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15.09.2015, 16:23 Uhr
Laura Worsch
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Die junge Autorin Laura Worsch berichtet über die Lage der Geflüchteten in Ungarn

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Laura Worsch, 20 Jahre alt, wuchs in München auf und studiert European Studies in Passau. Sie schreibt sowohl Prosa als auch journalistische Texte. Im Sommer 2012 nahm sie an einem Schreibworkshop des Literaturhauses München teil. 2013 und 2015 las sie im Farbenladen in München für die Süddeutsche Zeitung zum Thema „Mein München“. Mehrere ihrer Kurzgeschichten wurden in Magazinen publiziert. Im Herbst 2014 wurde sie mit ihrer Kurzgeschichte Verschränkt" zum Treffen junger Autoren nach Berlin eingeladen. Derzeit arbeitet sie an dem Blog „It’s Buda and Pest" über die Situation der Geflüchteten in Budapest. Wir veröffentlichen diese Chronik laufender Ereignsse in Auszügen. Alle Texte und Fotos stammen von der Autorin.

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1.9.2015

Not there yet

Blogs gibt es wie Sand am Meer. Mit diesem Blog möchte ich zur Desertifikation von Vorurteilen und rechtem Gedankengut gegenüber Refugees beitragen. Dazu wechsle ich für ein halbes Jahr die Perspektive – die Donau stromabwärts und dem Weg der Geflüchteten zuwider.

Ziel von It's Buda and Pest ist es, Geschichten nach Deutschland zu bringen, die in den gängigen Medien ihren Weg nicht gefunden hätten. Es wird nicht die Rede von Begriffen wie Flüchtlingskrisen oder gar Wellen, Strömen oder Fluten sein, die Individuen in einem Meer (sorry) aus Hetze und Pauschalisierung verschwinden lassen.

Es wäre andererseits zu einfach, von individuellen Geschichten zu sprechen, die hier erzählt werden sollen. Es geht um kleine Szenen, um Details. Was genau, weiß ich erst, wenn ich da bin.

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3.9.2015

He won’t enter Germany

A. steigt aus dem Zug. Passport”, sagt er und schüttelt den Kopf. Hinter ihm erscheinen zwei Polizisten.
What’s the problem?”, frage ich.
He needs to go to refugee camp”, sagt einer von ihnen. He’s not allowed to travel.” Ich starre ihn an und überlege, was ich tun kann. Es bringt nichts, ihm die Situation zu erklären: dass A. alleine hier ist, Familie in Deutschland hat, gerade 17 Jahre alt ist. He won’t enter Germany”, sagt der Polizist.

Wir dachten, wir versuchen es auf einem anderen Weg. Keleti ist dicht, tausende Geflüchtete warten dort darauf, dass sich die Tore des Bahnhofs wieder öffnen. Die werden von ungarischen Polizisten in schwarzen Uniformen und mit roten Mützen bewacht. Dauernd entstehen Demonstrationen der Wartenden, die sich schnell wieder verflüchtigen. Wie ein Feuer, das ständig an verschiedenen Stellen aufflackert, nicht zu löschen ist. Der andere Bahnhof, Kelenföld, ist ruhig. Ohne Probleme kaufe ich das Ticket, Budapest-Wien-Passau. Erst oben am Bahnsteig sehen wir die zehn Polizisten.

  

Man kann nicht umhin, in klischeehafte Beschreibungen zu verfallen, wenn es um die Situation in Keleti geht. Durch die Zeitungsberichte ist es beinahe normal geworden, von auf Pappkartons schlafenden Menschen zu lesen, von schlafenden Kindern, die von ihren Vätern in den Armen gehalten werden. Wie es riecht, wie die sechs Dixie-Klos noch in zehn Metern Umkreis riechen und dennoch eine lange Schlange vor ihnen wartet. Wie sich das kleine Mädchen mit den langen Zöpfen die Nase zuhält und hustet. Das Geschrei der Kinder, vor Müdigkeit, die harten Gesichter der Erwachsenen, aus Frustration. Dazwischen überall Kameras und Reporter, die die Bilder nach Deutschland transportieren.

Wir fahren wieder zurück. In Keleti hat sich die Situation für den Moment beruhigt. Ich sage A., dass sein Ticket zwei Wochen gültig ist. You can take any train in two weeks”, sage ich. Let’s hope something changes.”

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4.9.2015

Menschenskinder!

Ist es tatsächlich möglich, dass Kinder die Politik ganzer Regierungen umkrempeln? David Cameron jedenfalls zeigt sich angesichts des ertrunkenen Jungen, dessen Bilder (meist unverpixelt) gestern durch sämtliche Medien liefen, sehr schockiert. Plötzlich spricht er als Vater von einer Moral responsibility”, die sein Land habe. Man darf gespannt sein, ob er damit die Verantwortlichkeit meint, seinen Zaun in Calais noch höher zu bauen, oder ob GB tatsächlich mehr Geflüchtete aufnehmen wird. Tritt Letzteres ein, hätte dieses Bild mehr bewirkt als eine kurze, peinlich berührte Schockstarre der europäischen Eliten.

