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21.12.2017, 13:20 Uhr
Fridolin Schley
AutorInnen-Blog
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Heinrich Böll (c) Harald Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Rückkehr nach Irland: zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll

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Heinrich Böll wird 100 Jahre alt. Auf viele wirkt sein Werk heute verstaubt – gerade weil es sich so eng an seine gesellschaftspolitische Zeit band. Aber darin liegt auch eine Chance. Mit Jahrzehnten Abstand kann man die Bücher endlich nochmal ganz für sich lesen, als Literatur. Dabei entstehen völlig neue Lektüren.

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Als das Irische Tagebuch 1957 erschien, atmete die Kritik begeistert auf: Böll habe sich freigeschrieben aus der miefigen Waschküche, farbig und verspielt sei diese Prosa, so leicht und feinsinnig wie eine literarische Sommerfrische am Meer. Hierfür finden sich natürlich Belege; aber es doch nur die eine Seite, jene, die dem Licht zugewandt ist und hinter sich, fast unbemerkt, einen ständig mit anwesenden Schatten wirft, einen unheimlichen Stiefbruder, der gewissermaßen zwischen den Zeilen versteckt gehalten wird, ein Doppelgänger: eine Gespenstergeschichte. 

Den ersten Doppelgänger hat Böll schon in seinem Ich-Erzähler, der bereits vorsichtig den doppelten Boden ertastet und immer wieder Unheimliches souffliert, während die Ich-Figur gleichen Namens noch fröhlich vor sich hinfaselt, etwa von der Dialektik, dass die Iren deshalb so viel glücklicher seien, als sie Grund dazu hätten, weil sie ja die „Poesie des Unglücks“ so dolle liebten. Dank dieses Doppelgängers ist das Tagebuch eben nicht nur ein Zeugnis über das Glück der Ferne, der Hoffnung und des Lichts, als das man es in die Literaturgeschichte geschrieben hat, sondern mit gleichem Recht auch eines über die Übermacht seines Gegenteils, ohne die es nicht existieren kann, über Dunkelheit und Angst, über schlimme Erinnerungen – jenes Marschgepäck des Unglücks, das schon erfahrene oder noch vor einem liegende, das unlöschbar in einem größeren, „in einem anderen als meinem Notizbuch aufgezeichnet“ ist.

 

Buchausgaben des Irischen Tagebuchs

 

Bereits bei Bölls Ankunft mit dem Schiff erhebt sich die Silhouette Dublins quälend langsam aus dem „Morgendunst“, wie von Geisterhand aus Nebel errichtet. Eine meist leise flüsternde, nur manchmal bedrohlich raunende Unsicherheit gegenüber dem Sichtbaren begleitet Böll von da an. In der Kathedrale St. Patricks fühlt er, dass „das Leben nicht 'wie das Leben selbst'“ ist, und als er in der Kirche den Namen eines Jungen auf einer Emailletafel entdeckt, „der am 20.12.1930 dreizehnjährig starb“, da trifft es ihn „wie ein elektrischer Schlag, denn im Dezember 1930 war ich selbst dreizehn Jahre alt“. Böll erschrickt vor dem Doppelgänger, als erblickte er in einem Spiegel seine eigene Totenmaske.

Dem Volksglauben alter Sagen entsprechend, wonach die Begegnung mit einem Doppelgänger den bevorstehenden Tod ankündigt, ist der junge Kevin Cassidy ein bleicher Bruder Bölls oder zumindest unheimlicher Ausdruck einer tiefgreifenden Identitätskrise, in der zwischen Kausalität und Koinzidenz, zwischen dem Ich und dem Anderen nicht mehr gänzlich zu unterscheiden ist. Indem sich Böll in Kontingenzbeziehung zu dem gestorbenen Jungen setzt („Ich hatte in Latein eine Zwei, und Kevins Sarg wurde ins Grab gesenkt“), verrät er ein Bemühen um Sinnstiftung, das Wahnzüge trägt und ebenso Symptom der Krise ist wie bereits Mittel zu ihrer Linderung durch Veräußerung – während die Krise selbst wiederum darin begründet liegt, dass Böll ein Gespenst liebt, das letztlich gar nicht den Namen Irland trägt, sondern Deutschland.

