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06.05.2018, 14:28 Uhr
Max Scharnigg
Text & Debatte
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Ein Auszug aus dem neuen Roman von Max Scharnigg

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(c) Julian Baumann

Max Scharnigg wurde 1980 in München geboren und arbeitet als Journalist u.a. für die Süddeutsche Zeitung. 2010 erschien sein Romandebüt Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe, das mit dem Münchner Literaturstipendium gefördert und mit dem Bayerischen Kunstförderpreis sowie dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. Sein zweiter Roman Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau erschien 2013. Der restliche Sommer ist sprachakrobatisch ebenso funkelnd wie seine Vorgänger, geht dabei aber zeitdiagnostisch noch tiefer – und ist damit die perfekte Lektüre für den kommenden Sommer.

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Der restliche Sommer

Manchmal passiert noch was. Tin überlebt einen Anschlag. Paul tritt in ein Petermännchen. Sara beschließt, irgendwann Lohnsteuer zu bezahlen. Sie reisen dem Sommer nach, auf der Flucht vor ihrem alten Leben. Und vor Tin, der Sara dringend noch etwas sagen wollte. Der aber jetzt in einem Krankenhaus liegt, in dem die Ärzte immer die Worte Bombe und Tumor verwechseln. Sonja wird aus Versehen zum Vorbild für Millionen junger Frauen. Dabei hatte sie eigentlich nur ein Problem damit, bei der Altersangabe so weit nach unten scrollen zu müssen. Und alle zusammen haben wirklich eine Scheißangst vor Tove Boll. Damit müssen sie wohl leben. Genau wie mit der Frage, ob es unter bestimmten Umständen okay wäre, eine Biobäckerei in die Luft zu jagen.

**

 

Sonja

In letzter Zeit häuften sich Vorfälle beim Nudelkochen. Es hatte mit einem Bund Spaghetti begonnen, den sie vor einigen Wochen kurz vor dem Mikadowurf ins heiße Wasser wieder zurückgezogen hatte. Weil es ihr immer noch zu viele waren, obwohl sie schon nur die Hälfte der Packung genommen hatte. Aber eine ganze Faust voll für sie alleine? Es reichte jetzt doch eigentlich das, was in ihren Ehering passte, haha. Leider hatte sie da aber die untere Hälfte der harten Nudeln schon ins Wasser gestippt, und in Sekunden war der komplette Nudelstrang an der Luft zu einer lächerlichen Keule verklebt gewesen, oben trocken, unten dick pappig. Sie hatte versucht, mit dem großen Messer die verwachsenen Nudeln wieder zu vereinzeln, eine nach der anderen herausgeschnitten und auf diese Weise ein paar hässliche Hartweizen-Späne geschnitzt. Statt die andere, unbeschädigte Hälfte der Nudeln aus der Packung zu nehmen, hatte sie so lange daran herumgemacht, bis ihr der Hunger vergangen war und sie die Platte mit dem kochenden Wasser wieder abgedreht hatte. Ein paar Tränen, eine Niederlage, was soll’s? Ja, Paul hatte immer die Nudeln gemacht. Aber es sind nur Nudeln.

