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24.03.2016, 13:37 Uhr
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© Literaturhaus München

Das Literaturhaus München zeigt eine Ausstellung zu Thomas Manns „Der Zauberberg“

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Sanatorium Valbella, um 1915 © Dokumentationsbibliothek Davos. Dieses Sanatorium war in seinem äußeren Erscheinungsbild Vorlage für das Sanatorium Berghof im Roman.

Das Literaturhaus München hat über die Jahre zahlreiche Ausstellungen zu Thomas Mann und seinen Werken gemacht. Am Ende der Amtszeit von Reinhard Wittmann, dem Leiter des Literaturhauses, der im Sommer von Tanja Graf abgelöst wird, steht nun Thomas Manns komplexester und schwierigster Roman: Der Zauberberg. Die Ausstellung ist ein Ausflug in die Welt des Romans, das Schweizer Hochgebirge und das Lungensanatorium, in der die fiktiven und die realen Besucher sich stets zwischen den Polen Tod und Amüsement bewegen. Die Ausstellung mit Begleitprogramm ist vom 16. März bis zum 26. Juni 2016 zu sehen.

*

Der Zauberberg erzählt die Geschichte Hans Castorps, einem angehenden Schiffsbauingenieur aus Hamburg, der – vor dem Antritt seiner ersten festen Stelle – seinen Vetter im Lungensanatorium in Davos, damals ein Zentrum der Tuberkulosetherapie, besuchen will. Bei der Untersuchung wegen einer Erkältung diagnostiziert der Leiter des Sanatoriums dem Besucher prompt eine tuberkulöse Stelle in seiner Lunge und rät Castorp zu einer stationären Behandlung. Aus geplanten drei Wochen Aufenthalt im Schweizer Hochgebirge werden, mehr oder weniger unfreiwillig, sieben Jahre.

Dem Mikrokosmos des Sanatoriums, in dem Castorp sich von nun an bewegt, umgeben von der Idylle des Schweizer Gebirges, ist auch der Aufbau der Ausstellung im Literaturhaus in München nachempfunden. Nach Reinhard Wittmann war es das Ziel, dadurch „die Atmosphäre des Romans einzufangen“. Der Gang durch die „Inszenierung“ des Zauberbergs folgt daher der Chronologie der Geschichte.

Die Kuratorinnen Karolina Kühn und Karin Becker haben dazu Exponate, Fotografien, Dokumente und Textauszüge zu fünf Stationen zusammengestellt. Aufgebaut sind die „Räume im Raum“ aus zwei Ebenen: Auf der einen Seite findet sich die szenische Darstellung des fiktiven Romangeschehens auf der anderen Seite läuft der historische Hintergrund zur Romanentstehung und zum Leben Thomas Manns mit – begleitet von einem umfangreichen Audioguide mit eingelesenen Romansequenzen.

Inspiriert wurde Thomas Mann durch einen Aufenthalt seiner Frau Katia in Davos im Frühsommer 1912, die sich dort wegen eines Lungenspitzenkatarrhs zur Kur aufgehalten hatte. Das Erleben des Alltags im Sanatorium und der einzigartigen Atmosphäre eines solchen von der übrigen Welt scheinbar abgeschlossenen Ortes sowie die Schilderungen seiner Frau in ihren Briefen ließen die erste Idee zu einer Novelle entstehen:

„[D]ie Erzählung nun, die ich plante – und die sofort den Titel ‚Der Zauberberg‘ erhielt –, sollte nichts weiter sein als ein humoristisches Gegenstück zum ‚Tod in Venedig‘, ein Gegenstück auch dem Umfang nach, also eine nur etwas ausgedehnte short story. […] Ihre Atmosphäre sollte die Mischung von Tod und Amüsement sein, die ich an dem sonderbaren Ort hier oben erprobt hatte. […] Ein simpler Held, der komische Konflikt zwischen makabren Abenteuern und bürgerlicher Ehrbarkeit, soweit ging mein Vorsatz. Der Ausgang war ungewiß, würde sich aber finden; das Ganze schien leicht und unterhaltsam zu machen und nicht viel Raum einnehmen.“

– Thomas Mann, Einführung in den ‚Zauberberg‘, 1939

In welchem Umfang sich der Text entwickeln und zu welchem „Zeitroman“ er anwachsen würde, hatte Thomas Mann damals noch nicht erahnen können. Auch die Ausstellung im Literaturhaus kann daher nur kleine ausgewählte Ausschnitte aus dem in der Erstausgabe zweibändigen Werk präsentieren.

