszuführen. Aber es kam ganz anders.

Es war ein wundervoller Sommermorgen, in den ich hineinschritt, voll der mannigfaltigsten Empfindungen, welche die glanzvolle Außenwelt und die Fülle der Gedanken in meinem Innern hervorriefen. Zu meiner Linken den See in tafelglatter Bläue, das jenseitige sanfthügelige Ufer mit seinen schmucken, leuchtenden Schlössern, Villen und Kirchen fast erkennbar wiederspiegelnd; zur Rechten anmutig-bewaldete Höhen, hie und da unterbrochen von malerischen Schluchten; vor mir in duftiger Morgenpracht die ragenden Firnen des nahen Hochgebirges und über alles das ein lachender, wolkenloser Himmel gespannt — wem ginge da das Herz nicht auf in voller Lebenslust, zu frohem Genusse; wer wäre in dem entzückenden Glanze nicht bereit die ganze Welt in voller Liebe zu umfassen?! O, hier muß der ärgste Hypochonder zum Natur- und Menschenfreunde werden.

Ausschnitt aus einer zeitgenössischen Ansichtskarte © Harald Beck

In diesen meinen eigenen gehobenen Gefühlen überraschte es mich um so mehr, als ich außerhalb dem kleinen Dorfe Unterzeismaring hart am Wege auf einem Steinblocke einen Mann sitzen sah, der sich öfters mit allen Zeichen des Unmutes und Ärgers nach mir umsah. Ein alter, weicher Filzhut von undefinierbarer Farbe bedeckte einen üppigen blonden Haarwuchs, der im Zusammenhange mit einem rötlichen, kurzen Vollbarte ein frisches, gesundes Gesicht umrahmte, das durchaus keinen festsitzenden griesgrämigen Zug zeigte, sodaß der Ausdruck des Harten, Mißmutigen vielmehr künstlich gemacht schien durch jene scharfe, einschneidende Falte, welche sich unter der glatten, breiten Stirne zwischen den Augenbrauen vertiefte, unter denen ein Paar nicht zu große, blaue Augen blitzten. Breite Schultern und ein untersetzter Oberkörper ließen auf eine große, herkulische Gestalt schließen, doch sollte ich bald erfahren, daß meine Ansicht nicht mit den etwas kurzen Beinen gerechnet hatte, auf welche der Mann seine Arme stemmte.

Der Herr war nämlich kaum einige Zoll größer, als er sich rasch vor mir erhob und mich in nicht gerade höflicher Weise mit den Worten, die einen unverfälscht norddeutschen Klang hatten, anfuhr:

„Scheinen auch ‘n Frühaufsteher?“

Mir war es plötzlich, als ob ich dieses Gesicht schon einmal gesehen hätte, wenigstens ein Abbild desselben, irgendwo — und einer inneren Eingebung folgend, sagte ich, leicht grüßend:

„Gewiß, Herr Brahms!“

Er warf sichtlich überrascht den Kopf zurück und frug forschend, indem er sich zum Gehen anschickte:

„Sie — kennen mich?“

„Ei, freilich,“ entgegnete ich, und bestärkt von meiner deutlichen Erinnerung an sein Bild, fuhr ich, ihm zur Seite tretend, fort: „habe ich doch erst jüngst Ihr wohlgetroffenes Konterfei in einer Zeitschrift gesehen, und als ein glühender Verehrer Ihrer Schöpfungen blieb es fest in meinem Gedächtnis haften.“

Über sein Gesicht huschte ein Schatten ärgerlicher Erregung.

„Hä!“ Diese ewige Qual eines — Steckbriefes!“ murmelte er. „Sind doch nicht am Ende gar — Musiker?“

Die Rolle in meiner Hand brannte plötzlich wie Feuer. Ich nahm sie in die andere und darauf niederblickend, entgegnete ich lächelnd:

„Leider ­— nein! Nur — Dilettant!“

„So, so, nur Dilettant? Na! ‘n guter Dilettant ist noch immer besser als ‘n schlechter Musikant!“ kam es scharf von seinen Lippen.