Vorgestern war sie beim Abgießen der Penne (halbe Packung) zu schwungvoll gewesen, hatte den ganzen Schwall über das Abtropfsieb hinausgekippt und hungrig zusehen müssen, wie sich die dampfende Masse über dem Abfluss zu einem langsam stockenden Nudelstrudel formiert hatte. Die wollte sie dann auch nicht mehr essen. Und jetzt hat sie die Packung mit Cellentani, schon bevor sie nur in die Nähe von Topf und Wasser kamen, so ungeschickt aufgerissen, dass die Nudeln auf den Küchenboden geregnet waren wie Funken einer Pasta-Wunderkerze. »C-e-l-l-e-n-t-a-n-i«, buchstabierte sie verächtlich auf Knien am Boden, als sie sich daranmachte, zwei Handvoll (reichte ja wohl für sie) aufzulesen. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie diese Nudelform in ihrem Leben schon unter mindestens zwei anderen Namen serviert bekommen hatte. Die Italiener schreiben doch alle fünfzig Kilometer etwas Neues auf ihre Packungen, verdammter kulinarischer Abgrenzungswahn da unten. Aber sie kauften es, wenn sie dort waren, ja auch alle fünfzig Kilometer mit der immer gleich dümmlichen Begeisterung der Touristen oder ließen sich in der Osteria vom Wirt immer wieder neu aufklären wie staunende Schulkinder. Man sollte sich diese Nudel-Rechthaberei einmal nicht gefallen lassen, dachte sie, und vor einem stolzen Wirt den Beweis der Namensdopplung führen, auf so eine richtig schön deutsche Besserwisser-Art in einem bauklötzigen Italienisch. Denn andersherum war es ja auch bescheuert, kaum daheim, dozierten sie selbst vor Freunden über die passenden Nudelformen und ihre richtige Aussprache. Vielleicht sollten alle, die nördlich der Alpen geboren waren, einfach die Klappe halten und Eiernudeln bei Edeka kaufen.

Die Cellentani hatte sie natürlich auch noch mit Paul gekauft. Sie stammten aus dem Fach des Küchenschranks, das noch voll war mit Gastro-Souvenirs. Birkengelee aus Estland, Akazienhonig aus Ungarn, Wiener Stadthonig, schauerliche Weckgläser mit Gemüse aus Tiflis, Sardinendosen aus Lissabon, Piri-Piri aus keine Ahnung woher, staubtrockene Kräutermischungen aus Südtirol und Dänemark, ein paar gelbe Gewürzgläschen aus Thailand, Hummersuppe in der Dose aus den USA, Salz in einem dekorativen Säckchen aus Slowenien, Salz aus der Normandie, Havsalt aus Schweden, Salzflocken von Lanzarote, grobkörniger Senf von den Kapverdischen Inseln. Wir haben Senf von den Kapverden, dachte sie, wie sagenhaft bescheuert das ist. Dazu kam eine Vielzahl an unbeschrifteten Schnapsflaschen und Marmeladengläsern, die Paul an irgendwelchen Straßenständen und Hofläden mitgenommen hatte.

Eigentlich waren ihre gemeinsamen Urlaube zuletzt reine zehntägige Orientierungsläufe zwischen solchen Hofläden gewesen, zwischen landwirtschaftlichen Genossenschaften mit eigenem Verkauf, Wochenmärkten, Fischmärkten, Handwerksmärkten, Biobauern und Weingütern, bei denen man mit einer Glocke am Tor nach der immer gleich unwirschen alten Frau klingeln musste, die einen Verkaufsraum mit staubiger Flaschendekoration aufsperrte. Dort hatte Paul dann in seiner albernen Kinderfreude alles gekostet, was die Alte ihm hinstellte, und das meiste auch gekauft, weil er sich natürlich nie traute, es nicht zu tun. Bei einer extra rausgeklingelten Winzersfrau kauft jeder, genau deshalb wäre Sonja auch gar nicht erst hingefahren. Aber für Paul enthielt jedes Marmeladeglas am Straßenrand ein Versprechen, und diese völlig unbegründete Entdeckerlust war anfangs ziemlich ansteckend gewesen. Dabei hatte er sich daheim oft gar nicht mehr für die Sachen interessiert, die sie so umständlich importiert hatten. Er nahm dann vielleicht noch, als stünde er auf der Bühne, einen Löffel von einem pechschwarzen Holundergelee, das ihnen von einer Schweizer Bio-Kooperative für einen niedrigen zweistelligen Betrag überlassen worden war und das er ihr vor Ort noch wie einen Pokal präsentiert hatte. Nach dem Kosten sagte er mit Sicherheit etwas wie: »Also, das ist schon ein ganz besonderer Geschmack, ziemlich mild«, und vergaß das Glas für immer im Kühlschrank. Während ihr Blick jedes Mal beim Öffnen darauf fiel und auf den kleinen Aufkleber mit 12,50,–, zehnmal am Tag und ein ganzes Jahr lang, bis sie es dann irgendwann wegwerfen konnte.

