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19.11.2015, 11:38 Uhr
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Redaktionsblog
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© Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag

Das Literaturfest München ist eröffnet!

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Schon der vielversprechende Einstand des diesjährigen Literaturfests am Mittwochabend machte es deutlich: Die sogenannte 'Flüchtlingskrise' rückt das engagierte Programm des Kurators Albert Ostermaier ganz nah heran an die gesellschaftliche und politische Aktualität. Nicht umsonst ist es mit front:text überschrieben und versucht, wie Ostermaier auf der Bühne des Gasteigs eingangs erläuterte, mit den Autoren aus gegenwärtigen Kriegsgebieten in konstruktiv-kreativen Kontakt zu treten. Es geht um das „(Über)Leben in Krisenzeiten" und um Literatur als einen „Grenzverkehr", der nie nur einseitig verlaufen darf. 80 Autoren aus aller Welt werden hierzu in den nächsten Wochen lesen, debattieren – und so hoffentlich auch noch bestehende Kopfbarrieren überwinden. „Wir wollen einander auf Augen- und Herzhöhe begegnen", so Ostermaier, „es soll ein Fest des Kennenlernens sein". Natürlich könne Literatur keine Weltkonflikte lösen. Aber der politischen Metaphorik eine konkrete sprachliche Anschauung individuellen Leids entgegenzusetzen, sei ein wichtiger Beitrag. Schließlich liegt die besondere Kraft der Literatur in ihrem Möglichkeitssinn, in ihrer Offenheit: „In der Literatur können wir uns dem aussetzen, was wir nicht verstehen – oder sogar verachten."

Der erste ausländische Gast des Festivals war der syrische Dichter Adonis („ein Nietzsche der arabischen Welt“), dessen moderne arabische Lyrik inzwischen vielerorts so hoch geschätzt wird, dass er seit Jahren zum engen Kreis der Nobelpreiskandidaten zählt. In der Gesprächsrunde, an der außer Adonis und Ostermaier auch noch Moderator Stefan Weidner und der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert teilnahmen, wagte er immer wieder politische Analysen, sprach über das folgenreiche Ineinander von Staat und Religion in der arabischen Welt und den heiklen Sonderstatus von Saudi-Arabien: einerseits ideologisches Kraftzentrum des radikalen Islam, andererseits vermeintlicher Stabilitätsfaktor des Westens, der mit Samthandschuhen angefasst und sogar mit Waffen beliefert werde. Auch die europäische Flüchtlingspolitik beurteilte Adonis differenziert. Zwar lobte er die deutsche Haltung gegenüber den Geflüchteten; Europa habe aber insgesamt viel zu spät auf die Entwicklung reagiert, die sich bereits seit Langem abgezeichnet habe.

Adonis' Ausführungen, die deutlich machten, dass gute Literatur immer auch politisch ist, da sie von ihren gesellschaftlichen Produktionsbedingungen nie zu trennen ist, überdeckten wohlwollend so manche schon zu oft gehörte Phrase der anderen Gesprächsteilnehmer – wie jene über die Bedeutung von Sprache und Bildung für die Integration oder dass man in Sachen wechselseitiger Befruchtung bereits von Goethes West-östlichem Divan einiges lernen könne.

Noch intensiver hätten zudem viele Zuhörer Adonis folgen können, wären die Übersetzungskopfhörer etwas durchdachter verteilt worden oder hätte man einfach einen Übersetzer mit auf die Bühne bemüht. Auch eine Frage zu der jüngsten Kontroverse um Adonis' Auszeichnung mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wäre angemessen gewesen. Und eine weibliche Teilnehmerin hätte der Gesprächsrunde ebenfalls nicht geschadet – nicht nur weil es immer wieder auch um Frauenrechte ging.

Hervorragend besetzt war dagegen die Rahmung des Gesprächs durch Musik und gelesene Literatur: Der Schriftsteller Gert Heidenreich und die Schauspielerin Wiebke Puls trugen eindringlich Passagen über Flucht und Vertreibung aus Werken von Mascha Kaléko, Bertolt Brecht, Jenny Erpenbeck und Abasse Ndione vor. Weltmusikalische Oud- und Saxofonklänge von Roman Bunka und Roland Schaeffer verliehen dem Abend dazu dezent den passenden Resonanzraum, bevor die Zuschauer wieder durch den Gasteig strömten, die Verlagsstände der 56. Münchner Bücherschau studierten und sich die geballte Bücherbranche der Stadt wie jedes Jahr zu sich fortwährend neu formierenden Grüppchen sortierte.

 


Externe Links:

Homepage des Literaturfestes

Facebookseite des Literaturfestes

Albert Ostermaier im Suhrkamp Verlag

Börsenverein des deutschen Buchhandels

Literaturhaus München

Münchner Bücherschau


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