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24.11.2015, 13:01 Uhr
Katja Huber
AutorInnen-Blog
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© Edward Beierle

Katja Huber und Gesche Piening über ihr Kunstprojekt aus Hörparcour, Ausstellung und Konzert

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Die Premierenwoche hat begonnen, und zumindest uns ist klar, wie und was „WER WOLLT IHR WERDEN?“ werden soll. Da uns aber in den letzten Wochen immer wieder Fragen gestellt worden sind wie: „Was macht Ihr da genau?“, „Wozu soll ich ins Taxi steigen und wer zahlt die Fahrt?“ oder „Was bitte hat die Ausstellung mit einem Konzert und einer Taxifahrt zu tun – und das Ganze noch mit Theater?“, hier ein paar Punkte zur Klärung.

Was?

Der Titel ist auch gleichzeitig die Grundfrage des Abends: WER WOLLT IHR WERDEN? Um darauf eine Antwort finden zu können, müssen die Besucherinnen und Besucher zunächst einmal herausfinden, wer sie – hier und heute – sind. Und das passiert auf einer 20-minütigen Taxifahrt durch den Stadtraum München. Während dieser Taxifahrt läuft ein Audio-Guide, eine Art persönliches Coaching, anhand dessen jeder seinen persönlichen Status Quo ermitteln kann und von dem aus jeder anschließend in der Villa Stuck verbessert wird.

Wir haben dafür eine zeitgemäße Methode entwickelt, das sogenannte Up-Cycling. Die Besucherinnen und Besucher werden nicht re-cycelt, sondern up-gecycelt. Und dieses Up-Cycling findet in Form eines Ausstellungsparcours statt, der aus acht großen Installationen mit knapp 20 kurzen Filmen besteht; Dauer: etwa 45 Minuten. Abschließend wird dann in einem gut einstündigen Konzert, dem „Anarchischen Ausgleichsraum" im Foyer der Villa Stuck, ermittelt, wie groß die „emanzipatorischen Möglichkeiten" unserer Besucherinnen und Besucher sind. Unter dem Motto „Wenn Kunst die Welt verändern könnte, wäre sie sicher verboten" wird alles performt, was das subversive Herz begehrt. Für dieses Konzert, das live zu sehen sein wird, wurden eigens 15 Songs von fünf verschiedenen Musikformationen komponiert, allesamt mit spektakulären Ausnahmemusikern wie beispielsweise Knarf Rellöm, Manu Rzytki (Parasyte Woman), Claudia Kaiser (Die Moulinettes)  Richard Oehmann (Café Unterzucker, Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater) oder der extra für dieses Projekt ins Leben gerufene Erste Münchner Casting-Chor.

Wie?

Der Untertitel des Projekts lautet ja: „ein professioneller Optimierungsguide“. Natürlich haben wir uns bei der Konzeption dieses Guides an zeitgemäßen Coaching-Angeboten „orientiert“ bzw. uns überlegt, wie ein Coaching-Angebot aussehen müsste, das den Coachee tatsächlich zwingt, die Frage zu stellen: Warum setze ich mich eigentlich all diesem Wahnsinn aus?

Man stelle sich das als Mischung aus Psycho- und Intelligenztest und professioneller Evaluierung vor, nur dass wir keine Testergebnisse, Rezepte oder Anleitungen liefern, sondern dem Besucher die Möglichkeit bieten, selbst zu überlegen, wie es denn nun weitergehen soll mit seinem Leben.

Vom Theater (Gesche Piening) und Radio und Roman (Katja Huber) kommend, hat uns das Interdisziplinäre des Projekts besonders gereizt. Auch wenn wir bisher keinerlei Erfahrung z.B. in der „Ausstellungsmacherei“ haben und wissen, dass unser Publikum bestimmt nicht einheitlich aus radiohörenden (vgl. Gesche Pienings Radiofeature Besser ist nicht gut genug) Museumsbesuchern mit großer Affinität zur Performance und Neugier auf neue Formate besteht, hoffen wir natürlich, dass unsere Idee, den „Theaterbesucher“ an einem Abend ins Taxi zu verfrachten, durch eine Ausstellung zu schleusen und ins Konzert zu schicken, aufgeht.

Wozu?

Das Thema Burn-out ist in aller Munde, man kann es schon fast nicht mehr hören. Die Aufforderung, persönliche Leistungs- und Belastungsgrenzen permanent zu sprengen, ist omnipräsent. Die Erwartung, ständig mehr aus sich zu machen, entspringt einer hochideologischen Verwertungslogik und schürt Abstiegsängste. Diese Verwertungslogik und unsere Abstiegsängste haben uns voll im Griff. „WER WOLLT IHR WERDEN?" greift diese Punkte auf.

Die Aufforderung zur Selbstoptimierung kann ein sehr wirkmächtiges Druckmittel sein, Menschen dazu zu bringen, dauernd die persönlichen Belastungsgrenzen zu überdehnen, um ja nicht abgehängt zu werden. Aber an diesen Belastungsgrenzen lernt man nicht besonders gut, man re-agiert nur noch und konzentriert sich bloß auf sich selbst. Auf den eigenen engen Dunstkreis. Was ist das für eine Gesellschaft, in der jeder nur noch damit beschäftigt ist, sich selbst zu optimieren?! Hat Solidarität dann überhaupt noch einen Stellenwert?

Als Trainerin und Dozentin bekommt Gesche Piening von sehr unterschiedlichen Leuten aus verschiedensten Zusammenhängen stereotyp immer die gleiche Geschichte erzählt, wenn es um den Druck geht, „mithalten" zu können oder zu müssen. Hervorragend wäre es daher, wenn  „WER WOLLT IHR WERDEN?“ tatsächlich zu einer größen Diskussion beitragen könnte: Wie sinnhaft es ist, dass immer weniger Menschen unter immer größerem Druck immer mehr arbeiten, anstatt die Arbeit breiter zu streuen? Außerdem wünschen wir uns, dass uns allen wieder bewusster wird, dass es sich hier nicht um ein individuelles Thema handelt, sondern um ein strukturelles. Was strukturell aus den Fugen läuft, kann nicht individuell gelöst werden.

 


Externe Links:

Website Katja Huber

BR-Beitrag

Weitere Informationen und eine ausführliche Künstlervita unter: www.wer-wollt-ihr-werden.de und www.geschepiening.de

Mehr Informationen zum Projekt und den beteiligten Künstlern unter: www.kathrin-schaefer.com


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