 

Eindrücke aus der Ausstellung © Literaturportal Bayern

Den Prolog bilden die Zugfahrt in die Berge und die Entstehung des Romans. Hierfür wurde von Karin Becker, Dokumentarfilmerin und eine der Kuratorinnen, der Blick auf die Berge aus dem Zugfenster während der Fahrt nach Davos aufgezeichnet. Ein Blick in die Berge, der sich über die lange Zeit kaum verändert hat.

Als erste Station im Sanatorium folgt dann die Terrasse für die Liegekur an der frischen Luft, der sich die Tuberkulosekranken täglich mehrere Stunden unterziehen müssen. Zwei Nachbauten der historischen Liegen aus den Sanatorien in Davos mit Blick auf die Berggipfel laden dazu ein, die schönen Seiten der „horizontalen Lebensweise“ nachzuempfinden. Medizinische Utensilien wie ein „Blauer Heinrich“ (ein Spucknapf für die an Tuberkulose Erkrankten) und eine „Stumme Schwester“ (ein Fieberthermometer, das die Temperatur verdeckt anzeigt) erinnern aber auch daran, dass sich hier teilweise todkranke Menschen aufhielten.

Die zweite Station bildet ein „lustvoller Salon“. Hier verbrachten die betuchten Kranken ihre Abende mit Musik, Film, Spielen, Wein und Zigarren, um sich die Zeit zu vertreiben und die Gedanken von Krankheit und Tod abzulenken. Amüsement und Erotik finden hier Einzug in die Welt des Sanatoriums. Der Romanleser erhält Einblicke in seine Gesellschaft, die zwischenmenschlichen Beziehungen und Castorps Liebe zur Russin Clawdia Chauchat. Eine besondere Rolle spielt auch das Grammophon als Verweis auf das Kapitel „Fülle des Wohllauts“, in dem sich Thomas Manns Leidenschaft für die Musik offenbart: Sie war ihm das „Paradigma aller Kunst“.

Durch die dritte Station wird der Ausstellungsbesucher vom Rausch des Salons in die (fiktive) Wirklichkeit des Sanatoriums zurückgeholt und an die Allgegenwart von Krankheit und Tod erinnert. Tuberkulöses Husten als atmosphärischer Hintergrund für medizinische Gerätschaften und Utensilien wie Skalpelle und Zangen zur Entfernung der Rippen zeigen deutlich die bedrohlichen Seiten der Tuberkulose – die dritthäufigste Todesursache zu dieser Zeit. Auch Hans Castorp wird hier mit dem Tod konfrontiert: Als er auf eine Röntgenaufnahme seiner Hand blickt, sieht er darin „in sein eigenes Grab“. Anhand der ausgestellten Dokumente und der Vergleichsstellen aus dem Roman wird hier deutlich, wie umfangreich Thomas Mann auch die medizinischen Aspekte der „weißen Pest“ und ihrer Therapie recherchiert hatte.

Die letzte Station befindet sich wieder außerhalb des Sanatoriums in der Bergwelt und steht für das zentrale „Schneekapitel“ im Roman. Hier wird der Gegensatz zwischen Innenwelt und Außenwelt in zweifacher Hinsicht aufgemacht: einerseits zwischen dem Sanatorium als Mikrokosmos innerhalb der Weite des Gebirges und andererseits zwischen dem geselligen Leben im Sanatorium und Gedankenwelt Castorps. Der schlichte Held sucht während seines siebenjährigen Aufenthalts nach geistigen Einblicken über das Leben und den Tod. Als er bei einer Schneewanderung die Orientierung verliert und im grenzenlosen Weiß in Träumen und Visionen versinkt, hat er eine finale Erkenntnis: „Der Mensch soll um der Güte und der Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Bei der Rückkehr ins Sanatorium hat Castorp diese Einsicht allerdings bereits wieder vergessen.

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Epilog und das Einbrechen des Ersten Weltkriegs in die Sanatoriumswelt, der das Treiben auf dem „Zauberberg“ beendet. Für die Besucher verlaufen von dort aus zwei Wege: zurück in das Sanatorium oder weiter hinaus in die Berge.


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