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… – das IST schwabing“. Literatur-Revue zum Jubiläum der Eingemeindung Schwabings

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V.l.n.r.: Michael Schwarzmeier, Brigitta Rambeck und Michael Skasa (c) Literaturportal Bayern

Schwabing ist heute geradezu die Essenz von München, ein Synonym für das spezielle Münchner Lebensgefühl. Das war aber nicht immer so. Denn das Szeneviertel gehört erst seit 125 Jahren zur bayerischen Landeshauptstadt. Am 20. November 1890 wird die Stadt Schwabing mit den Gemeindeteilen Schwabing, Biederstein, Hirschau, Neuschwabing, Riesenfeld, und Tivoli eingemeindet, wie zuvor auch schon die Au, Neuhausen und Sendling. Die Münchner Verwaltung  will durch Eingemeindungen Zuzug und Bevölkerungswachstum kompensieren, die betroffenen Vororte freuen sich aus finanziellen und Prestige-Gründen Teil der entstehenden Großstadt zu werden. München überspringt nach 1890 die 350.000-Einwohner-Marke.

Anlässlich des Jubiläums veranstaltete die Schwabinger Schriftsteller- und Künstlergruppe Seerosenkreis gestern eine literarische Revue in der Seidlvilla, denn nirgends sonst in München habe sich ein solches Kuddelmuddel von Poeten, Denkern und Wirrköpfen, von wahren Künstlern und Kunstfiguranten zusammengeballt wie im Großraum Schwabing-Maxvorstadt. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geben sich in den zahlreichen Cafés und Kneipen rund um die Universität München lauter Künstlerpersönlichkeiten die Klinke in die Hand: Fanny zu Reventlow, Lion Feuchtwanger, die Manns, Rainer M. Rilke, Marianne Werefkin, Erich Mühsam, Wassily Kandinsky, um nur einige zu nennen. Max Halbe erklärt diese Künstlerdichte übrigens mit den billigen Mieten in Schwabing – lang, lang ist‘s her!

Brigitta Rambeck, Michael Skasa und Michael Schwarzmeier ließen die Schwabinger Boheme ihre Künstlerheimat durch eine Zitatcollage aus Werken, Briefen und Tagebüchern selbst beschreiben. Dabei erfuhren die Zuhörer allerhand vergnügliche Anekdoten: Frivol ging es zu in diesem Schwabing, lustig, derb und ärmlich. Ludwig Ganghofer beispielsweise liebte es, nächtlich im Brunnen vor der Ludwig-Maximilians-Universität zu baden. Einmal musste er deswegen splitterfasernackt vor der Gendarmerie flüchten. Frank Wedekind beschrieb ein schmieriges und schmutziges Viertel, das vor allem aus Cafés und Kneipen bestehe. Genauso wie Oskar Maria Graf verlor sich Wedekind in diesem Nachtleben – sehr zum Missfallen seiner Zimmerwirtin, wie ein Beschwerdebrief belegt. Erich Mühsam übt in seinen Tagebüchern keine Zurückhaltung bei der Schilderung dieses Nachtlebens und seiner sexuellen Eskapaden in einer freidenkenden Gesellschaftsgruppe, die vom Rest der Bewohner Münchens argwöhnisch beäugt und abfällig als „Schlawiner“ bezeichnet wurde. Schwabing gehörte den Künstlern und ihren Modellen, den nach Max Halbe „anziehenden wie ausgezogenen“ Schönheiten der Vorstädte, den Schriftstellern und Tänzerinnen, den Studenten und Intellektuellen – eine eigene Stadt in der Stadt. Von dem Mythos der Künstlerbewohner um die Jahrhundertwende zehrt Schwabing bis heute.

Die literarischen Erinnerungen umrahmte André Hartmann am Klavier. In der Seidlvilla kann man noch bis zum 9. November 2015 eine Bilderausstellung zum Thema „Schwabing – Zeitreise ins alte München“ besuchen.

Buchtipp:

Stephan, Michael; Karl, Willibald: Schwabing – Zeitreise ins alte München. Hg. vom Stadtarchiv München. Volk Verlag 2014.



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