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11.12.2012, 10:53 Uhr
Norbert Niemann
AutorInnen-Blog
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Ende November reisten die SchriftstellerInnen Dagmar Leupold, Georg M. Oswald, Norbert Niemann, Nina Jäckle und Hans Pleschinski nach Moskau. Aus Russland kommen Alexander Skidan, Alisa Ganieva, Natalja Kljutscharjowa, Andrej Gelassimow und Alexander Ilichewskij im Mai 2013 nach Bayern, wo sie unter anderem zu Gast in den Literaturhäusern München und Oberpfalz sein werden.

[Moskau-Blog]: Wenn du noch einmal Moloch sagst, dann

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Glänzend leuchtende Oberflächen im GUM-Einkaufszentrum in Moskau (Wikicommons)

Und raus. Rein in die Menge der dicken Anoraks, der Mäntel mit Pelzbesatz, der Fellmützen und Hauben tief über die Ohren gezogen. Tempo ist angesagt, die Passanten haben ihr Ziel im Kopf, sie kennen die Route genau, stören sich nicht an den Hindernissen, die ihnen entgegen strömen, sich nicht anpassen an die rechte, allein richtige Geschwindigkeit, rumpeln durch, rennen weiter. Fußgängerampeln zählen die Sekunden für die wartenden Trauben, aus denen immer wieder Todesmutige hervorschnellen, hinaus auf die acht Spuren der Stadtautobahn im Zentrum von Moskau, wo ewiges Stop and Go herrscht, die Fahrzeuge ineinander verkeilt sich Gelenke auskugeln. Die digitalen Ziffern ticken rückwärts, ich habe noch über eine Minute Zeit, um aufzusehen vom Boden mit seinen Unebenheiten, dem überall aufgeschlagenen, aufgeplatzten, als Schollen unter meinen Füßen treibenden Asphalt, der beim Gehen all meine Konzentration fordert. Jedes Gebäude ein Berg, hinter dem sich neue Berge auftürmen, „dort drüben Mannheim in einem einzigen Block aus Beton“. An den Felshängen Leuchtschrift, kyrillisch, Bildschirme feuern Farbsalven, der Gipfelgrat gekrönt von gigantischen römischen Lettern, CANON, MEDIAMARKT, SONY, „wenn du noch einmal Moloch sagst, dann“.

Dann grün. Rüber über den schwarzen Gletscher, auf die gegenüberliegende Talseite, wo die zähflüssige Masse erst recht sich staut, denn aus allen Himmelsrichtungen fließt ihr Nachschub zu, dort, vor dem Eingang zur Unterwelt. Metrostation. Knotenpunkt des lymphatischen Systems einer Zwölf-Millionen-Stadt. Miniläden hinter schmalen Verschlägen in den Unterführungen, kleine Buden droben, überall Handel, überall diese absurden Verkaufsangebote, offeriert von abgerissenen, oft alten Leuten, die Lippen fest aufeinander gepresst, und wo sie doch sich öffnen, weil ein Wort, ein Slogan hindurch muss, zeigen sich schüttere Reihen von schiefen Zähnen. Taschentücher, Getränke, Zigaretten, irgendwelches bedrucktes Papier, eine kleine vertrocknete Gestalt blättert als Aufziehmännchen mit großer Geste Werbeflyer von seinem Stapel, den er in anderen Hand hält, ein Pokerkönig ohne Mitspieler, der sich vergeblich müht, seine Karten loszuwerden. Um jede nächste Ecke wieder ein Warenlager mit Geschirr und Nippes, gestapelt zwischen Kartons und Kisten entlang gekachelter Wände, unter abblätterndem Putz, auf zersprungenen Bodenfließen. Ein Säufer liegt im toten Winkel der Eingangsschleuse, blutige Stirn, den Kopf auf eine Flasche gebettet. Die junge Frau im Minirock, mit den zerrissenen Netzstrümpfen trägt eine Schärpe in den Farben der russischen Flagge um die Hüften, als sie sich umwendet, sehe ich ihren rot verschmierten Mund, der eine riesige Wunde ist, ein Geschwür, der mich anlächelt aus der Fratze eines verrückten Clowns.