In Keleti haben gestern Abend hunderte Geflüchtete gegen das Ausreiseverbot nach Österreich und Deutschland protestiert. Sowohl ÖBB als auch Deutsche Bahn weigern sich, ihre Züge bis nach Budapest fahren zu lassen. Als Antwort legen sich kleine Kinder vor den Haupteingang von Keleti, ihre Münder zugeklebt mit Pflastern. Sie liegen da wie tot. Budapest is Guantanamo for Children steht auf einem Schild, das ein anderes Mädchen hochhält. Man kann sich fragen, ob diese vier- bis fünfjährigen Kinder von ihren Eltern dazu instrumentalisiert werden. (Welches Kind in dem Alter weiß schon, was Guantanamo ist?) Andererseits bekommen selbst die Kleinsten hier die Verzweiflung ihrer Eltern und ihre Lage mit.

   

Um zumindest die Kinder von der Situation abzulenken, treffen sich täglich Dutzende Freiwillige, die Spiel- und Bastelsachen mitbringen. Erstaunlich ist die unglaubliche Geduld der Kinder: Es gibt nicht genug Scheren für alle, nicht jeder bekommt die Tiermaske, die er/sie gerne hätte, und erhält man endlich eine, so kann es sein, dass sie von der kleinen Schwester aus Versehen sofort zerrissen wird. All das ruft kein Weinen hervor, nein, die Kinder stellen sich einfach wieder neu an. Ich denke, wenn sie in ihrem jungen Leben eines gelernt haben, dann ist es, zu warten.

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5.9.2015

We still need everything

Um drei Uhr morgens am Samstag erhalte ich eine SMS von A.: Er ist auf dem Weg nach Österreich, zusammen mit tausenden anderen.

Seit ich hier bin, habe ich Keleti noch nie so leer erlebt. Die Zelte vor dem Haupteingang sind weg, ebenso die Pappkartons mitsamt der Familien, die in den letzten Tagen hier saßen. Tausende sind in der letzten Nacht in Züge nach Österreich gestiegen – und werden dieses Mal wohl zum Glück nicht einkassiert und in ungarische Aufnahmelager gesteckt. Auf den Fotos der Menschen, die in München begrüßt wurden, habe ich auch ein paar jener entdeckt, mit denen ich gestern die Straße entlang gelaufen bin.

Die Budapester Stadtverwaltung ist anscheinend der Meinung, dass sie die Geflüchteten nun endlich vom Hals hat: Am Samstagmorgen hat sie die Dixie-Klos entfernen lassen, die einzigen sanitären Anlagen, die den Refugees hier zur Verfügung standen.

   

You can die!”, Warnung vor privaten Schleppern. Warten auf den nächsten Zug; die ungarische Regierung schickt keine Busse mehr

They’re stupid if they think the problem is solved by those few busses”, sagt ein Helfer von Migration Aid; die Organisation ist nach wie vor in Keleti vor Ort. Hunderte kampieren noch immer in den Underground-Gängen der Metro. Und natürlich werden neue Geflüchtete nachkommen. We still need everything”, sagt der Freiwillige, der abgegebene Kleidung an die Familien verteilt. Vor dem Bahnhof stehen HelferInnen, die die Familien warnen, nicht in privaten Fahrzeugen mitzufahren. Die Aufbruchsstimmung ist nicht zu übersehen.

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7.9.2015

Keine Sackgasse

Wazirkia ist erst vor 15 Stunden mit seiner Familie in Budapest angekommen. Gleich nehmen sie einen der Busse, der sie nach Österreich bringen wird. Sie sind siebzehn Personen, unter ihnen drei Kleinkinder, die aus Syrien geflohen sind. We need to follow my friends”, sagt Wazirkia, und wir laufen einer Frau hinterher. Sie sammelt aus allen Ecken am Keleti-Bahnhof Menschen ein, die nach Österreich fahren. Der Konvoi, der Verpflegung nach Budapest gebracht hat, nimmt vor allem Familien mit zurück nach Wien. Später werde ich eine Gruppe junger Männer in einem angelegenen Park treffen, die nicht mitgenommen wurden und versuchen, mithilfe von private cars” über die Grenze zu kommen. Sie sind vorsichtig und verschwinden, bevor ich sie vor Schleusern warnen kann.

