Info
Geb.: 1.11.1911 in Bayreuth
Gest.: 4.10.1986 in New York
Namensvarianten: Hilde Marx-Peters; verh. Feigenheimer

Hilde Marx

Hilde Marx wird in Bayreuth geboren, ihre Eltern betreiben ein Textilhaus in der Richard-Wagner-Straße. Schon in frühen Jahren verfasst sie Gedichte, die sie den Eltern diktiert, weil sie selbst noch nicht schreiben kann. Sie besucht die Graserschule und gerät in das frauenfreundliche Bildungsklima der Nachkriegszeit. Zum Schuljahr 1925/26 tritt sie in die vierte – nach heutiger Zählung achte – Klasse des Humanistischen Gymnasiums ein. Die Tanzstunde wird ihr aber, weil sie Jüdin ist, in der Wagnerstadt verwehrt – es bleibt das Unbehagen über einen im Alltagsleben virulenten „passiven Antisemitismus“. Gleichwohl werden die Lehrer auf Hilde Marx’ literarisches Talent aufmerksam: bei der alljährlichen Verleihung des mit 50 Mark dotierten Jean-Paul-Preises an Schüler der Mittelschulen zählt sie zu den neun Preisträgern.

Nach der Reifeprüfung 1931 will sie Zeitungswissenschaften, Theater- und Kunstgeschichte in Berlin studieren; als im April 1933 das sich gegen Juden richtende „Gesetz gegen Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen“ in Kraft tritt, muss sie das Studium jedoch abbrechen. Auf Empfehlung des bekannten Zeitungswissenschaftlers Emil Dovivat kommt sie bei der jüdischen C.V.-Zeitung unter. Ein bereits 1934 von einem US-Bürger angebotenes Affidavit zur Ausreise nach Amerika lehnt Hilde Marx mit dem lakonischen Hinweis ab, sie werde in Deutschland noch dringend gebraucht.

Unter dem Pseudonym Marx-Peters veröffentlicht sie im Selbstverlag zunächst Gedichte (Im Vers gefangen, 1934) und betätigt sich weiterhin journalistisch. Mit der zweiten Gedichtsammlung Dreiklang. Worte vor Gott, von Liebe, vom Tag (1935) erlangt sie einen gewissen Bekanntheitsgrad in der jüdischen Öffentlichkeit und wird mit dem Literaturpreis der Künstlerhilfe der jüdischen Gemeinde Berlin ausgezeichnet. Es sind Gedichte, die in religiöser, naturmystischer und Liebesthematik vom Gemeinschafts- und Harmoniegefühl innerhalb der jüdischen Leidensgemeinschaft sprechen und das unverbrüchliche Vertrauen zu Gott in den Mittelpunkt rücken. Der Band wird schließlich verboten und Hilde Marx in den Verbotslisten neben Thomas Mann aufgeführt.

Neben ihrer journalistischen Arbeit verdingt sie sich als Kabaretttexterin für jüdische Autoren. Gleichzeitig reist sie zu Rezitationsabenden in ganz Deutschland herum, wobei sie von der Gestapo überwacht wird. In Bayreuth trägt sie beim Chanukka-Fest Gedichte vor oder gibt in kleineren Städten in unbeobachteten Momenten ihre Einschätzungen aus Berlin weiter.

Im Winter 1937/38 wird Hilde Marx von der Gestapo unter Androhung von KZ-Haft zur Ausreise in die Tschechoslowakei gezwungen, da sie sich weigert, ein Auslandsguthaben in Form einer kleinen Erbschaft in Pilsen nach Deutschland zu transferieren. Von nun an wendet sie sich ab vom Glauben und fühlt sich dem Judentum nur mehr als geschichtlich geprägte Schicksalsgemeinschaft verbunden. In Prag versucht sie mit journalistischen Gelegenheitsarbeiten über die Runden zu kommen und unterhält Kontakt mit Kafkas Freund Max Brod, der ihre Gedichte im Prager Tagblatt abdruckt. Weil das Geld für die Miete nicht ausreicht, lebt sie zeitweise mit anderen Flüchtlingen zusammen in einem unfertigen Gebäude.

Als sich ihre Lebenszustände zuspitzen, wagt sie die Ausreise in die USA. Mit viel gutem Willen des US-Konsuls und Unterstützung ihres früheren US-Bekannten erhält sie ein Visum und trifft am 14. November 1938 in New York ein. Als Gelegenheitsarbeiterin, Kindermädchen, Verkäuferin und Altenbetreuerin bestreitet sie dort ihren Lebensunterhalt, bis sie ein Diplom als Masseurin erhält. Durch Kinobesuche lernt sie Englisch, ein mehrstündiges Gedichtrepertoire eignet sich Hilde Marx beim Massieren an.

Erfolglos bewirbt sie sich um eine finanzielle Unterstützung durch die American Guild for German Cultural Freedom. Auch der Versuch, an der Columbia University weiterzustudieren, scheitert aus finanziellen Gründen. Unter dem Eindruck der Emigration beginnt sich der pathetische lyrische Stil Hilde Marx’ zu wandeln und einem einfachen, die Alltagserfahrungen des Exils einbeziehenden Ton zu weichen. In der Zwischenzeit heiratet sie den Badearzt Dr. Erwin Feigenheimer.

1951 wird ihr dritter und letzter Gedichtband Bericht veröffentlicht, der hauptsächlich im Aufbau abgedruckte Gedichte enthält. In dem titelgebenden Gedicht aus dem Jahr 1944 finden sich sowohl autobiographische Bezüge als auch Kritik an der amerikanischen Gesellschaft. Bekannt wird Hilde Marx allerdings durch ihre „One Woman Show“, auf deren Höhepunkt sie 1959 sogar im Haus der Präsidentenwitwe Eleanor Roosevelt auftritt. Im Gegensatz zu den Lecturer-Tours deutscher Emigranten während des Zweiten Weltkriegs, wie z.B. den Auftritten Erika Manns, haben diese Vortragsreisen nicht den antifaschistischen Impuls der Emigranten, sondern gleichen mehr den Rezitationsabenden Marx’ in Nazi-Deutschland. Daneben wird sie Mitglied des Auslands-PEN und seit den sechziger Jahren Redakteurin des Aufbau.

1967 besucht Hilde Marx zum ersten Mal wieder ihre deutsche Heimat, es folgen öffentliche Auftritte in Berlin und München. Zusammen mit der Stadt und Universität Bayreuth sowie dem Lyriker Jochen Lobe gelingt es, einen Kurzbesuch für Juni 1986 zu arrangieren. Am 18. Juni liest sie vor nicht allzu vielen Zuhörern ihrer ehemaligen Schule aus Werken von Kästner, Heine, Rilke und Brecht; auch eigene Texte und ein Lied in Bayreuther Mundart trägt sie vor. Trotz dieser Annäherung bleibt das Verhältnis zu ihrer Heimatstadt nicht ungebrochen. Unter dem Titel „Jetzt fühle ich mich als Emigrantin“ erscheint Hilde Marx’ letzte Publikation in der Bayreuther Lokalzeitung.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Bald, Albrecht (2000): Hilde Marx. In: Spalek, John M.; Feilchenfeldt, Konrad; Hawrylchak, Sandra H. (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 3: USA. Teil 1. K.G. Saur Verlag, Bern u.a., S. 344-370.


Externe Links:

Literatur von Hilde Marx im BVB

Literatur über Hilde Marx im BVB

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