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12.11.2015, 10:30 Uhr
Gerhard Roth
AutorInnen-Blog

Gerhard Roth über Jean Paul und andere verwandte Geister

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Am 26. Oktober 2015 wurde der Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern an den österreichischen Schriftsteller Gerhard Roth überreicht. Die feierliche Verleihung durch Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle fand im Max-Joseph-Saal der Residenz in München statt. Gerhard Roth trug im Anschluss diese Dankesrede vor.

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               Der Wortzauberer Johann Paul Richter – genannt Jean Paul – und verwandte Geister

von Gerhard Roth


Jean Paul hat mich als Erster einen Spaltbreit in die Tiefen des Universums blicken lassen. Es war für mich eine ebenso bestimmende Erfahrung wie später die Begegnung mit Toten während der zwei Sezierkurse in der Anatomie, als ich Medizin studierte. Die Eindrücke waren nicht nur erhellend und nicht nur erschreckend, sondern beides zugleich: einerseits das Wunder der Sonnen, Planeten, Fixsterne, Kometen und Sternbilder – andererseits aber die grenzenlose, furchterregende Einsamkeit, einerseits das Wunder der Organe, die ich in der Hand hielt  Herz, Gehirn, verzweigte Gefäße, Nervenbahnen und Augen  andererseits jedoch die Scheu und der anfängliche Ekel vor den kalten, leblosen Körpern.

Zuerst lernte ich über Jean Paul das Universum kennen.

Ich war 17 Jahre alt und lag nach einer Nierenverletzung, die ich mir beim Fußballspiel zugezogen hatte, krank im Bett befreit vom Alltag und dem Gymnasium und geschwächt von der salzlosen und eiweißfreien Diät  als ich im Kofferradio zufällig die Lesung eines mir unbekannten Textes hörte. Eigentlich hatte ich den Sender Radio Luxemburg  damals eine verlässliche Station für  Rock ´n Roll und Popmusik  gesucht. Dabei hatte ich unerwartet die Worte gehört:

„Schnell stürzte sich mir die Erdkugel hinter dem reißenden Aufflug in den Abgrund, nur von einigen südamerikanischen Sternbildern bleich umgeben, und zuletzt blieb aus unserem Himmel nur noch die Sonne als ein Sternlein mit einigen Flämmchen von nahegerückten Kometenschweifen übrig. Vor einem fernen Kometen, der von der Erdensonne kam und nach dem Sirius flog, zuckten wir vorüber."

Ich vergaß den Luxemburger Sender, Elvis Presley, Chuck Berry und Bill Haley  gebannt von den hypnotischen Sätzen, die ich aus dem Lautsprecher hörte.

„Jetzt flogen wir durch die zahllosen Sonnen so eilig hindurch, dass sie sich vor uns kaum auf einen Augenblick zu Monden ausdehnen konnten, ehe sie hinter uns zu Nebelstäubchen einschwankten; und ihre Erden erschienen dem schnellen Fluge gar nicht", hörte ich weiter und noch weiter: „Endlich standen die Erdsonne und der Sirius und alle Sternbilder und die Milchstraße unseres Himmels unter unseren Füßen, als ein heller Nebelfleck mitten unter kleineren tiefen Wölkchen. So flogen wir durch die gestirnten Wüsten: ein Himmel nach dem anderen erweiterte sich vor uns und verengerte sich hinter uns – und Milchstraßen standen hintereinander aufgebaut in den Fernen, wie Ehrenpforten des unendlichen Geistes."

Wer hatte das geschrieben, fragte ich mich in einem fort, während ich zunehmend in einen Sog geraten war, der mich schließlich selbst in das Weltall schleuderte, ein Weltall, das sich aus dem Gedankenhimmel bildete und aus einer geheimnisvollen Mixtur biblischer Wortklänge, aus Musiksprache, kristallinem Farblicht und imaginären, schwindelerregenden Flugbewegungen. Ich erstaunte besonders über die Bilder, die dabei vor meinem inneren Auge  erschienen, Bilder, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Es war das erste Mal, dass ich mir eine Vorstellung von der Schöpfung machte.