In Keleti herrscht in den letzten zwei Tagen ein ständiges Kommen und Gehen. Dass der Bahnhof generell nicht mehr so überfüllt ist, hat es den HelferInnen hier möglich gemacht, sich besser zu organisieren. Zelte stehen in verschiedenen Ecken; in ihnen werden Kleidung, Schuhe, Essen und Trinken verteilt. Es gibt einen Wifi-Bereich, Steckdosen für die Handys, Decken mit Spielsachen für die Kinder. Diese Ordnung ist vor allem möglich, weil gerade der nötige Platz vorhanden ist. Die Freiwilligen in Keleti rechnen jedoch in den nächsten Tagen mit mehreren Tausend Geflüchteten, die gerade die serbische Grenze überqueren. Sie haben an den Säulen Poster mit nützlichen Infos für die Refugees aufgehängt: medizinische Versorgung, erste deutsche Sätze.

   

Es ist oft nicht einfach, zueinander gehörende Sachen zu finden; Wazirkia, der mit 16 weiteren Familienmitgliedern aus Syrien geflüchtet ist

Zum ersten Mal wirkt Keleti tatsächlich wie eine transit zone”, ein Bereich zum temporären Aufenthalt, keine Sackgasse für die Geflüchteten. Wizirkia und seine Familie sind ein Beispiel, wie es für die Ankommenden idealerweise ablaufen sollte: Sie werden empfangen, erhalten Kleidung, Essen und Informationen. Sie können weiterreisen, wenn sie wollen. Oder in Ungarn bleiben.

Wazirkia weiß noch nicht genau, wo in Europa er leben möchte. Maybe in Germany, maybe in Norway.” Er möchte sein Studium in Agrarwissenschaften fortsetzen, sagt er und fragt mich, in welchem der beiden Länder das einfacher sei. Ich erzähle ihm von den bürokratischen Hürden in Deutschland, über Norwegen weiß ich nicht viel. Dann winkt die Frau der Gruppe von mittlerweile etwa 30 Menschen zu. Wazirkia nimmt seinen Neffen an die Hand, und wir verabschieden uns.

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12.9.2015

Nachts am Bahnhof

Es ist etwa zwei Uhr nachts, als wir den Bahnhof verlassen und langsam Ruhe einkehrt. Zelteingänge werden zugezogen, Männer suchen sich mit Matratzen und Decken einen Platz in den Gängen zur Metro. Hier ist es warm, draußen hängt die Feuchtigkeit des Regens. Die freiwilligen HelferInnen versuchen, mit Planen die Berge von gespendeten Klamotten abzudecken, damit sie nicht anfangen, zu schimmeln.

Tagsüber ist es immer noch verhältnismäßig ruhig am Bahnhof Keleti. Teilweise scheint es sogar, als gäbe es dort mehr Freiwillige als Geflüchtete. Dieses Bild kehrt sich nachts um: Innerhalb von drei, vier Stunden hat sich die Zahl der Menschen mindestens verdoppelt. Das ist insofern erstaunlich, als man keine Züge oder Busse sieht, die die Menschen in Scharen zum Bahnhof bringen. Sie kommen vereinzelt an, nie mehr als zehn gemeinsam. Viele tragen Sommerklamotten, Flip-Flops, eine Strickjacke.

Ich verbringe die Nacht zum größten Teil mit einer syrischen Familie, die eben erst angekommen ist und am frühen Morgen weiter nach Deutschland fahren möchte. Sie sind zu elft. Unter ihnen ist auch Faisal, der Sohn einer befreundeten Familie, die es sich nicht leisten konnte, selbst zu flüchten. Stattdessen haben sie ihren Sohn mitgeschickt. Er möchte seine Eltern anrufen, hat allerdings nur eine syrische SIM-Card.

Es sind kleine Probleme, mit denen sich die HelferInnen hier Nacht für Nacht beschäftigen. Die Mutter der Familie trägt nur Sandalen, findet aber keine Schuhe in Größe 40. Der Großvater bräuchte dringend eine warme Jacke, Winterklamotten werden gerade jedoch vor allem für Kinder abgegeben. Das kleinste Mitglied der Familie, die einjährige Abu, hat Fieber.

Nicht mit allem kann den Ankommenden hier geholfen werden. Was sie erhalten, sind warmes Essen und Trinken, Decken für die Nacht, Strom für ihre Handys. Eine SIM-Karte für Faisal gibt es nicht. Allerdings haben Freunde und ich unsere Handys zu Hotspots umfunktioniert, über die bis zu zehn Menschen auf einmal Internetzugang haben. Das ist wichtig, denn Greenpeace, die tagsüber für Free Wifi sorgen, müssen um 20 Uhr abbauen. Faisal kann seine Eltern jetzt über What’s App erreichen.