Die Lächerlichkeit dieser Spezialitätenjagd war eines von den Dingen, die ihr kleiner Ein-Personen-Gletscher unter dem Tauwetter der Trennung freigegeben hatte. Etwas, das von ihm kam und das sie irgendwann als eigene Marotte übernommen hatte, im Sinne der großen bilateralen Verständigung, im Zuge der ganzen verdammten Einswerdung. Dieses Glücksgelöt, hatte einer ihrer Klienten neulich händeringend gesagt, als sie zusammen nach einem passenden Wort für das ganze Dickicht gesucht hatten, in dem die verzweifelt Liebenden steckten und das man selbst immer erst in der Rückschau so sehnsuchtsvoll erkennen würde. Gar nicht schlecht.

Immerhin, die alten Cellentani hatten sie heute gerettet. Den restlichen Schrankinhalt aber würde sie komplett entsorgen, zwölf Jahre Delikatessen-Urlaub mit Paul Neulich in einem Müllsack, die abgelaufene Handgepäcks-Hummersuppe und der grobkörnige Senf von den Kapverdischen Inseln. Ach, fuck it doch.

Entsorgen, das war aber eigentlich auch schon wieder ein gutes Wort, dachte sie, das könnte sie auch mal bei der Arbeit einsetzen und effektvoll mit den Klienten zerpflücken. Was sie im letzten Jahr gemacht hatte, war zusammengefasst eigentlich genau das, es war allerhand zu ent-sorgen gewesen, bevor sie überhaupt loslegen konnte mit dem eigentlichen Aufräumen. Erst mal war ihre Mutter an der Reihe, die den Trennungsargumenten ihrer Tochter am Telefon nur sehr zögerlich zugestimmt hatte und bis heute das Ganze eine »Phase« nannte. Es war für Sonja bald einfacher geworden, nicht mehr mit ihr über die Details zu sprechen, sie stattdessen wieder mit dem üblichen Alltagskram und einer wöchentlichen Zusammenfassung abzuspeisen. Damit war Mama ent-sorgt und hatte sich wieder um ihre Dinge gekümmert, namentlich Wiener, den maroden Dackel und die bemitleidenswerten Ärzte ihrer kleinen Stadt, denen sie eine wöchentliche Höflichkeitsvisite gestattete und später dann ausgiebige Bewertungen im Netz darüber schrieb. (»Dr. Meisner wirkt bei Nachfragen leider etwas zerstreut und sieht in letzter Zeit selbst etwas ungesund aus!!«) Elternliebe war auch ein endlicher Rohstoff, das wusste Sonja schon lange.

Dann waren da die netten Nachbarn von gegenüber gewesen, die nach Pauls Auszug fast jeden Abend geklingelt hatten, immer zu zweit, immer mit irgendeinem Stück Lasagne oder einem kleinen Kuchen im Glas und dazu einem süßsauren Blick, als müssten sie hier im Treppenhaus über das Schicksal eines alten Zootieres entscheiden. Die mussten als Nächste ent-sorgt werden, denn mit dieser überherzlichen Trauerfolklore von gegenüber war an normale beschissene Bewältigungsarbeit nicht zu denken gewesen. Auch wenn die Lasagne immer gut gewesen war. Sonja hatte den beiden also beim Empfang eines Straußes Wiesenblumen (»Selbstgepflückt!«) etwas von »endlich wieder frisch verliebt« erzählt, und noch auf der Fußmatte hatte sich damit das Kräfteverhältnis umgedreht. Frisch verliebt sticht nämlich langjährige Beziehung in zu kleiner Altbauwohnung. Das war das Ende der Lasagne-Pipeline.