Mehr als zehn Jahre später stieß ich beim Studium des Buddhismus auf den Begriff  „Satori", der  „Verstehen" heißt und etwas wie Erleuchtung meint. Jean Paul beschrieb, kam mir im Nachhinein vor, sein eigenes „Satori", seine eigene Erleuchtung und hatte mich als Zuhörer mit auf seine Kopfreise genommen.

Der Vortrag aus dem Kofferradio war für mich zugleich Metaphysik und Science Fiction gewesen, ähnlich wie einige Jahre darauf, als ich die Vision des Propheten Hesekiel vom göttlichen Thron in der Bibel und die bizarre Literatur von Philip K. Dick las oder die genialen Filme Andrei Tarkowskis und David Lynchs im dunklen Universum des Kinos sah.

Ich kann jetzt natürlich nicht alles aufzählen und auf alles eingehen, bei welchen Büchern und Filmen und welcher Musik – von Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner, von Gustav Mahler, der sich bei seiner ersten Sinfonie sogar  durch Jean Pauls Titan inspirieren ließ und ihr vor der mehrfachen Überarbeitung den Buchtitel als Namen gab, bis Arvo Pärt – ich will also, wie gesagt, jetzt auch nicht darauf eingehen, bei welchen Kunstwerken mir von da an Jean Pauls Traum über das All aus seinem fragmentarischen Roman Der Komet oder Nikolaus Markgraf einfiel, möchte aber doch die Dichter Dante Alighieri und vor allem Adalbert Stifter anführen, der von Jean Paul beeinflusst und angeregt wurde, wie er selbst festhielt.

Bei Dante ist es naheliegend, an Jean Paul zu denken. In der Göttlichen Komödie entwirft der florentinische Dichter ein Universum, das von Dämonen, Heiligen, Verdammten, dem Fegefeuer Ausgelieferten und schließlich den Seligen bevölkert ist, also ein vom Christentum angeregtes, gespenstisches Weiterleben nach dem Tod, während Jean Paul auf ebenso grandiose Weise das Sterben selbst als eine Art Traum darstellt.

Als ich im Alter von 21 Jahren aufgrund übermäßigen Genusses von Espressi und Zigaretten während der Vorbereitung auf die Rigorosumsprüfung in Anatomie hinter der Eingangstür meines damaligen Wohnhauses einen Herzstillstand erlitt, kam der Schachbrettboden des Flurs wie eine Zugbrücke auf mich zu, und nachdem ich in der plötzlichen Dunkelheit von einem strahlend hellen Licht angezogen wurde und anschließend gänzlich das Bewusstsein verlor, rettete, wie ich später erfuhr, mein Vater, der Arzt war und gerade von einer Visite zurückkam, mit einer Injektion mein Leben.

Mir fiel erst im Krankenhaus ein, dass mein letzter Gedanke „Sterben ist leicht“ gewesen und mein Jenseitssturz nur durch einen Zufall unterbrochen worden war, denn wahrscheinlich wäre ich sonst weitergeflogen, wie es Jean Paul mehrmals beschrieben und Hieronymus Bosch gemalt hat.

Vor allem bei der Lektüre von Adalbert Stifters Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842 dachte ich an Johann Paul Friedrich Richters Traumschilderungen.

Stifter beobachtete das Naturereignis vom Haus No. 495 der Hohen Warte in Wien aus. Es dauerte nur zwei Minuten, und die unvergessliche Beschreibung des Autors endet mit den Sätzen: „Ihr aber, die es im höchsten Maße nachempfunden, habet Nachsicht mit diesen armen Worten, die es nachzumalen suchten und so weit zurückblieben. Wäre ich Beethoven, so würde ich es in Musik sagen; ich glaube, da könnte ich es besser."

„Nebelbänke", schreibt Stifter in der Sonnenfinsternis, „die schon lange am äußersten Erdsaume gequollen, und bloß mißfärbig gewesen waren, machten sich nun gelten, und schauderten in einem zarten furchtbaren Glanze, der sie überlief – Farben, die nie ein Auge gesehen, schweiften durch den Himmel: – der Mond stand mitten in der Sonne, aber nicht mehr als schwarze Scheibe, sondern gleichsam halb transparent, wie mit einem leichten Stahlschimmer überlaufen, rings um ihn kein Sonnenrand, sondern ein wundervoller, schöner Kreis von Schimmer bläulich, rötlich, in Strahlen auseinander brechend, nicht anders, als gösse die oben stehende Sonne ihre Lichtflut auf die Mondeskugel nieder, dass es rings auseinander spritzte – das Holdeste, was ich je an Lichtwirkung sah!"