Ich bemerkte wie er dabei mit einer gewissen Scheu und Unruhe nach meiner Rolle schielte, während sich seine Schritte fluchtähnlich beschleunigten.

Doch stapfte ich tapfer mit, nachdem er mir die Erlaubnis gegeben, ihn ein Stück Weges begleiten zu dürfen. Selbstverständlich lag mir jetzt, nachdem ich ihn einmal gefunden, alles daran, ihm mein Opus zur Begutachtung vorlegen zu können; aber ich fühlte auch, daß ich ihm mit meiner Bitte nicht sofort kommen durfte, wollte ich nicht vielleicht eine derbe Abweisung riskieren, denn sein Wesen war während unseres Dauerlaufes — einem solchen ähnelte das Tempo seines Ausschreitens ungemein — durchaus nicht zugänglicher geworden und besonders schnitt er mir jede Lobrede über seine Werke kurzweg ab. Dagegen konnte er bei meinen begeisterten Schilderungen über die herrliche Natur des Starnbergersees recht warm werden. Was mich aber vollständig überzeugte, daß ich Johannes Brahms zur Seite hatte, war seine Erzählung von dem Erlebnisse in der „Seerose“. Ei, wenn meine Freunde das gehört hätten, was er von „grüner Zudringlichkeit“ und „unreifer Störung“ polterte, sie — hätten geschwiegen wie ich. Er gehe nicht aufs Land, sagte er, um Gesellschaften zu pflegen oder in Kneipen zu sitzen, sondern um die Natur zu genießen und zwar allein, weil es dann in voller Ungebundenheit und ohne Ärger geschehen könne. —

So waren wir denn wieder nach Tutzing gekommen, wo er mir in der Nähe des Bahnhofes die Hand reichend, bedeutete, daß er sich verabschieden müsse. Er wolle nach Hause, um noch etwas zu arbeiten.

Nun war für mich der wichtige Augenblick da. Seine Hand in der meinen festhaltend, nahm ich mir ein Herz, und indem ich ihm für die große Ehre seiner Unterhaltung dankte, stammelte ich, die Rolle erhebend, meine Bitte, um freundliche Prüfung meines Werkchens.

Wie vor einem Ungeheuer erschreckt, fuhr Brahms zurück.

„Was ist das?“ frug er hastig.

„Ein kleiner Kompositionsversuch,“ entgegnete ich etwas verschüchtert.

„Herrgott! Habe ich mir‘s doch gleich gedacht!“ rief Brahms funkelnden Blickes, „das Ding hat mich schon immer wie ein Dolch angeblitzt! Also Sie sind auch ein — —! Mensch! Da haben Sie mich wohl absichtlich überfallen? Das hätte ich mir nicht gedacht, daß Sie, den ich für ’n recht netten Mann gehalten habe, so niederträchtig sein könnten, mir —“

Das war zu viel!

„Herr Brahms,“ fiel ich ihm in die Rede, „nicht weiter! Sie können mich abweisen, aber haben kein Recht mich zu beleidigen. Ich habe Sie nicht gesucht, also auch nicht überfallen! Nur einem Zufall danke ich es, daß ich Ihnen begegnete und zwar seltsamerweise gerade zu der Zeit, als ich mich auf dem Wege zu einem anderen Meister befand, dem ich mein kleines Lied zur Prüfung vorlegen wollte, auf dem Wege zu Ignaz Lachner. Wohl habe ich vor einigen Wochen von Ihrem Hiersein Kenntnis erhalten; wohl hatte ich sofort auch den Gedanken gefaßt, Sie um die Beurteilung meiner kleinen Gelegenheitsarbeit anzugehen, sobald ich Ihnen begegnen würde; nachdem Sie jedoch seit dieser Zeit wie verschwunden erschienen, glaubte ich Ihr strenges Inkognito ehren zu müssen und unterließ jede Art Nachforschung nach Ihrem derzeitigen Aufenthalt, um ja nicht in den Verdacht einer kecken Zudringlichkeit zu kommen, die Sie mir jetzt ungerecht imputieren —“