Seltene Leere auf Moskauer U-Bahnhöfen (Wikicommons)

Also rein. Runter in den Bauch der M-Stadt, zuerst noch in eine der Schlangen vor den Schaltern, wo Frauen sitzen in winzigen Kabuffs. Elektronische Slots, computergestützte Codeerkennung, aber den Kartenverkauf tätigen Angestellte. Wie überhaupt ständig irgendwo Leute hocken, aufpassen. Worauf? Am Fuß der endlosen Rolltreppe, die mindestens doppelt so schnell laufen wie gewohnt, erneut jemand auf seinem Kontrollstuhl, den Blick starr hinauf in den schrägen Tunnel gerichtet, wo ständig Durchsagen aus den Lautsprechern dröhnen. Ich beobachte den nicht abreißenden Menschenstrom, der in Gegenrichtung an die Oberfläche quillt, das Bild kippt, es liegt an der Verkleidung der Schachtwände, die Plattenfugen, die Reklametafeln stehen im rechten Winkel zur Rolltreppe, so dass die Körper aussehen, als neigten sie sich weit vornüber, als wären sie Karikaturen von Menschen im Sturmwind. Drunten verliert sich die Menge in der enormen Halle mit ihren Kronleuchtern, den Brücken mit ihren zierlichen Balustraden über den Gleiskanälen, die auf weitere Ebenen dieses labyrinthischen Streckennetzes führen, „lauter unterirdische Volkspaläste“. Der altertümliche blaue Zug schießt ein mit Karacho, bremst rumpelnd, schießt rumpelnd wieder los, nachdem es irgendwie gelungen ist, noch mehr Passagiere aufzunehmen, die nun dicht gedrängt, aneinander Halt suchend im Affenzahn zum nächsten, zum nächsten, zum nächsten Volkspalast befördert werden.

Ansicht einer Moskauer U-Bahnstation aus den 1930er Jahren; Und: Schriftsteller auf der U-Bahn-Rolltreppe (v.l.n.r.: Norbert Niemann, Georg M. Oswald, Hans Pleschinski)

Wieder rauf. Auf der Rolltreppe gleiten windschiefe Körper vor Werbefotos vorbei, mit ihrer babylonischen Verwirrung von kyrillischer Schrift und westlichen Markennamen, ich tauche unter die Kuppel des Bahnhofs. Hammer und Sichel in Stuck, „Transformationsgesellschaft“. Was geht hier über in was? Sozialismus in Kapitalismus? Kommunismus in Demokratie? Mir will es eher scheinen, als schiebe sich etwas ineinander mit messerscharfen Kanten, zerschneide sich gegenseitig in lose Stücke. Unverbundene Fragmente von Systemen ragen eins ins andere, reiben, rammen, schlitzen sich auf, während jedes Einzelne weiterhin auf seinem Existenzrecht beharrt. Und die Bewohner von M. balancieren von einem Treibgut zum andern, springen, geraten zwischen die Risse, retten sich noch einmal hinüber, werden zermahlen.

Draußen jetzt. Schneegestöber, Wind. Warten auf Anschluss, das heißt, auf eine Marschrutka, einen dieser Minibusse, die, von privaten Unternehmen eingerichtet, dem Stauinfarkt der Straßen auf Busspuren entkommen. Marschrutka wie Marschroute, Marschroutchen. Nr.62 ist zu voll, sofort kommt die nächste, füllt sich mit Körpern in nassen Mänteln bis unters Dach. Ganz hinten klammere beidhändig ich, an der Haltestange pendelnd im Takt der Stöße, vor, zurück, hin, her. Bin seltsam ruhig. Etwas von der herdenhaften Gelassenheit der Moskauer hat sich auf mich übertragen. Ich bin Teil der Herde, mein Einzeldasein hat sich vorübergehend aufgelöst, ich gehöre jetzt zu dem großen Ganzen dieser zufälligen Zusammenballung, als Glied eines vielköpfigen Tiers auf Zeit auf das Wohl aller Glieder bedacht. Man reicht mir einen 100 Rubel-Schein, ich löse eine Hand von der Stange, reiche ihn weiter, das Geld wandert nach vorne, das Wechselgeld wandert zurück. Wenn hier womöglich gar keine Transformation stattfindet, wenn sich das Neue nur ins Alte bohrt, der Westen in den Osten, der Süden in den Norden, das Fremde ins Fremde, wenn hier alles vielleicht nichts weiter ist als ein Provisorium, das laufend den Schwerpunkt, die Richtung ändert, laufend die Akzente verschiebt – wohin geht dann die Reise?

Endlich da. Gespräche. Austausch von Erfahrungen, Beobachtungen. Nachfragen. „Putins Russland“, „das Russland der Oligarchen.“ In den Rolltreppenschächten bläuen Lautsprecherstimmen den Leuten pausenlos ein, Rücksicht zu nehmen, Alten, Gebrechlichen, Frauen mit Kindern Plätze zu überlassen. Der Aufseher drunten regelt im Fall des ausbrechenden Tumults die Bewegung der Massen im militärischen Ton, jetzt rechts, links, links, jetzt rechts, rechts, „wer jemals in eine solche lebensbedrohliche Chaoswalze geraten ist, ist froh um die Befehle“. Die Kinder der Neureichen in ihren Range Rovers sind noch niemals Marschrutka gefahren, „wenn du noch einmal sagst, hier möchte ich nicht leben, dann.“



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