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22.03.2016, 13:59 Uhr
Katharina Winkler
AutorInnen-Blog
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© Cornelia Zetzsche

Ein Gespräch mit der diesjährigen Wortspiele-Gewinnerin Katharina Winkler

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Für ihren Textauszug aus dem Roman „Blauschmuck" (Suhrkamp Verlag) hat die in Berlin lebende Autorin Katharina Winkler bei den diesjährigen Münchner Wortspielen den Bayern-2-Preis gewonnen. Die Jury lobte unter anderem das „große Einfühlungsvermögen" und das „poetische Gespür", mit dem die Autorin die Stimme ihrer kurdischen Figur Filiz hörbar macht und eine berührende literarische Form für ihr Leben in einer menschenfeindlichen Welt findet. Wir sprachen mit der frischgebackenen Gewinnerin.


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Herzlichen Glückwunsch! Mal abgesehen davon, dass Sie gewonnen haben – wie war’s dieses Jahr denn so? Was blieb bei Ihnen besonders hängen?

Die Texte waren am beeindruckendsten. Und ihre Autoren. Der internationale Charakter des Festivals ist wunderbar, die inhaltlichen und sprachlichen, poetischen Fernreisen, die man an diesen drei Abenden unternommen hat, waren sehr inspirierend. Man hat neue innere und äußere Welten entdeckt. Der unprätentiöse Charakter des Festivals ermöglicht dem Publikum, den Autoren und ihren Texte sehr nahe zu kommen.

Dieses Jahr waren besonders viele Debüts am Start. Was ist Ihr Eindruck von den diesjährigen Texten – gibt es da etwas Übergreifendes, eine Linie, einen Trend?

Ich freue mich, dass sämtliche Texte und ihre Autoren so reich, so eigenständig waren, dass für mich die Diversität im Vordergrund stand, kein Trend.

In Ihrem Roman Blauschmuck schreiben Sie ebenso poetisch wie oft erschreckend über das von vielschichtiger Gewalt bestimmte Leben einer jungen Kurdin. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Können Sie Hintergrund und Entstehung ein wenig erläutern?

Ich hatte das Privileg, meiner Hauptfigur zu begegnen, sie jahrelang zu begleiten und ihren Emanzipationsprozess mitzuerleben. Nachdem ihr die Emanzipation geglückt war, habe ich sie gebeten, mir ihre außergewöhnliche und ermutigende Geschichte anzuvertrauen. Dabei sind fast 60 Stunden Tonmaterial entstanden. Damals, ich war Anfang zwanzig, war mir bewusst, dass ich noch keine Sprache hatte, um die Geschichte zu erzählen. Erst zehn Jahre später habe ich mich an das Projekt gewagt.

Auch formal sticht Ihr Roman heraus: Was steckt hinter der Entscheidung, den Text als Gefüge von Prosaminiaturen zu komponieren?

Die Lust am Elementaren, Existentiellen. Ich habe versucht, ein Destillat zu erzeugen, den Kern zu erfassen. Ich wollte kein Wort, das nicht nötig ist. Außerdem die Lust am Ungeschriebenen, an der Leerstelle. Richtig gesetzt kann die Stille Abgründe, Emotionen und Bilder beherbergen wie das Wort. Entscheidend war wohl nicht zuletzt das Vertrauen in den Leser. Ein Buch vervollkommnet sich ja immer erst im Leseprozess. Ich wollte nichts „auserzählen“, wollte weder bis in die letzten Winkel der Geschichte schreiben, noch bis in die letzten Winkel des Lesers. Ich wollte dem Leser die Möglichkeit geben, die Bilder, die in ihm entstehen, selbst in sich auszubreiten und lebendig werden zu lassen, wollte seinen Emotionen Raum geben.

Momentan wird viel darüber diskutiert, inwiefern man sich als deutscher Künstler einem so drastischen ‚fremden‘ Leid überhaupt anverwandeln sollte – oder ob das dann ein neuerlicher Akt der Usurpation ist. Wie sehen Sie das?

Menschliches Leid ist an keine Kultur gebunden. Warum sollen sich Literatur und Kunst im Allgemeinen damit nicht auseinandersetzen?

 


Externe Links:

Wortspiele Festival

Katharina Winkler im Suhrkamp Verlag


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