Als Emanation dieser latenten Krise sieht er bald überall Gespenster: „Später, als ich die Kirche verlassen hatte und durch die Straßen ging, ging Kevin Cassidy immer neben mir her: ich sah ihn lebend, so alt wie mich selbst, mich selbst für Sekunden als den siebenunddreißigjährigen Kevin (…). So nah war Kevins Schatten, daß ich zwei Whiskey bestellte, als ich in die Einzelsäuferkoje zurückging“. Mit dieser Verbrüderungsgeste, in der ein besänftigendes Streben nach kontemplativer Ganzheit liegt, sucht Böll jene Furcht vor dem Verlust von Realität und Subjektautonomie zu bannen, die sich in der Projektion von Doppelgängern, Masken und Traumgestalten vor allem in der Literatur des 19. Jahrhunderts mit all ihren rätselhaften Differenzbeziehungen und verspiegelten Spielarten der Verwechslung, Auflösung und Zerrissenheit artikuliert.

 

St. Patrick's Cathedral in Dublin

 

Nun muss man aber nicht bei Dr. Freud nachlesen, um zu ahnen, dass solche Abspaltungen und Fragmente eines tendenziell unrettbaren Ichs in ihrer Wirkung stets ambivalent changieren zwischen Irritation und Faszination, dass sie nicht nur Angstblüten sind, sondern auch solche des Verlangens, des verdrängten Wunsches. Wir begehren heimlich, was wir am meisten fürchten.

Zumindest Böll ruft die Gespenster geradezu an, beschwört sie herauf, als poche in ihm eine archaische Entgrenzungslust. In einem verlassenen Geisterdorf, das er nicht umsonst als untotes menschliches Skelett beschreibt, erscheinen ihm die Ruinen und Steingiebel „wie dilettantisch aufgestellte Kulissen für einen Gespensterfilm“, und auch in Limerick werden kurz darauf die Straßen „dunkel und leer“, werden verwaist von „finsteren Wolken“, die vom Atlantik herziehen. Nur ein paar Möwen kreischen zum Angriff, und „grinsende blasse Gesichter“ tauchen hier und da auf, die Fratzen einzelner Kinder, die wie in einer Hexenküche in den Fleischerläden auf toten, aufgehängten „Rinderhälften schaukelten“ – sie „schienen Gespenster zu sein“.

Dem unterweltlichen Styx gleich, über den die Seelen aus der Welt der Lebenden ins Totenreich des Hades gelangen, fließt der Shannon durch die „düstere Stadt“ und bringt „Trauer, Verlassenheit“ über Böll und seine Familie angesichts dieser morbiden Entrückungsvision. Selbst die einsam vor den Häusern stehenden weißen Milchflaschen scheinen ihnen „für längst Verstorbene bestimmt zu sein“. Es ist, als verflüchtigte sich der ganze Ort vor ihren Augen Stück für Stück in etwas Durchscheinendes, Körperloses, eine Verwandlung wie zur Geisterstunde, die auch von ihnen Besitz zu ergreifen droht, so dass sie eilig kleine, alltägliche Dinge kaufen, „um uns der Existenz dieser Stadt zu versichern: Zigaretten, Seife, Ansichtskarten und ein Puzzle-Spiel“, die wie Totems verhindern mögen, dass Limerick plötzlich einfach „wie eine Fata Morgana (…) verschwunden“ sei.

Die Beschwörung wirkt, die Rettung gelingt, noch dieses Mal. Aber sie ist nicht von Dauer, denn Bölls Liebe zu Irland ist eine Chimäre und wie bei jedem Zaubertrick als solche schon verloren, wenn auch nur der kleinste Teil von ihr bröckelt – so wie die ganze Stadt sich nachts schleichend in einen Unort verwandelt, wo Trümmer durcheinander liegen, hinter windig vernagelten Bretterverschlägen die „Ratten rumoren“, man aufgeknackte Magazine dem Abbruch durch die Zeit überlässt, ganze Straßen wie in einem unerbittlich voranschreitenden Auflösungsprozess „immer kleiner zu werden scheinen“ und die Menschen sich trotzdem noch an ihre Illusionen klammern, dem eigenen Verfall einen Abwehrzauber entgegenhalten, die Beschwörung des Vaters, der das Geld seiner Arbeitslosenunterstützung im Pub vertrinkt und verwettet auf die Hoffnung, dass das Pferd Purpurwolke das Rennen macht, „sie muß gewinnen“, und wenn sie nicht siegt, „muß der Kummer mit ebensoviel Bier ausgelöscht werden, wie nötig war, um die Hoffnung zu nähren“, denn die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt.