„Na, na! Seien Sie man nich‘ gleich so böse!“ lenkte Brahms, mich unterbrechend, ein, „es war ja nich‘ so schroff gemeint, ich — ich bin nu‘ mal so ‘n rauhbeiniger Kerl. Habe eben viel Böses und wenig Schönes an den Menschen erlebt und bin darum etwas scheu und mißtrauisch, aber Ihnen wollte ich nich‘ wehe thun! Wahrhaftig nich‘. — Und nu‘ geben Sie mir mal in Gottesnamen das Ding, ich will es prüfen und Ihnen ehrlich meine Meinung mitteilen. Adresse steht wohl bei?“

Dabei riß er mir die Rolle aus der Hand, reichte mir nochmals rasch seine Rechte und ehe ich noch mehr als die Bestätigung auf seine letzte Frage geben konnte, war er schon enteilt.

Nun hatte er‘s doch! Wie sich manchmal im Leben etwas so seltsam schickt!

Ich sah dem merkwürdigen Manne  lange nach. Die Begegnung war für mich ja so außergewöhnlich und interessant, daß sich mir jedes seiner Worte ins Gedächtnis dauernd grub. War das doch ein seltsamer Mensch; abstoßend und anziehend zugleich. In rauher Schale ein edler Kern. Zeigte sich dies nicht deutlich auch in der Entschuldigung über seine mir zugefügte, voreilige Kränkung? Ach, und gewiß würde er jetzt mit einer gewissen Verbindlichkeit an die Prüfung meiner Arbeit herantreten und ich würde vielleicht gerade aus diesem Vorkommnis den besten Gewinn ziehen können.

Mit widerstreitenden Empfindungen und in unruhvoller Erwartung sah ich der Rücksendung meines Manuskriptes entgegen und die Folter wurde, dank der raschen Erledigung durch den Meister noch denselben Tag abgekürzt. Schon mit der Nachmittagspost erhielt ich mein Schmerzenskind zurück.

Mit ungeduldiger Hast riß ich den Umschlag ab und entfaltete es mit begreiflichem Herzklopfen. — — Ahh! — In der unverdorbenen Reinschrift lächelte mich das Manuskript an! So viel ich auch spähte und forschte ­ — nirgends auch nur ein schwaches Zeichen einer Korrektur; weder vorne noch auf der Rückseite eine Bemerkung ­ — nichts, gar nichts, was mir nur einen kleinen Anhaltspunkt gegeben hätte, ob Brahms es durchgesehen, ob er es für gut, für schlecht befunden; kein Tadel, kein Lob, kein Abspruch, keine Anerkennung! Was sollte das nur heißen? ­ —Angesehen hatte er es sicher, denn die Verpackung war eine fremde. Sollte mein Opus wirklich so gut sein, daß gar keine Korrektur notwendig war? Merkwürdig! Die Verliebtheit des Schöpfers in sein Werk gewann auch bei mir so sehr die Oberhand, daß der Gedanke an das Gegenteil gar nicht aufkommen konnte, und je mehr ich mich diesem stolzen Gefühle hingab, desto mehr gestand ich ihm an innerer Berechtigung zu. Wollte mir Brahms nicht ehrlich seine Meinung mitteilen? Keine ist auch eine, und ich folgerte daraus in gewagter Eigenliebe: wenn der Meister es schlecht gefunden, hätte seine gerade und kurze Art das sicher durch einen kernigen Strich über das Ganze ausgedrückt; da es gut, so wollte er mir seine Anerkennung nicht kundgeben, um einerseits mich vielleicht vor Überhebung zu bewahren; andererseits sich selbst vor weiteren Konsequenzen zu schützen, die er aus seinem Mißtrauen gegen Welt und Menschen zog.

Indessen betrachtete ich mir das Manuskript doch immer wieder, bis ich mich endlich ans Klavier setzte und mit einer erkünstelten Befriedigung sang:

 

Es schleicht sich ein Geheimnis
Gar leis durch Wald und Flur;
Es zittert durch die Lüfte
Und folget  meiner Spur.


