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28.07.2015, 11:56 Uhr
Nina Jäckle
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Nina Jäckles Rede zum Italo-Svevo-Preis 2015

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Die Schriftstellerin Nina Jäckle, 1966 in Schwennigen im Schwarzwald geboren, wurde schon vielfach ausgezeichnet. Ihrem jüngsten Roman Der lange Atem (2014), der eineinhalb Jahre nach der Fukushima-Tsunami-Katastrophe in einer der betroffenen japanischen Provinzen spielt, folgten jedoch gleich mehrere wichtige Preise: der Tukan-Preis der Stadt München, der Evangelische Buchpreis und der Italo-Svevo-Preis für Nina Jäckles Gesamtwerk. Für den Letzteren, im Literaturhaus Hamburg verliehen, hat sie diese nachdenkliche Rede verfasst.

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Es ist kompliziert.

Dieser sich auf alle meine Bücher beziehende Preis zwingt mich zum Zusammenfassen, jede einzelne Schreibsekunde mit all den anderen Schreibsekunden zusammenzufassen. Das Glück, den Eifer, die Hoffnung, den Zufall, die Gespräche, die gestrichenen Worte, den Streit, das Abwählen eines Verlaufs, all die Entscheidungen und Enttäuschungen, all das Zusehen und Betrachten ohne zu schreiben, all die Notizbücher und Fingerübungen, alles das zusammenzufassen und im weitesten Sinne Werk zu nennen, ich weiß nicht, wie das gehen soll.

Es ist kompliziert.

Alle Stipendien und Preise bekam ich bezogen auf ein konkretes Buch oder bezogen auf die Arbeit daran, nicht aber bezogen auf meine generelle literarische „Spielart des ästhetischen Eigensinns“. Diese Auszeichnung empfinde ich näher an meiner Person, da muss ich zuerst einmal mit meiner Eitelkeit umgehen, und selbst diese Erkenntnis ist bereits eitel, denn ich spreche davon. Alles Davonsprechen ist eitel, denn nichts, wovon ich spreche, beinhaltet mich nicht.

Einen ästhetischen Eigensinn zu haben, einen Tonfall zu haben, das klingt nach einer Leistung und fühlt sich aber nicht wie eine Leistung an. Ich kann nicht anders, selbst, wenn ich es wollen würde, ich könnte es nicht. Wie interessant wäre es, diese Autorin zu beobachten, wenn sie sich auf eine lange epische Strecke begäbe, schrieb Rainer Moritz in einer Rezension. Lieber Rainer Moritz, auch ich würde das sehr interessant finden. Jedoch scheitert mein Episch-Werden an der Spannbreite meiner mir zur Verfügung stehenden Flügel, die sind eindeutig für die Kurzstrecke gemacht. Vielleicht ist das dem von mir geliebten Hörspielformat geschuldet oder dem, dass ich das, was ich da mache, gar nicht länger als 180 Seiten pro Buch ertragen würde, ich weiß es nicht. Meine Form ist eine eingespielte Unumgänglichkeit, diese Form gehört zu mir, wie meine Stimme zu mir gehört oder meine Art und Weise, nämlich, äußerst fehlsichtig seit Jahren, hinzusehen, was die Welt, was der Mensch, was der Lauf der Dinge so macht. Es ist eher ein Unvermögen als eine Leistung, nicht aus meiner Text-Haut, nicht aus meiner Membran schlüpfen zu können. Und es ist natürlich auch eine radikale und ein wenig selbstverliebte Haltung, ich habe nie versucht, die in mir vorgefundene eine Sprachmelodie zu verändern, und ich habe Glück, dass mein Schreiben auch für andere einen Klang hat, der auch für andere einen Text zu tragen vermag.

Die vierhundert Seiten sind mir noch nicht einmal als Leserin gegeben. Ich habe nachgesehen. Das dickste Buch in meinem Bücherregal ist der rote Hamburger Ziegel, dicht gefolgt vom PEN-Autorenlexikon. Das schmale Bändchen ist und bleibt wohl mein liebster Begleiter, meine liebste Form. Ich bin auf Details versessen und auf ein leises Grundrauschen im Herzen des Menschen, denn dort sitzt die kleine Angst, gleichsam das kleine Krisenmanagement des Einzelnen, kulissenlos, langsam und ohne Lärm. Dieses literarische Konzentrieren empfinde ich mittlerweile als Luxus. Es ist allerdings auch zu einem Markenzeichen geworden. Und so sollte ich immer wieder überprüfen, ob ich nun, nach all den Jahren, in denen ich für mein Schreiben auch Komplimente bekam, in vorauseilendem Gehorsam dem Geschätztwerdenwollen gehorche und deshalb das bewährte Markenzeichen brav bediene, oder ob mein Schreiben immer noch einzig und emsig dem folgt, was in mir klingt.

Der von Aron Hector Schmitz freiwillig angenommene Künstlernachname Svevo heißt auf Deutsch Schwabe. Ich habe mich stets darum bemüht, das Schwäbische abzulegen, bei der Kehrwoche ist mir das gelungen, Maultaschen sind nicht meine Lieblingsmahlzeit und den Schwarzwald liebe ich hauptsächlich dafür, dass er recht bald ins Elsass übergeht. Italo Svevo hingegen nannte sich freiwillig Schwabe, das finde ich, und als Jäckle weiß ich, wovon ich spreche, erstaunlich. Immer schon hörte ich meinem Namen Jäckle nach, und ich fragte mich, wie kann denn nur eine, die den Klang liebt, einen solchen Namen tragen. Und es schwingt Einiges mit in dieser Endung, in diesen beiden mir anhängenden pietistischen Buchstaben l und e. Eine Sackbahnhof-Stadt im Kessel schwingt da mit, jede Menge schwäbische Jugend und jede Menge Feinstaub. Ich bin zwar von meinen Eltern auf Hochdeutsch erzogen worden, wenn mein Vater im Zurechtweisen allerdings lauter werden musste, schimpfte er auf Schwäbisch. Vielleicht hat mir dieser Sprung, von einem Klang in den anderen, den Klang als Teil von Bedeutung schon früh entdeckbar gemacht.