Schließlich gab es noch die zwei Freundinnen zu ent-sorgen, die sich nach einer hilfreichen Zuhörphase mit der Zuführung neuer Männer oder aber angestrengt fröhlichen Ritualen des Singleseins verausgabt hatten. Vermutlich vor allem, um sich von ihren eigenen Kümmernissen (wacklige Schilddrüse & neo-schweigsamer Mann mit Haarausfall) abzulenken. Mit ihnen konnte sie immerhin klar reden, ohne bleibende Schäden zu befürchten, sie verbat ihnen einfach das Kümmern, und fertig. Damit war das ganze Umfeld wieder von der Sorge um Sonja Wilms-Neulich befreit und ihre Kümmerei auf ein normales Maß zurückgegangen. Jetzt erst konnte sie wirklich damit beginnen, sich selbst zu betrachten und die blauen Flecken, die sich im Laufe der Trennung trotz größter Vorsicht gebildet hatten. Manches davon musste sie nur einfach loswerden wie die fremden Marmeladengläser, und damit war sie auch den ganzen Hofladen-Wahnsinn, dieses ganze prätentiöse Küchentheater, diesen ersatzbefriedigenden Genusskoller los. Sie mochte ohnehin französische Küche lieber, und zwar in Restaurants. Sie würde nie wieder an einem Straßenstand mit Honig halten, fertig, kein Verlust, im Gegenteil. Anderes war hingegen so schwierig loszuwerden wie giftige Dämmwolle, von der vor zwölf Jahren noch niemand geahnt hatte, dass sie gesundheitsschädlich war. Jedes Paar baut in den ersten guten Jahren Schicht für Schicht solches Isoliermaterial um sich herum, blöde Herzwatte. Soll wärmen, aber kann einen später auch ersticken. Anfangs hatte sie angenommen, sie könnte als Fachkraft die Trennung ziemlich professionell angehen. Vielleicht ganz im nüchternen Tonfall eines der dokumentierten Praxisfälle aus ihrem letzten Buch.

Sonja W. 41, hat sich nach zwölf Jahren von ihrem Mann Paul getrennt. Es war ihre Entscheidung, auch wenn darüber die Meinungen der Partner nachträglich auseinandergehen. Die beiden haben keine Kinder und ein normales soziales Umfeld. In den ersten Sitzungen kann sie keinen konkreten Grund für die Trennung nennen, es gab keinen klassischen Auslöser und auch keine ausgeprägte Streit- und Entfernungsphase. Später wird aber deutlich, dass sich über die Jahre in ihrer Beziehung eine emotionale Gefällelage gebildet hatte, die Sonja lange nicht wahrhaben wollte. Dabei hat sie ihren Partner, ein erfolgreicher Journalist, zunehmend als herablassend empfunden. Gleichzeitig vermisste Sonja W., selbst erfolgreich und berufstätig, in der Partnerschaft ein Geborgenheitsgefühl und etwas, das sie zusammen mit der Therapeutin schließlich als »erwachsene Nähe« definierte. (4. Sitzung) Beim Versuch, diese Punkte anzusprechen, sei Paul ausgewichen oder hätte irrelevante Gegenvorwürfe vorgebracht (Beispiel: »Du intonierst meinen Vornamen immer absichtlich falsch!«). Anmerkung der Therapeutin: Als ob man bei Paul irgendwas falsch intonieren könnte! Im Laufe der letzten Jahre war er zudem dazu übergegangen, auf die angesprochenen Probleme mit aufwendigen Unternehmungen und Geschenken zu reagieren, die er im Anschluss als Beweis seiner großen Anteilnahme ins Feld führte. Diese materielle Aufmerksamkeit brachte Sonja zusätzlich in Bedrängnis, sie erkannte darin keine Liebesbekundungen, sondern Ersatzhandlungen, die das Gefühl der Entfremdung nach ihrem Empfinden noch verstärkten. Sonja fühlte sich so nach eigenen Worten in ihrer Beziehung in den letzten Jahren gleichzeitig überversorgt und unterrepräsentiert. (Fazit d. 9. Sitzung) Zu einem gewissen Teil gibt sie sich selbst die Schuld dafür, da sie lange Zeit bereitwillig die Rolle der bewundernden Frau eingenommen hatte, die ihren Mann Paul bedingungslos förderte und allzu große Rücksicht auf seine Launen nahm. Sexualität war demnach bis zum Schluss eigentlich kein Konfliktfeld, da die Eheleute in dieser Hinsicht einen verträglichen Modus gefunden hatten. Trotzdem hatte es bei Sonja in den letzten Jahren durchaus körperliche Mangelgefühle gegeben, die aber nicht richtig oder zu spät artikuliert wurden. Die Trennung wurde in beidseitigem Einverständnis binnen weniger Wochen vollzogen, es gab mehrere ruhige Aussprachen. Eine für Sonja schmerzhafte Situation entstand erst kurz nach der eigentlichen Trennungsphase, als Paul schnell eine neue Partnerin präsentierte.

