Info
05.04.2016, 16:01 Uhr
Lara Hampe
AutorInnen-Blog
images/lpbblogs/autorblog/hampe_164.jpg
© Dirk Skiba

Eine Kurzgeschichte der jungen Autorin Lara Hampe

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/klein/haare_4.jpg

Lara Hampe wurde 1994 geboren, ist in München und Paris aufgewachsen. Sie studiert am Leipziger Literaturinstitut und hat bereits mehrere literarische Texte publiziert, zuletzt in der Anthologie Wie wir leben wollen (Suhrkamp Verlag, 2016). 2014 las sie beim Open Mike, 2015 war sie Teilnehmerin des Klagenfurter Literaturkurses. Im Literaturportal Bayern schreibt sie zusammen mit Luise Maier den Blogroman Brief und Geheimnis. Die folgende Kurzgeschichte stammt aus dem Buch Wir sind da (Allitera Verlag, 2015), in dem unlängst die besten Beiträge aus 10 Jahren Puls Lesereihe des Bayerischen Rundfunks veröffentlicht wurden.

*

So blond, davor

von Lara Hampe

 

Vor Jette hatte ich kurze Haare, diese eine Hipsterfrisur, auf die alle süßen Mädchen stehen, die auch auf Hemd und Rolex und Champagner stehen, Seite kurz, oben lang, aber das war, wie gesagt, bevor ich sie kannte.

Als ich sie kennenlernte, ließ ich mir die Haare wachsen, und alle anderen fragten, ob ich jetzt unter die Hippies gegangen wäre.

Jette hatte die gleichen Haare wie ich, vielleicht ein bisschen heller und bunter als meine, aber eigentlich hatte sie die verdammt gleichen Haare wie ich, nur eben länger.

Anfang Mai, als wir uns kennenlernten, hat sie die Haare offen getragen, die lockten sich dann und verfingen sich in dem roten Kleid, das sie trug. Aber das war egal, ganz egal, solange wir nur da sitzen konnten mit nur fünf Zentimetern zwischen uns auf dem braunen Badesteg, auf den der Mond schien und der weiß glänzte in dieser Nacht. Ihr Gesicht war hell, sodass ich gar nicht darauf achten konnte, ob ich das Kleid schön finden sollte oder nicht.

An der Schläfe hatte sie eine einzige rotorangene Strähne, die man nur sah, wenn sie zu Supertramp tanzte und dafür ihre Haare zusammenband.

Jette, so blond, davor. Was hat man wohl für eine Haarfarbe, wenn man einem, den man erst seit einer Woche kennt, von der Telefonzelle am Hauptbahnhof aus Tschüss sagt? Ich konnte sie ja nicht sehen auf der anderen Seite der Leitung.

Was man für eine Haarfarbe hat, wenn man von den Gleisen aufgesammelt wird, das weiß ich, ich durfte sie noch ansehen, bevor Ameisen und Würmer anfingen, sie aufzuessen.

Nach dem Telefonat habe ich damit angefangen. Juni Juli August September Oktober November, an Weihnachten hängen meine Haare in der Gänseleber, und Vater sagt mit Zigarre in der Hand, du siehst so verludert aus, so kannst du nicht mehr herumlaufen, es ist höchste Zeit, ich mache dir einen Termin bei Ludwig aus.

Dann fallen zwei Tage später Haare auf weißen Marmor, und ich denke, Jette, schau, schau doch, da liegen deine Haare, deine sind das, sieh sie dir doch an, wie kommen deine Haare auf diesen kalten, weißen Boden?

Der Frisör, der eigentlich gar nicht Ludwig heißt, packt mir die Haare ein, ihre Haare, ihre blond-rot-braunen Haare in durchsichtigem Plastik, ihre, die ja eigentlich meine sind.

Im Taxi halte ich das Päckchen fest in der Hand, ich schwitze, und das, obwohl jetzt doch eigentlich nichts mehr da ist, auf meinem Kopf, was mich wärmen könnte.

In meinem eins achtzig Bett weine ich leise, sodass mich keiner hören kann und keiner sagen kann, ja ja, oh Gott, natürlich darfst du weinen, ist eine schwere Zeit; das will ich nicht hören, das kann ich nicht hören, ich tue also so, als wäre alles ganz leicht, ich meine, ich kannte sie erst eine Woche.

Es gibt Leute, die echt verrückt sind, die sammeln Katzen aus Porzellan und geben ihnen Namen, so wie Kitty und Molly und Tristan, und stellen sie dann im Regal auf, und am Putztag einmal die Woche wedeln sie selbst den Staub von denen herunter, anstatt es die Putzfrau tun zu lassen. Das sind verrückte Leute, und wir beide haben uns immer über die lustig gemacht, Jette und ich, über solche Leute wie meine Mutter. Über ihre haben wir uns aber auch lustig gemacht, und wir konnten nicht mehr vor Lachen, das war Ende April. Da hat es geregnet, und ihre Mutter hat sich im Bikini in den Garten gesetzt und so laut Supertramp angemacht im Haus, dass man es trotz Regen immer noch hören konnte. Uns beiden fielen drinnen fast die Ohren ab, aber egal, wir tanzten trotzdem. Ihre Mutter war allerdings mehr lustig verrückt als meine, ganz anders als das Spießerverrücktsein, und trotzdem haben die beiden sich verstanden, unsere Mütter, als sie den gleichen Französischkurs in der Volkshochschule belegten und uns bei der Abschlussveranstaltung einander vorstellten, das ist Jette.