Nachdem mich Wolfgang Hegewald angerufen hatte, bestellte ich sofort den job-newsletter ab, den ich einen Tag zuvor abonniert hatte, um mir eine Arbeit als Werbetexterin zu suchen. Dieser Preis nun erlaubt es mir, an einem nächsten Buch zu schreiben und dennoch meine Miete zahlen zu können. Den erheblichen Geldsegen habe ich natürlich der Jury zu verdanken, und auch der fehlenden breiten Aufmerksamkeit, wie es in den Richtlinien des Preises heißt, auch natürlich meinem Verleger Hubert Klöpfer, der diese unbreite Aufmerksamkeit brüderlich und textliebend mit mir teilt, aber eben auch einem geheimnisvollen Unbekannten, der zeituntypisch nicht genannt werden will, einer, der mir unbehelligtes Schreiben schenkt im Zimmer für mich allein. Es ist seltsam, nicht zu wissen, wer dieser Mensch ist, dem die Literatur so viel bedeutet, dass er diese Menge Geld Jahr für Jahr zur Verfügung stellt. Ich habe Geheimnisse niemals gut aushalten können. Da weiß ich nun gar nicht, wohin ich dieses eine noch nicht adressierte Danke denken soll, in den tatsächlich dankbaren Momenten, in denen ich tun darf, was ich tun will, nämlich die Türe schließen und von Zeile zu Zeile leben.

Ich war schon einmal hier im Literaturhaus um einen Preis entgegenzunehmen, das ist genau zwanzig Jahre her und ich war noch nicht einmal Debütantin. Und so muss ich heute gegen den Aberglauben angehen, heute, in meinem fünfzigsten Jahr am selben Ort stehend, muss ich mich nun selbst ein wenig beruhigen, denn ein Preis für alle meine Bücher zu erhalten, das hört sich sehr nach dem sich schließenden Kreis an, ich bin aber noch nicht soweit. Natürlich reicht dieser Preis in die nahe Zukunft hinein, denn er sichert sie mir, dennoch hat es ein Gschmäckle, dieses Zurückblicken auf ein vollbrachtes Ganzes. Vor zwanzig Jahren gab es noch keine Zusammenfassbarkeit für mich, es gab eine Verheißung und einen zu begehenden, noch nicht begangenen Weg, es gab eine unbändige Lust die eigene Form zu erobern, zu erproben und auf die Probe zu stellen, es gab den stürmischen Publikationsdrang und vor allem jede Menge vermuteter Möglichkeiten. Heute ist es anders. Alles ist anders geworden.

Dieses Zusammenfassen ist eitel, das Davonsprechen ist eitel, denn man unterschlägt so vieles. Wie man sitzt zum Beispiel und auf die Rezensionen wartet, oder wie man sitzt und auf Einladungen wartet, wie man sitzt und nicht mehr weiß, was man eigentlich will mit all den Buchstaben, wem man eigentlich noch etwas zu sagen haben könnte, wie das ist, mithalten zu müssen, aus all den Haupt- und Nebensätzen Umsätze generieren zu müssen und schließlich auch generieren zu wollen, Leser zu zählen Buch für Buch, Klinken zu putzen und Umgangsformen zu wahren, bei aller Liebe, der Markt ist ein Monster. Und man schimpft und man bedient und man trägt, während man schimpft zum Bedienen Häubchen und Schürze und macht manchmal sogar einen Knicks an der richtigen Stelle und hasst sich dafür.

Es ist kompliziert.

Die eindringlichste Erinnerung an das Wettlesen in Klagenfurt ist, dass ich vor der Lesung in die Maske musste. Es wurde mir ein Zickzackscheitel auferlegt, ich wurde bepudert und versiegelt, ich bekam also die fernsehtaugliche Literaturbetrieb-Maske, geholfen hat es nicht, der Markt ist ein Monster, den Zickzackscheitel und das damit einhergehende durchgehaltene Lächeln werde ich mir nicht verzeihen.

Sehr verehrtes Publikum, sehr verehrte Jury, sehr verehrter Verleger, sehr verehrtes Literaturhaus, sehr verehrter Lieblingsmensch in absoluter Nähe, sehr verehrter geheimnisvoller Unbekannter, sehr verehrte schmale Aufmerksamkeit, sehr verehrte Ehre, sehr verehrtes Preisgeld, sehr verehrte Zusammenfassung, sehr verehrtes Alphabet ohne Leerzeichen, sehr verehrtes Wasnochkommenmag, das Beschriebene bekommt, Wort für Wort, seine Bedeutung immer auch über seinen Klang, über die Bewegung und das Atmen des Textes nämlich, und immer summt auch das Vorhergegangene und das Erwartete mit. Ein Wort zu viel, ein Wort an falscher Stelle, ein Atemzug zu wenig oder ein überflüssiger Seufzer lassen die Einheit ins Stolpern geraten. Seien die Wörter also behutsam gewählt und behutsam ausgegeben.


Externe Links:

Literatur von Nina Jäckle im BVB

Nina Jäckle im Berlin Verlag

Nina Jäckle im Klöpfer & Meyer Verlag

Anatomie einer Selbstentfremdung? (mit Lesung)

Nina Jäckle beim Literaturport


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