Anmerkung der Therapeutin: Und mit dieser Möchtegernkünstler-Jenny zu einer Art ewigem Interrail-Trip aufbrach, wie so ein lächerliches Studentenpaar.

Das war es, eine Seite, ihre Akte. Eine Seite, die sich kein bisschen von den Akteneinträgen ihrer Patienten unterschied, im Gegenteil, sie war eher noch nichtssagender und egaler als die meisten. Würde eine Frau namens Sonja mit dieser Geschichte zu ihr kommen, sie hätte sie mit fünf Sitzungen abgefertigt. Keine Schläge, keine Affären, keine vorübergehenden Auszeiten mit programmierten Zwischentiefs, kein Trauma, keine Manipulation, kein Kinderkrieg, kein großer Knacks, kein grundsätzliches Männerproblem. Sie fühlte sich nicht mal richtig verkorkst, das war vielleicht das erstaunlichste. Seit fast sechzehn Jahren arbeitete sie jetzt mit Paaren und Geschiedenen, und verkorkst waren sie eigentlich alle, das gehörte dazu, keine Wunde ohne Narbe, ganz einfach. Aber bei ihr war es bis jetzt einfach so, als hätte man einen Reißverschluss repariert, der lange offen gestanden hatte. Es hakte und knirschte ein wenig, aber dann hatte sich die Wunde namens Paul einfach geschlossen, und nach ein paar Wochen würde sie wahrscheinlich schon die Kruste abkratzen können.

Sie hatte eigentlich gedacht, das alles würde sich ziemlich ungünstig auf ihre Arbeit auswirken. »Prominente Paartherapeutin lässt sich scheiden«, diese Überschrift hatte sie in großen Buchstaben vor sich gesehen, wenn sie in den ersten Wochen die Augen schloss. Die Worte hatten auch tatsächlich irgendwo gestanden, aber wesentlich kleiner als in ihrer Vorstellung und ohne nennenswerte Reaktion. Nur ein Radiosender hatte sie danach zu einem Interview, nein, einem Lebensgespräch eingeladen, so hieß die Reihe. Ein bisschen Häme kam aus dem Netz auf sie zu, aber so matt, dass es sie keine Minute aufhielt. Natürlich war es unpraktisch, dass ihre Praxis im gleichen Haus war wie ihre gemeinsame Wohnung, deswegen war sie auch versucht gewesen, das Schild Sonja Wilms-Neulich & Paul Neulich über ihrem Praxisschild so lange wie möglich stehen zu lassen. Aber dann hatte sie an einem Dienstag voller Regen doch ein neues Schild machen lassen, Dr. Wilms stand darauf, serifenlos und in glänzendem Messing, und das war es. Den Patienten, die es merkten, hatte sie mit ein paar Sätzen die Lage erklärt, und statt ihre Kompetenz anzuzweifeln, schienen die meisten erleichtert – als wäre ihre Therapeutin damit ein Stück weit näher gerückt. »Na, dann wissen Sie ja jetzt aus erster Hand, wie es sich anfühlt«, hatte eine Frau gesagt und sich in das Praxissofa gekuschelt, als hätte sie nun endlich jenes innere Kind gefunden, auf dessen Suche sie sich seit über vierzig Sitzungen befand. Ohne sich dabei von Dr. Wilms’ Anwesenheit sonderlich beirren zu lassen.


Externe Links:

Max Scharnigg

Der restliche Sommer im Verlag Hoffmann und Campe


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