Ich selbst hab’s nur dem Monde
Im Flüstern anvertraut ­—
Und nun ist mir’s, als kläng es
Durchs ganze Weltall laut:


„Er liebt!“ So tönt‘s aus Tiefen
Und aus den Höh’n des Lichts.
Ich liebe!? — Wer verriet es?
Ich selbst verriet doch nichts!

 

­— O ja! Es war schön! Ich fühlte es: so stimmungsvoll, so zart; dem Worte der Ton so innig angepaßt und doch voll natürlicher Einfachheit. Gewiß! Was ich hier mit dem Herzen sang, es hatte auch ihm gefallen!

Mich ganz dem Eindrucke meiner eigenen Schöpfung hingebend, lehnte ich mich in den Stuhl zurück, während mein Auge träumerisch auf dem Notenblatte ruhte. Es war ein unbeschreiblich süßer Augenblick, wie ich ihn selten im Leben mehr empfunden: das wunschlose Glück der Zufriedenheit erfüllte meine empfindsame Seele, mein schwärmerisches Herz — die Schöpferfreude küßte die Liebe!

Es schleicht sich ein Geheimnis —  

—   —   —   —   —   —   —   —  

—   —   —   —   —   —   —   —

Langsam glitt mein Auge über den Text, den ich bisher nicht weiter beachtet hatte. —  Da! —  Was war denn das?!

Dem geschärften Blick fiel ein feiner Strich unter dem ersten Worte, dem „Es“ auf. Den hatte ich nicht selbst gemacht! Der Strich schien mit roter Tinte ausgeführt. Ja, ja! Rote Tinte war’s! — Jetzt überflog ich mit geweckter Aufmerksamkeit die Zeilen und — siehe! Unter dem Wörtchen „ist“ der zweiten Strophe wieder ein haarfeines Strichelchen; wieder rot —  blutigrot! Was soll das bedeuten? Eine bange Ahnung stieg in mir auf und hastig suchte ich nach mehreren dieser unerklärlichen Zeichen und, ja —  da! unter dem Schlußworte der letzten Strophe war es wieder zu sehen — länger, deutlicher! Mir jetzt furchtbar deutlich: „nichts“. Diese Striche mußten offenbar in einem engeren Zusammenhang stehen, aber so sehr ich auch spähte, es fanden sich nur diese Drei und die Worte, auf welche sie hinwiesen, bildeten ein furchtbares Trio: „Es —  ist —  nichts —  !“ — 

Wie sie mich angrinsten! Wie die Striche immer dicker, glühender wurden! O, die Hand, welche das gethan, war grausam, erbarmungslos grausam! Sie vernichtete mit rauher Herzlosigkeit eine süße Hoffnung, ein wonniges Glück. Da ließ sich kein freundlicher Gedanke zwischen herauslesen — kalt und starr, ohne Trost, ohne Gefühl sprachen die Worte ein unzweifelhaftes Urteil, meisterhaft an Kürze und Deutlichkeit! — Und es war sein Urteil. Seine Hand hatte es — angedeutet, aber bestimmt, voll erkenntlich! Niemand anderer hat nach mir das Blatt in die Hand bekommen. Er bediente sich meiner Handschrift, meiner eigenen Worte im Text, um mir seine „ehrliche Meinung“ mitzuteilen —  es war furchtbar — raffiniert originell! —  „Es ist nichts!“ Das war Johannes Brahms Urteil! —   —

Einige Augenblicke war ich wie vor den Kopf geschlagen, fast besinnungslos. Der Wechsel aus der seligsten Stimmung in die tiefste Niedergeschlagenheit war zu jäh, zu unvorbereitet, um nicht die Fassung zu verlieren. Aber endlich löste sich der Bann  und —  unter meinen Händen rauschte und ächzte zerknittert das Blatt, wie ein Baum unter der vernichtenden Wut des gewaltigen Orkans. Dann riß ich, immer wortlos, das armselige Ding in kleine Fetzen, die bald darauf sich in der Flamme windend, langsam verkohlten. —  „Es ist nichts!“ — 

—  —  — —  —  —  —  —  —  —  —  —  — —  —  —  —  —  —  —  —  —  —

Ich habe nie mehr komponiert.