Deswegen verstehe ich auch nicht, wieso meine Mutter zu mir kommt an einem Dienstagabend im Februar, wieso sie kommt, zu mir an den weißen Tisch, über den ich mich beuge, und mich fragt, ob ich keinen Termin bei Susanne haben will, einer ganz tollen Psychologin, die sie jetzt duzt. Das frage ich mich wirklich, weil alles, was ich mache, ist hier zu sitzen, hier am zwei mal eins fünfzig Schreibtisch und mir die Haare anzusehen, meine und Jettes Haare, und dann an den Morgen zu denken, als sie mir ins Gesicht hingen und den Blick auf den blauen Himmel über uns versperrten. Da sind so viele verschiedene Töne drin in den einzelnen Haarsträhnen, und wenn ich das so sehe, dieses Durcheinander vor mir, blond mit rot und braun, das passt doch alles gar nicht zusammen, das ist wie ihr Kleid und ihre Haare und der Steg, dann kribbeln meine Finger, ich kann das doch nicht einfach so lassen, so unordentlich, das geht doch nicht, das muss sortiert werden.

Im März fragt meine Mutter mich nicht mehr, da kommt sie in mein Zimmer an meinen Schreibtisch und sagt, Schluss jetzt damit, Langenbach hat angerufen. Langenbach ist der Direktor, den sie nicht duzt und dem es wohl nicht gefällt, dass ich seit langer Zeit nicht mehr in der Schule war, sondern statt dessen am Schreibtisch sitzen bleibe und sortiere, nach braun und rot und blond, und ab und zu ins Wohnzimmer gehe, um eine von Vaters Zigarren aus der Holzschatulle zu holen. Die rauche ich dann ganz vorsichtig über dem weißen Schreibtisch, der inzwischen nicht mehr weiß ist, sondern mit ganz viel Blondrotbraun überdeckt. Das alles gefällt dem Langenbach wohl nicht, und Mutter schreit deswegen und schlägt auf den Tisch und bringt alles, alles durcheinander. Jetzt ist es wieder eine Menge von Farben, auf die Mutters Mund rot draufspuckt und meine Augen danach durchsichtig drauftropfen. Ich sage nicht Entschuldigung, sage nicht, dass mir die Hand ausgerutscht ist, aus Versehen, ich denke nur, dass die paar Tropfen Blut und Tränen zehn Stunden Arbeit heißen.

Vater besucht Susanne jetzt auch. Im April sage ich dann doch ja, und dann haben wir einen Termin zu dritt in dem weißen Zimmer mit den Sonnenblumen, die aus Plastik sind, als ich genauer hinsehe. Susanne sagt, ich darf weitermachen, weiter sortieren nach Farben, das sei gut so. Außerdem sei es total toll, diese Familienvereinigung heute, und ob wir uns nicht stark zusammen fühlen würden.

Es regnet draußen, Mairegen ein Jahr danach, aber alles scheißegal, denn ich sitze ja jetzt hier, am weißen Schreibtisch zwei mal eins fünfzig, und habe die Alben vor mir, die jetzt endlich fertig geworden sind, gerade habe ich das letzte Haar eingeklebt. Im Haus ist es still, die schlafen wohl alle schon, wie auch immer, ist mir nur recht so. Es sind jetzt zwanzig Alben, alle blau-grau und mit fast durchsichtigen Seiten dazwischen, so ist alles schön ordentlich. Ich blättere die Seiten durch von Band Zwei, das ist mein Lieblingsbuch, da sind die interessantesten Haare darin, rotstichig bis hellbraun, die anderen mag ich nicht so gern, natürlich sind die auch gut geworden, Jette. Das war wahnsinnig viel Arbeit, und ich bin stolz drauf, Jette, hörst du, stolz bin ich, auch auf platinblond bis honiggelb, auch auf die. Ich streiche über die Buchrücken und lächle, das kann ich jetzt wieder nach einem Jahr. Ganz glatt fühlt sich der Umschlag an, genau wie mein Kopf, genau wie die Tüte, in der sie waren, Jettes und meine Haare, damals, kurz nach Weihnachten. Wie der mit Halogenlampen beschienene Tisch, auf dem sie lag, vor einem Jahr. Im Wohnzimmer fühle ich die Holzschatulle mit den Zigarren und das Regal und die Katzen aus Porzellan, die meine Finger grau färben, als ich darüber streiche. So staubig sind Kitty und Molly und Tristan schon.

 


Externe Links:

Website Allitera Verlag

Lara Hampe beim Open Mike

Lara Hampe in der autorenedition sarabande


Kommentar schreiben