In der Geschichte Aus einem bairischen Walde hält Stifter fest, wie er 1866 nach einer Kur in Karlsbad zum Abschluss seiner Behandlung an den Fuß des Dreisselberges reiste und dort im November desselben Jahres einen „vielleicht in 1000 Jahren nicht wieder vorkommenden Schneefall im bairischen Walde unter erschütternden Umständen erlebt" habe. Die Beschreibung liest sich wie eine Hommage an Jean Paul und ist so intensiv, dass sich Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg bei der Schilderung eines Schneefalls davon inspirieren ließ.

„Das war kein Schneien wie sonst", führt Stifter aus, „kein Flockenwerfen, nicht eine einzige Flocke war zu sehen, sondern wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde, strömte ein weißer Fall nieder, er strömte aber auch wieder gerade empor, er strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, und dieses Flimmern und Flirren und Wirbeln dauerte fort und fort und fort, wie Stunde an Stunde zerrann. Und wenn man von dem Fenster wegging, sah man es im Geiste und man ging lieber wieder zum Fenster".

Auch Stifter hielt, wie Jean Paul, seine Gedanken über das All fest, und beide landeten dabei im Kosmos der Wörter, im Universum der Sprache, durch das der Dichter auf Pegasus' Flügeln segelt.

Preisträger Gerhard Roth und Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle © LPB

Als letzten mit Jean Paul verwandten Schriftsteller möchte ich Herman Melville erwähnen – wobei ich Lawrence Sterne und seinen Tristram Shandy, der von 1759 bis 1767 erschien, der Einfachheit halber hier nur kurz anführe – und einen Splitter aus dem 1851 veröffentlichten Roman Moby Dick und dem Kapitel Die Weiße des Wals zitieren:

„Ist`s, dass sie" – die weiße Farbe, schreibt Melville – „vermöge ihrer Unbestimmtheit, die Schatten der herzlosen Leeren und Unermesslichkeiten des Universums vorauswirft und uns so hinterrücks mit den Gedanken an Vernichtung erdolcht, wenn wir die weißen Tiefen der Milchstraße betrachten? Oder ist`s, dass, da die Weiße in ihrem Wesenskern nicht so sehr eine Farbe ist als vielmehr die sichtbare Abwesenheit von Farbe, und gleichzeitig die Verdichtung aller Farben; ist`s aus diesen Gründen, dass da eine solche stumme Abwesenheit von allem ist, hochbedeutungsvoll, in einer weiten Seelandschaft – eine farblose, allfarbige Welt ohne Gott, vor der wir zurückschrecken?"

Während ich das schreibe, wundert es mich im Nachhinein, welche Folgen meine Suche nach dem Sender Radio Luxemburg vor 55 Jahren hatte.

Jean Pauls Traum über das All endet mit den Sätzen: „Aber nach dem Erwachen hatte ich die Wonne noch, und ich sagte: 'Oh! Wie schön ist das Sterben in der vollen, leuchtenden Schöpfung und das Leben! Und ich dankte dem Schöpfer für das Leben auf der Erde und das künftige ohne sie."

Bis heute erinnere ich mich auch an die Stunden, in denen ich damals mit 17 Jahren den Titan von Jean Paul – verfasst von 1800 bis 1803 – zu lesen begann, den ich mir bei unserem Nachbarn, dem pensionierten Deutsch-Professor Hofmann ausleihen durfte. Ich war noch kein geübter Leser, hielt mich aber für einen talentierten – hatte ich doch bereits Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert gelesen, die mein älterer Bruder zusammen mit anderen Büchern gekauft hatte und im gemeinsamen Schlafzimmer aufbewahrte.