 

Fahrt über den Styx, Radierung von Gustave Doré, 1861

 

Was wir hoffen, sehen und fühlen, ist instabil, es muss nicht wirklich sein, und dass am Ende diese trügerische „Schönheit weh tut“ wie jene des einsamen Küstenstrichs, an dem Mary McNamara niederkommt, erkennt man meist zu spät. Die Täuschungen und Selbsttäuschungen, denen die Menschen sich bereitwillig hingeben, um nicht realisieren zu müssen, was zu schmerzhaft ist, klingen in Bölls Tagebuch in Form vieler Sätze durch, die ihren eigenen Vorbehalt mitformulieren. Als Mary McNamara bei stürmischer Nacht unter Schmerzen ihr Kind gebärt, wirkt ihr Haus wie entschwebt, wie transzendiert in einen christlichen Mythos, rundherum „nur Bläue, Inseln, die nicht wahr sind“, die auch an Sommertagen im Wasser liegen, „als seien sie erlogen (…); Inseln, die nicht wahr sein können: grün, schwarz: eine Fata Morgana“.

Das Zeitempfinden Bölls bleibt entsprechend ambivalent, Eindrücke der Erlösung und des Morbiden halten sich in Waage. Der Zug, mit dem die Familie durch Mayo fährt und dabei wie durch die Zeit selbst reist, wird nach und nach „beängstigend leer“, an den Bahnhöfen lauern „dunkle Gesichter“, als drängten die Bölls unter Stoßgebeten („God help us“) immer tiefer vor ins Herz der Finsternis. Doch zugleich verhehlt Böll nicht seine Faszination für den Frieden, den er hier wie in einer Art Limbus oft spürt, wo der Tod, wo das Vergangene noch seinen Platz im Leben hat, uralte Siedlungen nicht eingerissen, sondern der Zeit überlassen, „nach dem Tode in Frieden gelassen“ werden. Der irische Frieden ist gerade deshalb ein irdischer Frieden (Böll betont, die Iren seien das einzige Volk Europas, das nie auf Eroberungsfeldzüge gegangen ist), weil er den Tod als ewigen Frieden integriert, nicht wie in Deutschland zwischen Nachkriegsscham und Wirtschaftswundereuphorie verdrängt.

So wie bei Kafka seit dem verschollenen Karl im Auswandern immer auch ein Auswandern aus dem Leben mitschwingt, so schwebt aber vor allem über den vielen irischen Kindern, die von ihren bitterarmen Eltern fortgeschickt werden, das Gespenst der Not, das Gespenst vom Tod; „so tief sitzt der Schock der Hungersnot“, schreibt Böll, „von Geschlecht zu Geschlecht erweist das Gespenst seine schreckliche Wirkung“. Nicht umsonst finden die Abschiede von den weinenden Kindern auf Bahnhöfen „mitten im Moor“ statt, wo sie wie „Hunderte, vielleicht Tausende“ zuvor dem Busfahrer übergeben werden, einem Wiedergänger des Fährmanns Charon, der in der griechischen Mythologie die Toten ins Reich des Hades übersetzt. Das unheimlichste aller Gespenster ist der Tod. Und der ist bekanntlich ein Meister aus Deutschland.

Kein Wunder, dass Böll in Dublin ins Kino geht. Für ihn verdichtet sich dort die Überlagerung der Zeiten, die Welt der Gespenster. Winzige, 35mm schmale Bilder vermögen den Saal in einen „Rummelplatz“ samt Geisterbahn zu verwandeln, wo Wirklichkeit und Fiktion einander überblenden: „Hin und wieder fängt eins der (…) Kinder an zu schreien, wenn die Pistolen allzu realistisch knallen, das Blut, zu echt nachgemacht, von der Stirn des Helden fließt“ – das Kino als Zeitkammer, in der man echte Gefühle unter falschen Vorzeichen hat.

 

Savoy Cinema, O'Connell Street, 1969 (c) Dublin City Public Libraries and Archives

 

Auch bei Bölls Irland-Bild handelt es sich um eine Projektion – ex negativo. Von Anfang an geistern Deutschland und Bölls Stellung darin als Doppelgänger des geliebten fremden Landes mit durch die Seiten. Erst das Doppelgängertum gestattet dem Böll'schen Ich den Ausbruch aus dem Korsett gesellschaftlich beschnittener Individualität und eröffnet ihm die Möglichkeit einer umfassenderen Erfahrung seiner Existenz. Aus Bölls Irlandliebe spricht ein Wunsch nach Vervielfältigung, nach einer stellvertretenden kathartischen Läuterung. Denn im Doppelgängertum kristallisieren sich gesellschaftliche Widersprüche ebenso heraus wie das Andere des Selbst als Figur der Verweigerung, des Widerstand, letztlich: der Transzendierung.