Als ich dem Meister viele Jahre später wieder einmal begegnete, hatte ich mich längst über meinen Mißerfolg getröstet und ich erinnerte ihn lachend an seine mir einst zu teil gewordene — originelle Kritik. Die Erinnerung aber berührte ihn sichtlich unangenehm, denn er sah mich ärgerlich an und sagte:

„Ach, wenn mich die Leute nur nie um ein Urteil über Fremdes angingen; ich werde mit meiner Selbstkritik nicht fertig!“

 

*

 

Anmerkungen von Harald Beck

Wenn es sich nicht um einen Druckfehler handelt, wie Mathilde von Leinburg in ihrem Aufsatz „Johannes Brahms in Tutzing“ (1907) vermutet, hat sich Beck bei der Datierung der Begegnung getäuscht. Das Briefverzeichnis des Brahms-Instituts Lübeck zeigt, dass sich der Komponist, der gerade seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte, von Mai bis September 1873, nicht 1872, in Tutzing aufhielt.

Man könnte nun versucht sein, die Beschreibung des Komponisten mit einem Vollbart für einen weiteren Irrtum Becks zu halten, da Brahms erst ab 1878 dauerhaft einen trug. Aber sein Porträt, das „üppigen blonden Haarwuchs, der im Zusammenhange mit einem rötlichen, kurzen [!] Vollbarte ein frisches, gesundes Gesicht umrahmte“ konstatiert, deutet auf ein temporäres „Inkognito“ während der mehrmonatigen Sommerfrische hin, das ein Brief von Luise Moser, der Tochter Amtmanns, an Leinburg vom April 1907 bestätigt.

Die Schreibung Unterzeismaring statt Unterzeismering für den Ort der Begegnung ist wohl eher der Ähnlichkeit der Buchstaben in der deutschen Kurrentschrift der Druckvorlage als einem Erinnerungsfehler geschuldet, da Beck sehr vertraut mit dieser Gegend war.

Auch eine spätere Wiederbegegnung mit Brahms ist plausibel, da der Schriftsteller enge Kontakte zu Münchner Musikerkreisen pflegte.

Der erste erwähnte Schauplatz, das Gasthaus „Zur Seerose“ wird von Ortskundigen in Garatshausen vermutet. Aber bereits in einem Brief an Carl Jacob Melchior Rieter-Biedermann vom Juni 1873 aus Tutzing teilt Brahms mit, dass er bei Hrn. Amtmann wohne. Es handelt sich um Conrad Amtmanns Gasthaus, den Bernriederhof. Ein Führer aus dem Jahr 1873 sagt: „Von der Terrasse der Restauration in der Nähe des Bahnhofes herrliche Aussicht. (Ilkahöhe ½ St. prachtvolle Rundsicht)“.

Das ehemalige Gasthaus Amtmann © Gerhard Schober

Die Ilkahöhe ist unweit der Stelle, an der Beck Brahms begegnet, und die beiden trennen sich schließlich in Sichtweite des Bahnhofs. Leinburgs bereits erwähnter Beitrag für die Neue Musikzeitung bekräftigt die Umstände der Begegnung in Becks Anekdote: „Am liebsten aber war Brahms, wie stets am Lande, allein. Auf seinen Streifzügen durch den Wald und um den See kamen ihm die musikalischen Gedanken, und kehrte er dann zur Mittagsstunde heim, so war er voll von Bewunderung über die schönen Spaziergänge, die er wieder entdeckt hatte.“

Der Titel von Becks Erinnerung im Deutschen Hausschatz spielt ironisch auf Schillers Gedicht „Worte des Glaubens“ an: „Drei Worte nenn ich euch, inhaltsschwer“.



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