Ich versuchte daher jetzt selbst, Jean Paul zu lesen, und begriff bald, dass er ein Seher und Meister der Sprache war. Im 99. „Zykel“ der „25. Jobelperiode“ des Titan beschreibt Paul den Traum der liebeskranken und sehnsuchtsfiebrigen Hauptfigur des Romans, „Jüngling Albion“, den dieser nach dem Erwachen aus seinem besorgniserregend tiefen Gesundungsschlaf seinem Vater erzählt. Es handelt sich um eine Fahrt in die Nähe des Flusses Lethe, dessen Wasser, wenn man es trinkt, in der griechischen Mythologie die Erinnerung auslöscht. Allerdings gibt es einen Fluss mit gleichem Namen in Niedersachsen:

„Ich fuhr in einem weißen Kahn auf einem finstern Strom“, heißt es dort, „... da lag ein weites, plattes, graues Land um mich, das die Sonnensichel mit einem eklen, erdfahlen Licht begoß. Weit von mir stand ein untereinander gekrümmter Lethe-Fluß und kroch um sich selber herum ... Oben zogen große Weltkugeln; auf jeder wohnte ein einziger Mensch, er streckte bittend die Arme nach einem andern aus, der auch auf einer stand und hinüberblickte; aber die Kugeln liefen mit den Einsiedlern um die Sonnensichel und die Gebete waren umsonst ... Unendlich weit von mir ruhte ein ausgestrecktes Gebürge, dessen ganzer aus den Wolken ragender Rücken goldig und blumig schimmerte. Quälend watete der Kahn in der flachen, trägen Wüste des abgeplatteten Stroms ... Das Gebürge stand viel näher, aber länger und höher vor mir und durchschnitt die hohen Sterne mit seinen Purpurblumen, über welche ein grünes  Lauffeuer hin- und herflog. Die Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen über das Gebürge hinüber und kamen nicht wieder: und das Herz sehnte sich hinauf und hinüber ... Da dacht’ ich an meinen Tod und nannte leise einen frommen Namen. – Plötzlich schwamm hoch im Himmel eine weiße Welt unter einem Schleier her, eine einzige glänzende Träne sank vom Himmel in das Meer, und es brauste hoch auf – alle Wellen flatterten mit Floßfedern, meinem Schifflein wuchsen breite Flügel, die weiße Welt ging über mich und der lange Strom riß sich donnernd mit dem Schiffe auf dem Haupte  aus seinem trocknen Bette  auf und stand auf der Quelle und im Himmel und das blumige Gebürge neben ihm – und wehend glitt mein Flügel – Schiff durch grünen Rosen – Schein und durch weiches Tönen eines langen Blumen – Duftes in ein glänzendes, unabsehliches Morgenland ... Träge wie Bienen über Honigfluren schwammen im finstren Blau die Welten gedrängt über dem göttlichen Lande – vom Gebürge bog sich eine Milchstraße herüber, die sich in die Sonne senkte – helle Länder rollten sich auf – Lichtharfen, mit Strahlen bezogen, klangen im Feuer. Ein Dreiklang aus drei Donnern erschütterte das Land, ein klingender Gewitterregen aus Glanz und Tau füllte dämmernd das weite Eden ... Da zog an der Milchstraße die weiße Welt mit dem Schleier langsam herauf – wie ein sanfter Mond schimmerte sie noch ein wenig, dann ließ sie sich vom Himmel nieder auf das heilige Land und zerran am Boden hin.“

Ich gebe zu, dass die Lektüre des Titan damals für mich schwierig war und mich mehrmals abwarf, wie eine zu steile Bergwand einen unerfahrenen Kletterer.

In nahezu zwei Jahren und mit mehreren Unterbrechungen habe ich damals das 900 Seiten umfassende, turbulente Buch dennoch zu Ende gelesen, immer wieder an den Stellen fortsetzend, an denen ich zuletzt aufgehört hatte, bis mir der mich allmählich verwirrende Inhalt und die zahllosen Namen der auftretenden Personen zur Nebensache geworden waren und nur noch die magischen Sprachbilder ihren Zauber auf mich ausübten.

Denn gerade ein Berg und ein Buch, die sich bis in erhabene, eisige Höhen auftürmen, ziehen den ehrgeizigen Bergsteiger oder Leser an und beflügeln seine Phantasie, auf dem Gipfel zu stehen oder es zu Ende gelesen zu haben.

Die Sicht von dort aus ist weit, weit in das Land und auf die umliegenden Berge hinaus und weit in den Himmel hinauf, den uns niemand so einzigartig beschrieben hat wie Jean Paul.

 

 

 


Externe Links:

Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

Gerhard Roth im S. Fischer Verlag


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