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02.12.2015, 13:23 Uhr
Gerd Holzheimer
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© Volker Derlath/A 1 Verlag

Der Schriftsteller Gerd Holzheimer über den Jammersee des Herbert Achternbusch

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Spiegel bayerischer Literatur und Kultur, fundiert und unterhaltsam, Essays, Prosatexte und Gedichte von prominenten und unbekannten Autoren: Das ist Literatur in Bayern. Seit 30 Jahren informiert sie über das literarische Geschehen des Freistaats. Die aktuelle Ausgabe enthält neben Texten von u.a. Gerhard Polt, Tanja Kinkel und Gerhard Köpf auch diesen Beitrag des Herausgebers Gerd Holzheimer über den Schriftsteller Herbert Achternbusch.

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Wenn vor lang vergangenen Zeiten ein Reporter in einem Magazin wie dem Stern meint, er müsste über das Wechselverhältnis zwischen Wirtshaus und Kultur in Bayern schreiben, dann meint er zum Beispiel, dass ein Autor wie Herbert Achternbusch die „Arbeiter, Bauern und Handwerker", die mit ihm im Wirtshaus beim Bier sitzen, mit in seine Träume nimmt und sie ihr Leben spielen lässt, „das sie im Leben nicht spielen dürfen". Allen Ernstes meint so ein Reporter: „Die da hocken, sind die leibhaftigen Darsteller seiner Filme", und so weiter. Er „weiß, was im Volk rumort". Vor allem im Gasthof Würmtal zu Gauting.

Ein Magazin hat eine bestimmte Vorstellung von einem Land wie Bayern und betraut einen Autor mit einer Reportage über dieses Land, welche dieser Vorstellung entspricht. Er kennt das Land nicht, das Volk schon gar nicht, und hält einen, der das Volk auch nicht kennt, sondern nur sich selbst, für das Volk, weil er im Wirtshaus sitzt, Bier trinkt und Bücher schreibt.

Allerdings ist der Mann dermaßen Kult, dass man ihn nicht nicht lustig finden darf. Seine Gemeinde definiert sich reflexartig summarisch als Gegengemeinde gegen ein offizielles Bayern, so dass man automatisch diesem wie auch immer gearteten offiziellen, auf jeden Fall zutiefst verwerflichen Bayern zugeschlagen wird, wenn man eventuell, wie gesagt, den von der Gemeinde zur Kultfigur Erhobenen nicht lustig findet. Oder zum Beispiel den Ammersee als Jammersee zu bezeichnen, wie es Achternbusch tut in Buch wie Film mit dem Titel Die Föhnforscher. Nicht besonders lustig auch, dass die Amerikaner den Bayern eine Atomrakete schenken, die in Analogie zur „Pershing 2" nun „Herrsching 2" heißt. Aufgestellt im Turm vom Kloster Andechs, weil, so Achternbusch, Christus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch." Oder dass „nur die allerwenigsten Herrschinger ihre Krankheit als Menschen überleben". Die meisten, weiß Achternbusch, „regenerieren zu Affen".

Zu den wenigen Zeitgenossen, die ihre Stimme gegen den großen Meister zu erheben wagten, gehört der Filmkritiker Wolfgang Limmer, seinerzeit in Der Spiegel in der Ausgabe 33/1985. Beim Thema der „Kollektivschuld" hört seiner Meinung nach der Spaß auf. Limmer zitiert: „Von friedfertigen Menschen wurde der Ammersee erkoren, die Asche der Juden aufzunehmen ... Da es aber den Herrschingern nicht genügte, die Asche ihrer Opfer der Asche der jüdischen Opfer in den Jammersee nachzuwerfen, bekamen die Herrschinger die erste und einzige bayrische Atomrakete, eben die Herrsching Zwo. Aber ich glaube, die Fische sangen. Sie sangen wahrscheinlich blau blau. Wahrscheinlich, weil sie lieber blau als gebraten verspeist werden." Limmer betont, dass er das Zitat „nicht aus dem Zusammenhang gerissen" habe. „Den gibt es gar nicht. Wenn einer so saudumm daher kalauert  na gut. Schlimm wird es nur, wenn Achternbuschs Muezzins von ihren publizistischen Minaretten zum Gebet rufen und sich des Dichters Gemeinde gläubig gen Andechs verneigt."

Man kann sich aber noch immer sauber einen Schiefer einziehen, wenn man solches wagt auch noch öffentlich zu äußern wie zum Beispiel der Verfasser anlässlich einer Podiumsdiskussion im hochehrbaren Literaturhaus der Landeshauptstadt München, auf der Bühne mit den Herren Jörg Drews und Albert Ostermaier, Jessasna. Es ist ein eigentümliches Phänomen, dass gerade Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, altehrwürdigen Institutionen nicht vorhandene Mauern einzureißen, sich flugs in noch größere Fundis verwandeln, wenn sie sich auch nur ein wenig angegriffen fühlen in ihren Seinsvergewisserungen.

Aber wie sagte einst schon der große Meister H. A. selbst: „Was ist schon lustig? Eine Bratwurst ist lustig!"

 

 

 

 

 

 


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