Am Ende haben wir einerseits nicht das Gefühl, viel geholfen zu haben, abgesehen von unserer Tätigkeit als wandelnde Hotspots. Andererseits haben wir mit vielen Menschen gesprochen, ihnen gezeigt, wo sie Dinge finden, und ihnen von Deutschland erzählt, was das Ziel der meisten hier ist. Vermutlich ist es nicht unsere Aufgabe, zu definieren, wann wir wirklich helfen und wann nicht. Und es ist wichtig, das eigene Handeln nicht damit zu vergleichen, was andere HelferInnen tun. In einem Haufen neu gespendeter Schuhe finden wir schließlich ein passendes Paar und dazu Socken für die Mutter.

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14.9.2015

Scham für Europa

Am Sonntag war ich zusammen mit zwei Kommilitoninnen im Lager Rözske an der serbischen Grenze. Einen Großteil meiner Eindrücke habe ich in einem Artikel für den Tagesspiegel niedergeschrieben. Nichtsdestotrotz möchte ich hier zusätzlich ein paar Bilder und Erfahrungen teilen.

Als wir im Camp ankamen, zeugte alles von dem Chaos und den fehlenden Strukturen, von denen wir bereits gehört hatten. Um halb elf Uhr morgens hatte sich bereits eine riesige Schlange an Menschen gebildet, die auf Busse warteten. Dass die anwesenden HelferInnen und Organisationen sich untereinander nicht absprachen, merkten wir das erste Mal, als wir das mitgebrachte Essen (Brötchen und Obst, Müsliriegel) abgeben wollten und von Zelt zu Zelt geschickt wurden.

Ich schreibe diesen Post im Präteritum, weil das Lager so, wie es diese Bilder zeigen, knapp 24 Stunden nach unserem Besuch quasi nicht mehr besteht. Die Grenze ist zu, die Polizei kontrolliert das Gebiet, beinahe alle Geflüchteten wurden zur österreichischen Grenze gebracht. Deshalb ist es auch am Bahnhof Keleti in Budapest so ruhig wie noch nie zuvor. Gerüchte machen die Runde, dass es künftig auch verboten sein soll, Geflüchteten zu helfen. Was das für die Organisationen an der Grenze und in Budapest bedeuten würde, weiß niemand.

Wartende auf Gleisen, vor Bussen; provisorischer Lageplan

Eines der wenigen guten Dinge am Camp in Röszke war, dass niemand hier länger bleiben musste. Die Menschen kamen an, blieben für eine Nacht und reisten weiter nach Budapest. In der Zeit, in der sie im Camp waren, packten viele Kinder, Frauen und Männer mit an und versuchten, zusammen mit den HelferInnen (vor allem Privatpersonen) den Müll einzusammeln.

Was mich an diesem Tag vor allem bewegt hat, war das Gefühl der Scham. Scham für Europa, diesem großen Ideal an Einigkeit verschiedener Sprachen und Nationalitäten, an Akzeptanz von Diversität, sogar dem Wunsch danach. Scham für eine Institution, deren Teil ich als Deutsche bin und die wissentlich Menschenrechte verletzt. Natürlich muss auch die ungarische Regierung in die Verantwortung genommen werden. Doch wie kann es sein, dass der Einfluss der restlichen Nationalstaaten auf Ungarn so gering ist? Wie kann Merkel für ihre Asylpolitik der letzten zwei Wochen in Deutschland so gelobt werden, wenn es doch darum gehen sollte, die Situation für Geflüchtete in allen Ländern zu verbessern. Das hier darf kein Thema sein, bei dem jeder Staat nur auf seine Innenpolitik achtet, wie es beispielsweise auch der britische Premierminister Cameron tut. Die Staaten Europas sind moralisch dazu verpflichtet, sich gegenseitig zu helfen und sich, wie im Falle Ungarns, aktiv einzumischen. Denn selbst wenn die Strukturen in Deutschland sehr viel besser sind als in Ungarn – welchen Wert hat das noch, wenn sie nicht über die eigenen Grenzen hinauswirken?

Kurz vor dem Camp – ein Junge aus Afghanistan

Dass Deutschland die Grenzen geschlossen hat, ist bei den Geflüchteten in Budapest längst angekommen. Für sie macht es jedoch keinen Unterschied mehr, welche Grenze geschlossen ist und welche nicht. Letzten Endes haben sie bislang immer einen Weg gefunden. Erstaunlich finde ich jedoch, welches Verständnis sie für das Handeln Deutschlands aufbringen. Deutschland hat schon so viel getan”, sagt mir heute ein Mann am Bahnhof Keleti. Er möchte heute Nacht in München sein. Wir sind sehr dankbar.”

 

 


Externe Links:

Blog der Autorin

Artikel im Tagesspiegel

Laura Worsch im Haus der Berliner Festspiele

Laura Worsch im LitRadio

 


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