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Lion Feuchtwanger und München – ein Symposium

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© Thomas Hauzenberger

Ein Symposium mit dem Titel Zwischen „Erfolg“ und „Exil“, veranstaltet vom Stadtarchiv München, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, der Feuchtwanger Memorial Library und der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität, beschäftigte sich am 14. und 15. Juli mit Lion Feuchtwangers Beziehung zu München – die keine leichte ist.

Im Gegensatz zum Lübecker Thomas Mann wurde Feuchtwanger in der bayerischen Landeshauptstadt geboren und wuchs dort auf. Dennoch tat man sich hier lange schwer mit dem international vielleicht bedeutendsten Münchner Kindl der Literaturgeschichte – und tut es teilweise bis heute. Keine Straße ist nach Feuchtwanger benannt, kein Literaturpreis wird in seinem Namen vergeben. Er wurde zwar 1957 mit dem Literaturpreis der Stadt München geehrt, dieser wäre ihm aber nach seinem Glückwunschtelegramm an Moskau zum 40. Jahrestag der bolschewistischen Oktober-Revolution beinahe wieder aberkannt worden.

Umgekehrt verhält es sich nicht anders. Feuchtwanger hat der weiß-blauen Metropole kein stadtmarketingtaugliches Label à la „München leuchtet“ verpasst, sondern attestiert ihr in seinem großen Roman Erfolg ganz andere Qualitäten: „Bauen, brauen, sauen.“

Dieser Beziehung und dem Schriftsteller per se widmete sich das zweitägige Symposium mit Vorträgen u.a. von Ferdinand Kramer zum Ministerpräsidenten von Kahr im Erfolgs-Roman, von Tanja Kinkel zu Jud Süß, von Jens Malte Fischer zur Verfilmung von Erfolg (1990) und von Andreas Heusler zu Feuchtwanger im Münchner Stadtgedächtnis.

Der Feuchtwanger-Biograph Heusler sprach zur Eröffnung des Symposiums von einer „Feuchtwanger-Renaissance in homöopathischen Dosen“. Ausdruck dieser Renaissance sind nicht nur die vielen Besucher beim Symposium, sondern auch weitere Feuchtwanger-Highlights in den letzten Jahren, die öffentlich Aufmerksamkeit erregen konnten – beispielsweise eine erfolgreiche Ausstellung im Literaturhaus München Anfang dieses Jahres und einige wichtige Neuerscheinungen zu Feuchtwanger, vor allem Heuslers Buch Lion Feuchtwanger. Münchner – Emigrant – Weltbürger, das 2014 im Residenz Verlag erschien, und die Neuausgabe der Biographie von Wilhelm von Sternburg (Aufbau Verlag, 2014).

München und Feuchtwanger

Den Lebensstationen Feuchtwangers und den Handlungsorten des Romans Erfolg durften die Besucher zur Einstimmung auf das Symposium bei einer Stadtführung mit Dirk Heißerer auf die Spur kommen.

Lion Feuchtwanger wächst im Lehel auf, gegenüber der St. Anna-Kirche, und bezieht später mit seiner Frau Marta eine Wohnung in Georgenstraße 24. Diese wird Zentrum einer intellektuellen Clique, der auch Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Karl Valentin, Max Halbe, Frank Wedekind und Erich Mühsam angehören.

Marta und Lion Feuchtwanger lebten ab 1917 in der Georgenstraße 24, 3. Etage

Feuchtwanger stammt aus einer angesehenen Münchner Familie. Die Identität der Feuchtwangers ist in erster Linie jüdisch, erst dann bayerisch, wie Dr. Heike Specht ausführte, die über die Familiengeschichte des Clans promoviert hat. Es gibt nach ihren Erkenntnissen in der Vorkriegszeit jedoch eine durchaus funktionierende Symbiose aus orthodoxem Judentum und altbayerischem, barock-schwülstigem Katholizismus. Man geht am Sabbat in die Synagoge und auf dem Nachhauseweg ins Hofbräuhaus, man trägt gerne Tracht, spricht hebräisch mit bayerischem Akzent. Dennoch gehört auch Antisemitismus zu den Alltagserfahrungen der Münchner Juden. Lion Feuchtwanger hätte sich an der Ludwig-Maximilians-Universität beispielsweise nur habilitieren können, wenn er zum Katholizismus konvertiert wäre. 1925 ziehen Lion und Marta nach Berlin. Dort entsteht der Schlüsselroman Erfolg, der die Nationalsozialisten gegen die Feuchtwangers aufbringt. Sie müssen bereits 1933 ins Exil gehen und leben seit 1940 im kalifornischen Pacific Palisades. Ihr Wohnhaus, die „Villa Aurora“, ist heute ein Ort des Kulturaustausches zwischen Deutschland und den USA.

Seine Heimatstadt München besuchte der Schriftsteller nie wieder.

Erfolg

Erfolg ist ein München-Roman, der zu erklären sucht, wie die Hauptstadt der Gemütlichkeit zur Hauptstadt der Bewegung werden konnte. Die eigenen Erfahrungen Feuchtwangers mit Antisemitismus, mit der Wesensart der „Bewohner der bayerischen Hochebene“ und der katholisch geprägten Politik fließen genauso in den Roman ein wie reale Figuren der Zeitgeschichte, zusammengeschmolzen auf charakteristische Stereotype. Bäuerlich grob, bierdunstig, antimodernistisch, selbstgefällig und obrigkeitshörig ist die Atmosphäre, in welcher der konservativ-politisch motivierte Meineid-Prozess gegen den liberalen Leiter der Staatsgemäldesammlungen Krüger geführt wird und in der der Aufstieg Adolf Hitlers, im Roman der Figur Rupert Kutzners, gelingen kann.

Spürbar und nachvollziehbar für die Besucher des Symposiums wurde diese Atmosphäre beim Eröffnungsabend, als Schauspielschüler der Otto Falckenberg Schule eine szenische Lesung aus Erfolg vortrugen.

 (c) Thomas Hauzenberger

 


Externe Links:

Stadtarchiv München

Jüdische Geschichte und Kultur / Historisches Seminar, LMU

Literatur von Lion Feuchtwanger im BVB

Literatur über Lion Feuchtwanger im BVB

Lion Feuchtwanger in der BLO

Lion Feuchtwanger relaunched

Marta & Lion Feuchtwanger in der Villa Aurora


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