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Über den Kleinverlagspreis und den Markt der unabhängigen Verlage auf dem Literaturfest München

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Die Münchner Servus-Band: Tobias Ruhland, Hackbrett / Julia Pfaller, Gesang / Stefane Gruber, Gesang (Foto: Peter Hemza)

„Ich möcht gern an Biersee, so groß wia da Schliersee“: Diesen Reim der Servus-Band, die die Verleihung des Preises für einen bayerischen Kleinverlag mit ausgestellter Ironie musikalisch begleitete, wollte – schließlich handelt es sich um ein literarisches Stilmittel! – freilich keiner der folgenden Redner unkommentiert lassen. Reinhard G. Wittmann, Chef des Literaturhauses und Mitglied der Jury, trat als Erster ans Pult: Solche Durstbeschwörung sei wirklich „ein bisschen hinterfotzig“, da nun erst einmal der Preis verliehen werden wolle und es die Getränke erst danach gebe. Kunstminister Dr. Wolfgang Heubisch wiederum empfahl in Sachen Schliersee gerade kein Bier, sondern einen Whiskey namens „Slyrs“, der an dessen Ufer gebraut wird.

Doch damit nicht genug der Erwähnungen leiblicher Genüsse, denn auch der Name des Verlags, der in diesem Jahr den Kleinverlagspreis erhielt, meint ein Nahrungsmittel – und lädt nicht nur deshalb zur freien Assoziation ein. Heubisch entdeckte ganz verschiedene Gemeinsamkeiten zwischen starfruit publications und der Sternfrucht, jenem Obst, das für den Namen Pate stand: „Die Form, die ihr den Namen gibt, zeigt sie erst im Querschnitt“, auch seien beide „aufregend und frisch“. Moderator Moritz Holfelder ergänzte wenig später die Eignung der Sternfrucht für Diäten: Das Programm von starfruit publications sei ja tatsächlich ein ziemlich schmales.

Dreimal Preisträger Manfred Rothenberger: mit Kunstminister Dr. Wolfgang Heubisch; mit Dr. Jörg Platiel, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der zwei Fortbildungsgutscheine überreichte; und im Gespräch mit dem BR-Autor Moritz Holfelder (Fotos: Peter Hemza)

Der 2009 von Manfred Rothenberger und Kathrin Mayer in Nürnberg gegründete Verlag publiziert in jedem Jahr nur ein einziges Buch. Was kaum verwundert, denn Rothenberger ist im Hauptberuf Leiter des Instituts für moderne Kunst in Nürnberg. Vor ein paar Jahren kam ihm die Idee, Künstler und Schriftsteller für und in einem Buch zusammenzubringen: „In gewissem Sinne bin ich auch ein kleiner Verkuppelungsdienst“, sagte er im Gespräch mit Holfelder. Und warum dann die Sternfrucht? Auf der Suche nach einem Logo hätten, erklärt Rothenberger auf diese Frage, weniger philosophische als vielmehr optische Kriterien eine Rolle gespielt.

Draußen kündet eine türkisfarbene Flagge von dem Markt der unabhängigen Verlage, drinnen locken lauter schöne Bücher © Alke Wendlandt

Besser hätte man den Markt der unabhängigen Verlage, der traditionell das Literaturfest München beschließt und sich schon in seinem sechsten Jahr zur echten Institution entwickelt hat, kaum eröffnen können. Denn die Bücher, die es dort zu sehen (und kaufen) gab, überzeugen nicht allein durch innere, sondern gleichermaßen auch durch äußere Werte. Ohnehin lag ein Hauptaugenmerk in diesem Jahr auf Graphic Novels, in denen – wie in Rothenbergers starfruit-Büchern, wenn auch auf ganz andere Weise – Bild und Text etwas Neues, ein Drittes bilden.

Was genau ein Graphic Novel ist? Das wollte auch Moderatorin Katja Huber auf der Podiumsdiskussion am Samstagnachmittag wissen. Laut Jutta Harms – Verlegerin des Reprodukt Verlags und damit eine der Vorreiterinnen des Graphic-Novel-Trends, da Reprodukt bereits seit 1991 ausschließlich Comics und Graphic Novels im Programm hat – ist der Begriff zwar mittlerweile Gegenstand der Forschung, bislang jedoch nicht „literaturtheoretisch belastbar“. Entstanden sei er, um abgeschlossene erzählerische Werke vom Comic abzugrenzen, das meist als Serie verstanden werde und in Deutschland zudem keinen sonderlich guten Ruf genieße. Reprodukt hat selbst ein kleines Faltblatt gedruckt (pdf), in dem ein kurzes Graphic Novel erklärt, was ein Graphic Novel ist. Dass mittlerweile auch die großen Verlage den Trend erkannt zu haben meinen und Graphic Novels publizieren, betrachtet Harms mit ein wenig Sorge: „Wenn die anfangen, mit uns um Lizenzen zu bieten, haben wir ein Problem“.

Auch Manfred Rothenberger, neben Andrea Schmidt vom Verlagshaus J. Frank und Jürgen Lagger vom österreichischen Luftschacht-Verlag (noch so ein assoziationsreicher Name!) der vierte Teilnehmer der Runde, sorgte sich um die Nachhaltigkeit des Graphic-Novel-Engagements der „großen Dicken“, darunter etwa der Suhrkamp Verlag. Andrea Schmidt erkannte es dagegen als schönen Moment, „wenn kleine Verlage die großen auf diese Weise beeinflussen“.

Ausstellungswand mit Illustrationen, Luftschacht-Stand (beide: © Alke Wendlandt), Seite aus dem Reprodukt-Novel Quai d’Orsay von Blain & Lanzac (© Reprodukt Verlag)

Dass im Grunde jeder auf dem Podium dem Ebook ein wenig kritisch gegenüber steht, obwohl es als solches keinesfalls abgelehnt wird, hat profanere Gründe, als die öffentliche Debatte manchmal glauben machen will: Die Bücher, die Reprodukt, starfruit publications, Luftschaft, J. Frank und all die anderen bemerkenswerten Verlage herstellen, die an diesem Wochenende ihre Werke präsentierten, lassen sich nunmal nicht ganz so einfach ins Digitale übersetzen. Weil ihre inneren Werte eben immer auch äußere sind (und umgekehrt).


Externe Links:

Info-Website über Graphic Novels


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