Böll sucht im scheinbar vormodernen Irland also nach Möglichkeiten eines Deutschlands, wie es nicht ist, aber sein könnte. Und er probt ein anderes individuelles Dasein, die Rolle eines Autors, der seine unheimliche Heimat lieben kann – und umgekehrt. Nicht umsonst hat Böll später seine Irlandreise als Flucht aus Deutschland beschrieben, wo er in der drastischen Fraktionierung der Nachkriegsöffentlichkeit vielfach heftig angegriffen wurde. In der Ferne verwandelt er sich und seine Heimat zu Gespenstern; erst außerhalb ihrer selbst kommen beide zu sich, wie der mythische Held auf seiner Reise in die Unterwelt – oder, wie es in der keltischen Mythologie heißt: Anderswelt.

Seinem irischem Ich gelingt sogar im Handstreich, was Böll in Nachkriegsdeutschland oft genug verwehrt bleibt, die erfolgreiche Aufklärung, ja Bekehrung der Ewiggestrigen in Sachen Nazitum. („'Komm', sagte ich, 'laß dir den Zahn ziehen; vielleicht tut's ein bißchen weh, aber es muß sein“.) Wofür man ihn im Heimatland vielfach heftig anfeindet – hier dauert es nur einen Whiskey lang, um zu fruchten; schon beginnt „der ganze Eiter“ herauszulaufen. Böll ist zwar „dran gewöhnt, jeden Abend irgendjemand einen bestimmten Zahn zu ziehen: ich weiß schon genau, wo er sitzt“, aber er musste erst auf die irische Mytheninsel kommen, um in ihrem Spiegel ein mögliches besseres Deutschland zu sehen und sich fast betrunken zu schauen am eigenen Doppelgänger und dem plötzlich so leichten Erfolg der „politischen Dentologie“. Der Preis dafür – eitle Passagen und falsche Bilder wie der Nazismus als Krankheit, als leicht kurierbare Beschwerde – ist stellenweise jedoch hoch.

 

Nationalmuseum Dublin, Turfboote vor Achill Island

 

Und wäre fast noch höher ausgefallen. Am letzten Tag in Dublin, als die Familie im Nationalmuseum und in der Gemäldegalerie noch einmal den vielen irischen Mythen begegnet, wird Böll all die Geister, die er rief, um ein Haar nicht mehr los. Kopfüber geraten sie auf eine „Geisterbahn im Märchenwald“, wo sich die Zeiten gefährlich überschlagen und stumme, unheimliche Mädchen Spalier stehen, um jeden Moment „ihre Schläger wie Keulen“ gegen sie zu erheben. Immer tiefer steigen Böll und seine Familie „in die dunkle Gruft zu den Mumien“ hinab, drohen sich ganz zu verlieren, und selbst als sie prustend wieder auftauchen und der Alp sich löst, bleibt der Fußboden ihres Pensionszimmers, auf dem sie ihrer letzten Stunde harren, bedrohlich in die Schräge gedreht. Auf dieser abschüssig verlaufenden Bahn der Realität kann man jederzeit abrutschen.

So gerät Bölls Abschied aus seinem Traum- und Sehnsuchtsland doch noch zu einem erlösenden Erwachen, zu einem Entkommen zurück in die Heimat. Zuletzt hat er sie beinahe herbeizusehnen gelernt, hat seinen Platz in ihr erkannt. Zu Hause schickt sich der mythische Rückkehrer klassischerweise an, das auf der Heldenreise Gefundene und innerlich Errungene zu integrieren, zum Nutzen aller: eine neue Kultur der Zeit, des Erinnerns, des Todes und der Liebe zur Heimat.

Seinen Landsleuten schrieb er bald die Gebrauchsanweisung dazu. Das Irische Tagebuch wurde zu einem der meistgelesenen Bücher Bölls, Irland über Jahrzehnte zu einem deutschen Rucksackpilgerland und Böll zu einem Schriftsteller, der endlich von allen geliebt wurde, zumindest vorübergehend. Der deutschen Literatur brachte er zudem einen erweiterten Realitätsbegriff mit.

Und sich selbst? Kaufte Böll ein Haus auf Achill Island. Immer wieder reiste er dorthin, zu der Möglichkeit eines anderen Ichs, der Utopie einer besseren Heimat, aber die Magie, die Angst, der Kampf und das Glück des ersten Mals – sie kehrten nur als Schatten ihrer selbst zurück.

 

 


Sekundärliteratur:

Volker Neuhaus (Hg.): Freipass. Forum für Literatur, Bildende Kunst und Politik (Schriften der Günter und Ute Grass-Stiftung, Band 2), Ch. Links Verlag, 2016. Beinhaltet auch eine längere Fassung des vorliegenden Textes.

Externe Links:

Heinrich Böll in Wikipedia


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